Präsidentenamt und Vorstandsvorsitzender – der VfB Stuttgart hat zwei Führungsposten zu besetzen, doch der Fußball-Zweitligist braucht vor allem eine innere Erneuerung.
Stuttgart - Es herrscht der Ausnahmezustand unterm roten Dach in der Mercedesstraße – auf vereinspolitischer Ebene. Denn wer hatte sich im Dezember 2017 beim VfB Stuttgart schon ausgemalt, dass dem Vereinsbeirat so eine wichtige Rolle zukommen würde wie aktuell. Niemand. Damals wurde das Gremium gebildet, und die Aufgabe, der Mitgliederversammlung Wahlvorschläge für das Präsidium zu unterbreiten, stand bereits in der Satzung. Unter Paragraf 18, Absatz 8.
Heute ist der Vereinsbeirat genau an diesem Punkt gefordert. Und wer sich dem Innenleben des Vereins für Bewegungsspiele von 1893 nähern will, tut gut daran, sich vor allem mit diesem achtköpfigen Gremium zu beschäftigen. Besetzt mit honorigen Leuten, die sich angeführt von Wolf-Dietrich Erhard eigentlich den Bereichen Mitglieder und Fans, Wirtschaft und Gesellschaft sowie Sport und Verein widmen.
Eine verdienstvolle Arbeit, die aber im Verborgenen läuft. Viele im Club hatten den Vereinsbeirat deshalb nicht wahr- oder ernst genommen. Doch nach dem Rücktritt von Wolfgang Dietrich Mitte Juli rücken diese eine Frau und sieben Männer in den Fokus und stellen die Weichen für die Zukunft – weil ein Machtvakuum entstanden ist und sie zwei Präsidentschaftskandidaten zur außerordentlichen Mitgliederversammlung am 15. Dezember vorschlagen. Erst einmal zeitlich befristet ist die Präsidentschaft, da im Herbst 2020 auf der ordentlichen Mitgliederversammlung schon wieder gewählt wird.
Das Dilemma des Vereinsbeirats
Niemand hat jedoch ein Interesse daran, nur eine Interimslösung zu bieten. Aus reichlich Bewerbern kann der Vereinsbeirat nun auswählen. Darunter der Schorndorfer Oberbürgermeister Matthias Klopfer (SPD) und der Böblinger Unternehmer Claus Vogt, die früh ihre Ambitionen öffentlich gemacht hatten. Aber auch Christian Riethmüller, der Geschäftsführer der Tübinger Großbuchhandlung Osiander, hat seine Unterlagen eingereicht, ebenso wie der Stuttgarter Stadtrat Markus Reiners (CDU).
Ein Bewerber, den der Vereinsbeirat selbst ins Rennen schicken will, soll Bernd-Michael Hümer sein, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart. Thilo Schäfer aus Freiberg am Neckar will ebenfalls über den Vereinsbeirat zum Zug kommen, da er die 50 notwendigen Unterstützer nicht hat. Über allen strahlt jedoch der Name von Guido Buchwald. Weltmeister von 1990, VfB-Ehrenspielführer und beliebt bei den Fans. Auch der 58-Jährige traut sich zu, die Geschicke des VfB zu lenken. An der Personalie Buchwald zeigt sich jedoch, in welchem Dilemma der Vereinsbeirat jetzt steckt. Nimmt er seinen Auftrag ernst, muss er die Frage, was gut für den VfB ist, über alles stellen.
VfB befindet sich in einer Zerreißprobe
Unabhängig von sportlichen Verdiensten und Popularität gilt es also, die Eignung der Bewerber zu überprüfen, um letztlich die zwei besten Kandidaten herauszufiltern. Da bilden die formalen Kriterien nur die Voraussetzungen. Viel wichtiger erscheint, dass der VfB eine Persönlichkeit an der Spitze benötigt, hinter der sich die Mitglieder wieder vereinen können, denn noch immer befindet sich der Club nach der Entwicklung der vergangenen Monate in einer Zerreißprobe.
