Genf beherbergt mehr als 46 internationale Organisationen, die Stadt in der Schweiz ist ein Hotspot multilateraler Zusammenarbeit. Jetzt aber bröckelt dieser Status.
Der Stolz ist selbst im geschriebenen Wort gut wahrnehmbar. „Mitten im Ariana-Park am Ufer des Genfersees liegt der Palais des Nations, der Völkerbundpalast“, heißt es auf der Website „myswitzerland.com“, mit der um Touristen geworben wird. Seit 1966 beherberge der Palais den europäischen Hauptsitz der UN, mehr als 8000 Nationentreffen fänden hier jährlich statt – auch im großen Versammlungssaal, „der sogar größer als die Oper von Paris ist“.
Die Schweiz hält sich viel darauf zugute, dass Genf nach New York der wichtigste Ort globaler Diplomatie ist. Mehr als 46 internationale Organisationen sind hier präsent, dazu kommen 460 Nichtregierungsorganisationen. Die Stadt ist ein Hotspot multilateraler Zusammenarbeit.
Guterres sieht UN „auf dem Weg in den Bankrott“
Aber dieser besondere Status bröckelt. Fast alle internationalen Organisationen kämpfen mit Finanzproblemen. Sie müssen Ausgaben sparen, wo immer es geht, und die Zahl ihrer Mitarbeiter verringern. Das hat viel, aber nicht nur mit US-Präsident Donald Trump zu tun, der Amerikas Zuschüsse für die Vereinten Nationen radikal gekürzt hat. Auch andere Staaten wollen nicht mehr so viel zahlen wie bisher. Der UN-Generalsekretär hat für 2026 ein Budget vorgeschlagen, das um 15 Prozent kleiner ist als im laufenden Jahr. Die Vereinten Nationen seien „auf dem Weg in den Bankrott“, klagt Antonio Guterres, wenn die Mitgliedstaaten nicht mehr einzahlten.
Viele UN-Organisationen in Genf prüfen deshalb, ob sie sich den Verbleib in der teuren Schweiz noch leisten können. Bei der Internationalen Arbeitsorganisation Ilo sind 500 der 3500 Stellen gefährdet, sie erwägt einen Umzug nach Turin. Das Kinderhilfswerk Unicef hat bereits entschieden, 300 Stellen nach Rom zu verlagern.
Konkurrenten in den Nachbarländern
In der Stadt Genf wie in der Schweizer Politik schrillen die Alarmglocken auch deshalb, weil sich andere Länder – gerade auch die Nachbarn Österreich und Italien – offensiv als alternative UN-Standorte anbieten.
„Diese Konkurrenten mobilisieren viel politisches Kapital und erhebliche finanzielle Mittel, um attraktive Angebote zu unterbreiten“, heißt es anklagend in einer Vorlage des Schweizerischen Bundesrats an das Landesparlament, unterschrieben von Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter und Bundeskanzler Viktor Rossi. Beide riefen dazu auf, die Schweiz als wichtiges Zentrum der multilateralen Kooperation zu erhalten. Diese Position sei für die Schweiz „von wesentlicher strategischer Bedeutung“.
Der UN-Standort Genf kommt zusätzlich unter Druck, weil das Gesamtsystem der Vereinten Nationen Konkurrenz bekommt. China und andere Staaten bauen gerade eigene multilaterale Foren auf, wie etwa die Organisation der Brics-Staaten. Diese haben zumeist nur kleine Zentralbüros, getagt wird an wechselnden Orten.
„Wichtiges Zentrum für globale Gouvernanz“
Um trotzdem ein „wichtiges Zentrum für globale Gouvernanz“ zu bleiben, billigten in den vergangenen Tagen die beiden Parlamentskammern der Schweiz unter anderem eine Finanzspritze von 130 Millionen Franken (139 Millionen Euro), verteilt über die nächsten vier Jahre. Das sind fünf Prozent mehr als in der vorangegangenen Periode – und durchaus bemerkenswert, weil in vielen anderen Politikbereichen gerade gespart werden muss.
Ohne innere Widersprüche ist die Schweizer Politik dabei nicht. Während sie mit zusätzlichem Geld den UN-Standort Genf päppelt, kürzte ihr Parlament vor einem Jahr bereits die Beiträge für Entwicklungshilfe und internationale Organisationen. Jetzt will der Nationalrat, die große Kammer des Parlaments, weitere 35 Millionen Franken zugunsten der Landesverteidigung umschichten. „Den UN-Standort fördern, den Organisationen Beiträge streichen – in Genf sehen das viele als widersprüchliches Signal“, kommentiert der Züricher „Tages-Anzeiger“.