Erst waren sie Julia und Jenni. Heute sind sie Julia und Jonathan. Ihre Beziehung hat viele Herausforderungen überdauert. Almut Röhrl hat einen bewegenden Film über die beiden gemacht.
Wenn Julia über Jonathan spricht, dann sagt sie Jey. Liebevoll klingt das und sehr vertraut. Sie sagt es oft an diesem regnerischen Vormittag am Esstisch in ihrer Wohnung in Neu-Ulm, die Julia und Jonathan mit zwei Katzen teilen.
Die beiden verbindet eine Jugendliebe. Seit 2018 sind sie verheiratet. Als sie sich kennenlernten, war Jonathan noch eine junge Frau. Über ihre besondere Liebe hat die Stuttgarter Filmemacherin Almut Röhrl eine Dokumentation gemacht. Die läuft in der Reihe „Alles Liebe“ gerade in der Mediathek des SWR. Röhrl hat das Paar schon einmal mit der Kamera begleitet: 2015 war das. „Vielleicht klingt das schnulzig“, sagt Julia da, „aber Jenni ist schon meine große Liebe.“
Jonathan – runde Brille, Mehr-als-drei-Tage-Bart, Tattoos auf den muskulösen Oberarmen – ist ein Transmann, zur Welt gekommen als Jenni. Jenni ist Einzelkind und lebt zusammen mit den Eltern in einem 1500-Einwohner-Dorf bei Ulm. „Meine Eltern haben mich einfach leben lassen“, sagt Jonathan. „Sie haben nie bestimmen wollen, welche Klamotten ich trage oder wie ich meine Haare schneide. Sie haben mich in keine Schublade gesteckt. Ich durfte einfach ich sein.“ Ein Foto aus der Kindergartenzeit zeigt ein Kind mit braven Zöpfen – aber die hat die Oma geflochten.
Einige Transmenschen empfinden es als verletzend, wenn ihr alter Name noch genannt wird. „Deadnaming“ heißt das und könnte mit „Nennen eines toten Namens“ übersetzt werden. Jonathan nicht. „Ich möchte nichts unnötig verkomplizieren, der Weg an sich ist kompliziert genug“ sagt er. „Jeder fühlt das anders, aber für mich sind das der Name und die Pronomen, dich ich ja lange hatte.“ Also haben wir zusammen mit Jonathan entschieden, Jenni, „sie“ und „ihr“ zu schreiben, wenn wir über die ersten 18 Jahre seines Lebens berichten.
Jenni trägt gern Jungsklamotten, beim Vater-Mutter-Kind-Spielen übernimmt sie immer die Rolle des Papas. Jenni lebt für den Fußball, steht im Tor und hält dort alle Bälle. Ihr Talent wird erkannt, Colleges in den USA zeigen Interesse, irgendwann klopft der FC Bayern München an. Schließlich spielt sie in der Zweiten Bundesliga. Fünf Mal die Woche fährt Jenni direkt nach der Schule mit dem Zug nach München, steht Stunden auf dem Platz, fällt um Mitternacht fix und fertig ins Bett. Zeit zum Nachdenken hat sie praktisch nicht. Wenn doch, dann fühlt sie tief in sich drinnen einen Widerwillen, dass sie sich mit der Pubertät immer mehr verändert, weiblicher wird. „Ich habe einen regelrechten Hass gegen meinen Körper entwickelt“, sagt Jonathan heute.
Der Fußball spielt lange die Hauptrolle
Mit 17 fällt Jenni im Schulchor ein lässiges Mädchen mit rasiertem Sidecut ins Auge: Julia. In den Ferien schießen zwischen den beiden Teenagern pausenlos Whatsapp-Nachrichten hin und her: „Wir haben uns durchs Schreiben ineinander verliebt“, erinnert sich Jonathan. Es dauert nicht lang, dann sind die beiden ein Paar. Julia hat gehörlose Eltern, übernimmt schon früh viel Verantwortung in ihrer Familie. „Ich war diejenige, die Telefonanrufe gemacht hat. Und auch später habe ich vieles von dem Bürokratischen übernommen, das so anfiel.“ Als Jugendliche ist es ihr peinlich, wenn jemand sieht, dass sie sich mit den Eltern in Gebärdensprache unterhält.
