Auch beim Musikverein Stadtorchester Feuerbach geht man davon aus, dass die traditionelle Kirbe vom neuen Mindestlohngesetz tangiert wird. Foto: Torsten Ströbele

Das im Januar in Kraft getretene Gesetz sorgt bei einigen Institutionen für Aufregung. Viele Vereine stehen nun vor Problemen und hoffen auf eine Nachregulierung im Sportbereich.

Stuttgarter Norden - Seit 1. Januar dieses Jahres gibt es in Deutschland den allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn. Beschäftigte müssen nun – mit ein paar Ausnahmen – einen Stundenlohn in Höhe von mindestens 8,50 Euro bezahlt bekommen. Das stellt Vereine ganz unterschiedlicher Sparten vor große Herausforderungen. Unter anderem sind Sportvereine von den gesetzlichen Neuerungen betroffen. „Das ist für uns ein großes Problem“, sagt der Vorsitzende der Sportgemeinschaft Weil­imdorf (SGW), Jürgen Diercks. Er hat ausgerechnet, dass durch den Mindestlohn pro Jahr Mehrkosten in Höhe von rund 15 000 Euro auf den Verein zukämen. Zudem hätte die Geschäftsstelle mehr Aufwand, wenn exakt nach Stunde abgerechnet werden würde.

Eine Stundenübertragung wäre eine ideale Lösung

Der Verein beschäftige etwa sechs Personen auf 450-Euro-Basis, einige als Platzwarte, einige als Übungsleiter. „Bisher haben wir das nicht nach genauer Stundenzahl abgerechnet, sondern pauschal“, sagt Diercks. Sprich, im Sommer sei viel zu tun, im Winter wenig – aufs Gesamtjahr gesehen sei die Bezahlung stimmig gewesen. Wenn nun Mindestlohn gezahlt werden müsse, könne die 450-Euro-Basis im Sommer nicht mehr eingehalten werden.

Eine Lösung hat Diercks noch nicht gefunden. Da aktuell noch Winterzeit sei und wenig Arbeit anfalle, könne der Mindestlohn noch umschifft werden, „aber bis Ostern müssen wir Klarheit haben, wie es weitergehen soll“. Er hofft, dass eine Regelung getroffen wird, nach der Arbeitsstunden von einem Monat auf einen anderen übertragen werden können. „Ich glaube nämlich auch nicht, dass unsere Leute mehr als 450 Euro verdienen wollen, denn dann müssten sie ja Steuern zahlen“, vermutet Diercks. Ihn ärgert, dass sich der Gesetzgeber nicht vorab Gedanken über die Konsequenzen des Mindestlohns auf Vereine gemacht habe. „Es wird keine Rücksicht auf die besondere Saisoncharakteristik bei Sportvereinen genommen.“

Nachregulierung ist das Wort der Stunde

Auch beim SSV Zuffenhausen hat man mit der neuen Regelung zu kämpfen. Zwar, so berichtet Geschäftsführerin Hanna Urban, habe man bislang ohnehin den Mindestlohn bezahlt. Zudem gebe es nur sehr wenige Spieler oder Trainer beim SSV, die über der jährlichen steuerfreien Verdienstgrenze von 2400 Euro lägen. Deren Abrechnungen liefen und laufen auch künftig über die Lohnbuchhaltung. Ganz anders sehe die Sache aber beim überwiegenden Großteil der Spieler und Trainer aus. Diese müssten nun eigene Zeitkonten führen, was einen erheblichen Zusatzaufwand bedeute. Wie der gestemmt werden soll, darüber mache man sich noch Gedanken. Grundsätzlich, das betont Urban, sei der Mindestlohn eine gute Sache. Ärgerlich wäre aber, dass sich im Vorfeld keiner der großen nationalen Sportverbände darum gekümmert habe, wie man ihn im Sportbereich umsetzen könne und wie man das Ehrenamt finanziell abgrenze. Vielleicht, so hofft Urban, wird es für den Sportbereich doch noch Nachregulierungen geben. Auf jeden Fall dürfte es beim SSV zumindest zwei Mitarbeiter geben, die sich über die neue Regelung vorbehaltlos freuen: Die beiden Platzwarte bekommen nun statt bisher acht Euro den Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde.

Wie sieht die Situation in Feuerbach aus?

In Feuerbach hat sich der Vorsitzende des Wein-, Obst- und Gartenbauvereins (WOGV), Helmut Wirth, intensiv mit der Thematik beschäftigt: „Der Mindestlohn gilt nicht für das Ehrenamt. Er greift aber dann, wenn ein gemeinnütziger Verein sich wirtschaftlich betätigt.“ Und das sei unter anderem bei allen Vereinsfesten mit Bewirtung der Fall. „Eben dort, wo Geld fließt, unabhängig davon, ob man einen Ertrag erwirtschaftet oder nicht“, sagt Wirth. Den rund 150 Helfern beim Kelterfest könne er den Mindestlohn nicht bezahlen. Somit müsste die Arbeit ehrenamtlich geleistet werden. Ob sich in diesem Fall noch genügend Helfer finden, weiß er noch nicht. „Beim Brackefest sehe ich kein Problem. Aber es könnte sein, dass 2015 das letzte Kelterfest stattfindet“, betont der WOGV-Vorsitzende.

Das Fleckenfest in Zuffenhausen hingegen scheint nicht gefährdet zu sein. Die Helfer dort, das berichten sowohl Hanna Urban als auch Johann Schön, Vorsitzender des Musik- und Theatervereins, würden kein Geld für ihre Tätigkeit bekommen. So verhält es sich laut dem Vorsitzenden des Botnanger Bürgervereins, Juergen R. Spingler, auch beim Ortsbus sowie dem Straßen- und Heimatfest.

Anders scheint es sich beim Musikverein Stadtorchester Feuerbach darzustellen. Der Vorsitzende Reinhard Löffler hat es zwar noch nicht schwarz auf weiß, aber er geht derzeit davon aus, dass die Mindestlohn-Debatte auch an ihm und der Feuerbacher Kirbe nicht spurlos vorbeigehen wird: „Das neue Gesetz soll dafür sorgen, dass Unternehmen ihre Arbeitnehmer nicht ausbeuten. Das ist völlig in Ordnung. Aber wenn der Mindestlohn auch bei Vereinen greifen sollte, die an zwei oder drei Tagen im Jahr eine Veranstaltung organisieren, gefährdet das deren Betrieb.“ In seiner Funktion als Landtagsabgeordneter der CDU habe er schon mit dem Landesvorsitzenden Thomas Strobl und dem Bundestagsabgeordneten Stefan Kaufmann eine Gesetzesinitiative vorbereitet, die das Problem für die Vereine lösen soll.

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