Die Alte Vogtei in Köngen ist seit Sommer 2018 zu. Foto: Horst Rudel

Dass die deutsche Ausgabe des „Guide Michelin“ an die seit Monaten geschlossene Alte Vogtei in Köngen einen Stern vergeben hat, ist ein Fauxpas. Er könnte auch den Ruf des altehrwürdigen Gourmetführers schmälern, sagt unser Autor Matthias Ring.

Köngen - Auszeichnungen von Gourmetführern sind eine harte Währung für die Spitzenrestaurants – und am meisten zählt der „Guide Michelin“. Zwar handelt es sich im Prinzip nur um eine Sammlung von kurz kommentierten Adressen­, aber wer einen Stern hat, kann sicher sein, dass mehr Gäste auf ihn aufmerksam werden.

Es muss gewissenhaft geprüft werden

Umso wichtiger ist es für die Gourmetszene, dass gewissenhaft und verlässlich geprüft wird. Manchen der Führer wird ohnehin­ unterstellt, dass sie nur Datenbanken aktualisieren und nicht zwingend jedes Jahr ein bewertetes Restaurant neu besuchen. Der deutsche „Guide Michelin“ mit seinem Dutzend Inspektoren scheint da über jeden Verdacht erhaben. Umso ärgerlicher ist es nun, dass mit der Alten Vogtei in Köngen ein Restaurant neu mit einem Stern geehrt wurde, obwohl es seit dem Sommer 2018 nicht mehr in Betrieb ist. Mehrmals sei ein Inspektor dagewesen, versichert der „Guide Michelin“, allerdings habe man sich gutgläubig auf die Aussagen der ehemaligen Betreiber verlassen, dass wegen einer Sanierung nur vorübergehend geschlossen sei. Dabei hätte eine kurze Recherche­ im Internet genügt: Die Homepage ist nicht zu finden, über Online-Portale ist das Restaurant nicht mehr buchbar, der letzte Post auf der Facebook-Seite der Alten Vogtei ist vom Mai 2018.

Kein Generalverdacht

Somit ist dem „Guide Michelin“ mangelnde Sorgfalt vorzuwerfen. Den Gourmetführer deswegen unter Generalverdacht zu stellen würde zu weit gehen, die Rekorde aber mit noch mehr Sternerestaurants, die auch in diesem Jahr vermeldet werden, sind dadurch relativiert. Es hat jedoch­ auch sein Gutes, wenn nicht nur Rekorde zählen. Der französische „Guide Michelin“ 2019 verkündet zwar mit 632 Sternerestaurants so viele wie nie zuvor, aber ebenso hat er auch sechs Zwei-Sterne- und drei Drei-Sterne-Restaurants abgewertet. Sterne bilden die Spitze ab, nicht die Breite, die sich – hoffentlich – nach oben orientiert. Und an der Spitze kann es eben nicht immer nur aufwärts gehen, will der „Guide Michelin“ auch morgen noch als Gradmesser ernst genommen werden.

Außerdem: Die Küche entwickelt sich weiter, viele Gäste wollen heute anders essen, leichter und lockerer, „casual“ eben, weswegen die Gourmetführer eine Abkehr von fetten Pas­teten und gesteiften Tischdecken zu begrüßen haben. Denn neue Gäste braucht die Spitzengastronomie dringend, gerade in Deutschland.

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