Eine erste Beziehung zu einem anderen Mädchen hält Jenni geheim, denn ihre Mutter fremdelt mit Homosexualität. „Meine Mutter ist sehr konservativ erzogen worden.“ Wenn sich zwei Frauen öffentlich küssen, kann sie sich Kommentare wie „Die vom anderen Ufer“ nicht verkneifen. „Ich hatte abgespeichert: Das ist nicht in Ordnung. Lesbisch sein war lange Zeit gar keine Option“, sagt Jonathan rückblickend „Als ich ihr dann schließlich gesagt habe, dass ich Frauen liebe, brach für sie eine Welt zusammen.“
Julia ist der erste Mensch, dem Jenni offenbart, dass sie sich in ihrem Körper nicht wohlfühlt. „Ich hatte da noch gar keinen Namen dafür, es war nur ein ziemlich klares Gefühl“, sagt Jonathan. „Irgendwann ist dann das Wort Transsexualität aufgepoppt – und ich dachte: Ja, das ist das.“ Schließlich geht Jonathan, der damals gerade volljährig geworden ist, heimlich zur Hausärztin und informiert sich über eine Geschlechtsangleichung. Die Medizinerin vermittelt den Kontakt zu einem Therapeuten, der sich mit dem Thema Transsexualität auskennt. Ein Jahr Therapie brauchen Patienten, bevor sie mit der Hormonbehandlung anfangen können, die aus weiblichen Zügen männliche macht, den Bartwuchs anstößt, die Stimme tiefer macht.
„Das war ein zweiter Schock für sie“
Irgendwann weiht Jonathan seine Mutter ein: „Das war ein zweiter Schock für sie, dass ich jetzt nicht mehr ihre Jenni sein möchte.“ Vor allem trieb seine Mutter um, was man im Dorf schwätzen würde. Sein Vater habe sich leichter getan: „Er sagte von Anfang an: ,Ich unterstütze dich, egal ob du ein Mann oder eine Frau sein willst.“
Bei einer familiären Krisensitzung, erzählt Jonathan, sagt Vater Uwe zu seiner Frau: „Entweder du akzeptierst es jetzt und hast ein glückliches Kind oder eben irgendwann gar kein Kind mehr. Da hat es dann bei ihr geschnackelt.“ Heute erzählt Mutter Susi stolz von ihrem Sohn und seinem mutigen Weg. Auch bei Almut Röhrls Dokumentation wirkten Jonathans Eltern mit. „In dem Zuge hat sie sich auch bei mir entschuldigt, weil sie so lange gebraucht hat, um meine Entscheidung zu akzeptieren. Meine Mum hat wirklich eine krasse Entwicklung gemacht“, sagt Jonathan. Das rechne er ihr hoch an. „Ich bin unheimlich stolz auf sie und froh über unsere Mutter-Kind-Beziehung.“ Seine Mutter habe einfach Zeit gebraucht. „Es ist doch verständlich, dass so was nicht von heute auf morgen geht“, findet der jetzt 28-Jährige. „Wenn ich Akzeptanz für meinen Weg möchte, muss ich auch akzeptieren, dass andere vielleicht mehr Zeit brauchen.“
Aber wie übersteht eine frische Liebe eine solche einschneidende Veränderung? „Wir waren im ständigen Austausch über das Thema und darüber, wie es uns beiden damit geht“, sagt Julia. Sie habe zum Beispiel Sorge gehabt, dass die Hormone ihn auch charakterlich verändern, sodass es irgendwann menschlich nicht mehr passt. Dann doch lieber trennen? Sie beschlossen, den Weg gemeinsam zu gehen und einfach zu gucken, ob der Weg ein gemeinsamer bleibt.