Es gibt Kräfte, die vieles bewahren wollen und die Stuttgarter trotz des Abstiegs in die zweite Liga gut aufgestellt sehen. Wirtschaftlich und strukturell. Es gibt jedoch auch jene Kräfte, die den VfB immer weiter von den eigenen Ansprüchen wegdriften sehen. Sportlich betrachtet. Im Spannungsfeld zwischen Moderne und Tradition bewegt sich der VfB also.
Ein Universalstratege muss der künftige Präsident deshalb nicht sein, aber es gibt Zweifel, ob Buchwalds Fußballkompetenz reicht, um den größten baden-württembergischen Sportverein mit knapp 70 000 Mitgliedern zu führen. Denn der Vereinschef soll den VfB gesellschaftlich vertreten und als Vorsitzender im Aufsichtsrat der Fußball-AG.
Wirtschaftsgrößen sitzen dort. Und die Sitzungen sind nicht nur davon geprägt, ob mal wieder ein Trainer oder Sportvorstand entlassen wird. Es geht seit der Ausgliederung vornehmlich um die künftige, auch unternehmerische Ausrichtung des VfB. Komplexe Sachverhalte sind das, und der VfB hat das Problem, dass er nicht nur jemanden sucht, der das Präsidentenamt einerseits mit Feingefühl, andererseits aber auch mit Wucht ausfüllen kann.
Kommt erst der Päsident – oder erst der Vorstandsvorsitzende?
Im Gesamtorganigramm von e. V. und AG gibt es zurzeit sechs Leerstellen – zwei sind ausgesprochene Chefposten, da ein Vorstandsvorsitzender installiert werden soll. Mitten im Findungsprozess befindet sich der Aufsichtsrat um das Präsidiumsmitglied Bernd Gaiser. Und auch wenn die zwei Verfahren für Vereins- und AG-Boss formal getrennt laufen, so ist alles miteinander verwoben – allein in der Frage des Timings. Wird der neue Vorstandsvorsitzende noch vor der Präsidentenwahl benannt? Keiner weiß es so genau. Doch die Bestrebungen sind groß, es zu schaffen. Das Kontrollgremium verhält sich zwar ruhig, aber mit dem Gedanken an einen Präsidenten Buchwald, der im Streit aus der Runde geschieden ist, möchte man sich lieber nicht anfreunden.
Auch, weil dann wieder der große Geist von Jürgen Klinsmann auftauchen könnte. Dieser hat sich zwar aus dem Prozess verabschiedet, durch den der VfB im operativen Bereich seinen neuen starken Mann finden will – aber ein Hintertürchen hat sich der frühere Stürmer offen gehalten. In einer anderen Führungskonstellation sei er immer gesprächsbereit – und Buchwald ist sein Freund.
Jenseits der beiden Führungspositionen geht es für den VfB jedoch darum, ob mit den neuen Köpfen ein neuer Geist einzieht. Klinsmann hat dabei als Bundestrainer beim Deutschen Fußball-Bund bewiesen, dass er alte Denkmuster aufbrechen kann. Er war im positiven Sinne ein Störenfried. Jemand, der unbequem war und viel forderte. Eine Charaktereigenschaft, die dem VfB als Traditionsverein nicht schaden kann. Aber: Könnte Klinsmann auch eine Aktiengesellschaft leiten?
Dazu braucht es eine Breite an Qualifikationen. Wobei klar ist, dass kein Kandidat das Anforderungsprofil zu hundert Prozent erfüllen wird. Dennoch gilt es, das Schema zu durchbrechen, das den VfB in schwierigen Zeiten in den vergangenen Jahren gekennzeichnet hat: viel Eitelkeit, wenig Konzept, viel Aktionismus, wenig Geduld. In Summe ergibt das zu viel Beharrung und zu wenig innere Erneuerung.