Kolumbianische Studenten demonstrieren für den Frieden in Medellin. Präsident Juan Manuel Santos sucht nun Gespräche mit der linken ELN-Guerilla. Foto: EFE

Die kolumbianische Regierung versucht, den Friedensprozess zu retten. Präsident Juan Manuel Santos will nun auch Gespräche mit der linken ELN-Guerilla aufnehmen. Die Verhandlungen – nicht minder schwierig als mit der Farc – starten Ende Oktober in Ecuador.

Bogota - Noch ist das Friedensabkommen mit den Farc-Rebellen nicht in trockenen Tüchern, da wagt sich die kolumbianische Regierung an Verhandlungen mit der kleineren Linksguerilla ELN. Die Gespräche sollen offiziell am 27. Oktober in der ecuadorianischen Hauptstadt Quito beginnen, wie beide Verhandlungsseiten mitteilten. Mehrere Länder – etwa Kuba, Norwegen, Chile und Brasilien – unterstützen auch diese Verhandlungen.

Wenige Stunden vor der gemeinsamen Ankündigung ließ die ELN eine Geisel frei. Es war die dritte Freilassung von Entführten innerhalb von zwei Wochen. Die Regierung verlangte als Vorbedingung für Gespräche mit der Rebellengruppe die Freilassung all ihrer Verschleppten. Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos, der am Freitag mit dem Friedensnobelpreis geehrt wurde, will noch vor Ende seiner Amtszeit in zwei Jahren, einen umfassenden Frieden für sein Land erreichen. Und dafür muss er auch ein Abkommen mit dem „Ejército de Liberación Nacional“ (Nationale Befreiungsarmee, ELN) erzielen.

Noch rund 2000 aktive Kämpfer

Santos und seine Regierung hatten nach fast vierjährigen Gesprächen mit den „Revolutionären Streitkräften Kolumbiens“ (Farc) ein Übereinkommen erzielt, was aber am 2. Oktober in einem Referendum von der Bevölkerung abgelehnt wurde und nun neu ausgehandelt werden muss. Zwei Jahre lang hatten ELN und Regierung in Venezuela die Agenda von möglichen Friedensverhandlungen sondiert. Die Konfliktparteien einigten sich dabei auf sechs Themen: Waffenstillstand, Opferentschädigung, Strukturreformen etwa zur Überwindung der Armut, Demokratisierung, Implementierung des Abkommens und vor allem die aktive Beteiligung der Bevölkerung am Friedensprozess.

In diesem letzten Punkt vor allem unterscheidet sich die ELN-Agenda inhaltlich von derjenigen der Farc. Die ELN ist eine christlich und marxistisch orientierte Rebellenbewegung. Sie wurde 1965 nur ein Jahr nach den Farc gegründet. Anders als diese hat sie aber keine ländlichen Wurzeln, sondern war zunächst eher eine Stadtguerilla, die sich an der kubanischen Revolution orientierte. Nach Schätzungen von Experten hat die ELN noch rund 2000 aktive Kämpfer.

Anschläge auf die Infrastruktur

Zum Vergleich: Die Farc verfügt über rund 7000 Kämpfer zuzüglich ihrer Unterstützungsnetze in den Städten. Die ELN ist besonders stark in den Grenzregionen zu Ecuador (Departamento Nariño) und Venezuela (Arauca und Norte de Santander). Anders als die Farc finanziert sie sich deutlich weniger über den Drogenhandel und sehr viel mehr über Entführungen und Schutzgelderpressungen. Zudem verübt die ELN zahlreiche Anschläge auf Anlagen der Infrastruktur.

Für Präsident Santos ist der Friedensprozess mit der ELN nicht nur ein Schritt aus politischer Opportunität, sondern auch aus purer Notwendigkeit heraus. Zum einen kann es keinen wirklichen Frieden in dem südamerikanischen Land geben, wenn der Staat mit einer Guerilla nach wie vor im Konflikt steht. Zum anderen besteht das Risiko, dass die ELN nach einem Friedensabkommen mit der Farc Kämpfer von ihr übernimmt, die sich nicht demobilisieren wollen. Zudem gibt es mehrere Regionen in Kolumbien, in denen Farc und ELN gemeinsam oder nah beieinander aktiv sind. Dort könnte die ELN die Gebiete übernehmen wollen, die von der Farc nach dem Friedensabkommen aufgegeben werden.

Überreste der ultrarechten Paramilitärs

Sollte mit Farc und ELN letztlich ein Frieden gelingen, ist Kolumbien noch nicht vollständig frei von gewalttätigen Konflikten. In vielen Regionen des südamerikanischen Landes sind die Überreste der einst demobilisierten ultrarechten Paramilitärs aktiv. Diese sind wie andere Banden auch in den Drogenhandel verwickelt. Kolumbien ist der weltweit größte Produzent von Kokain und größtes Anbauland von Koka.

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