„Es ist wie eine zweite Pubertät“, sagt Jonathan über seine Transition. „In manchen Situationen, die mich früher kalt gelassen hätten, bin ich plötzlich laut und sauer geworden.“ Die körperliche Veränderung spürt er schon nach der ersten Testosteronspritze: „Ich war kaum aus der Arztpraxis draußen, da fing mein Hals schon an zu kratzen. Ich bin sofort wieder hoch gegangen.“ Dort beruhigen sie ihn. Das sei total normal, es bedeute, dass die Hormone wirken.
Nach ein paar Wochen werden Jonathans Muskeln größer, seine Stimme wird tiefer, er freut sich über den ersten leichten Bartschatten. Als er seinen Mitspielerinnen sagt, dass und warum er in der Rückrunde nicht mehr mit ihnen kicken kann, reagieren sie „mit Respekt und Hochachtung“. Überhaupt habe im Freundeskreis und der Familie der „Buschfunk“ gut funktioniert. „Ich musste nicht zu jedem einzelnen hingehen und sagen: Du, ich heiße jetzt Jonathan.“
Auf die Mastektomie, die Entfernung der weiblichen Brustdrüsen, habe er sich richtig gefreut: „Ich wollte eine männliche Brust. Der psychische Druck davor war viel größer als die Angst vor körperlichen Schmerzen.“ Bisher ist die Mastektomie die einzige OP, die Jonathan hatte. „Ein Penisaufbau ist ein immenser Eingriff mit mindestens vier Operationen. Und die Komplikationsrate ist hoch“, sagt er. Noch sind ihm die Risiken zu groß. „Eine Hodenprothese in der Unterhose tut es für mich gerade auch.“
„Selfmade man“
Auf Instagram lässt Jonathan andere an seiner Transition teilhaben. Augenzwinkernd bezeichnet er sich hier als „selfmade man“. „Ich hätte damals gerne jemanden gehabt, der mir sagen kann, was auf mich zukommt. Ich möchte das jetzt für andere sein.“ Deshalb habe er sich auch gerne von Almut Röhrls Kamerateam begleiten lassen. Was er vermitteln möchte? „Steh zu dem, was du tust. Spiel offen mit deinen Karten. Sei stolz darauf, dass du dir traust, diesen Weg zu gehen.“ Anfeindungen oder Diskriminierung erlebt Jonathan kaum, einen blöden Instagram-Kommentar einer früheren Kollegin einmal ausgenommen. „Wenn jemand mit meiner Art zu leben nicht einverstanden ist, fällt es mir dann auch nicht schwer, Leute gehen zu lassen.“
Jonathan war Teamleiter bei einem großen Möbelhändler, inzwischen hat er im Job reduziert und studiert an einer Fernuniversität Wirtschaftspsychologie. Den Fußball hat er aufgegeben, auch wenn es ihn immer mal wieder in den Füßen juckt. Julia hat auf Lehramt studiert, eine Fortbildung für das Schulfach „Glück“ gemacht und ist inzwischen bei der Montessori-Pädagogik gelandet. Zur Hochzeit gab es eine „geile Party mit low budget – so groß, wie man sie halt feiern kann, wenn man 22 ist und in München wohnt.“ Getanzt wurde bis drei Uhr morgens.
Irgendwann wünschen sie sich auch Kinder. Wenn Jonathan Väter sieht, die mit dem Baby im Kinderwagen an der Donau entlangjoggen, denkt er: „Irgendwann bin das ich.“
„Alles Liebe“
Dokumentation
Die Filmemacherin Almut Röhrl aus Stuttgart hat Jonathan und Julia zwei Mal mit der Kamera begleitet – einmal 2015, als Jonathan noch Jenni war, und acht Jahre später ein zweites Mal. Daraus ist die Dokumentation „Aus meiner Jenni wurde Jonathan“ entstanden, die in der Reihe „Alles Liebe“ derzeit in der Mediathek des SWR zu sehen ist.