Erst im Juni ist der emiratische Kronprinz Mohammed bin Zayed von Bundeskanzlerin Angela Merkel empfangen worden. Foto: dpa/Gregor Fischer

Jemen, Libyen, Sudan – die Vereinigten Arabischen Emirate mischen in vielen Konflikten mit. Aber sie haben sich verzettelt.

Abu Dhabi - Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) sonnen sich gerne in dem Prädikat „Sparta des Nahen Ostens“. Superreich, bis an die Zähne bewaffnet und mit unbändigem Machtanspruch, mischt der Zwergstaat am Golf mit seinen 1,3 Millionen einheimischen Einwohnern mittlerweile in allen Krisenherden der arabischen Unruheregion mit. In den Bürgerkriegen in Jemen und Libyen sind die Emirate mit Soldaten und Söldnern vor Ort. In der Katar-Krise gehören sie zu den Wortführern der Boykotteure, die dem Zwergstaat Katar zu enge Beziehungen zum Iran und die Unterstützung islamistischer Extremisten vorwerfen. Auch in Ägypten und im Sudan, im Libanon und in Syrien sowie beim Dauerkonflikt um die Palästinenser haben sie ihre Finger im Spiel – meist im Tandem mit dem großen Bruder Saudi-Arabien.

 

Inzwischen jedoch mehren sich die Anzeichen, dass die VAE auf den vielen Schauplätzen ihre Kräfte überdehnen. In Libyen herrscht bei der Offensive des Rebellenführers General Haftar gegen die eigene Hauptstadt Tripolis ein blutiges Patt. Ägyptens Wirtschaft bleibt ein Fass ohne Boden, in dem bereits mindestens zwanzig emiratische Dollarmilliarden verschwunden sind. Katar hat die Isolation durch seine Blockadenachbarn gut pariert. Dessen Emir war kürzlich zu Gast bei US-Präsident Donald Trump. Und der emiratische Außenminister Anwar Gargash räumte kürzlich erstmals öffentlich ein, dass der Krieg im Jemen gegen die Huthi nicht mehr zu gewinnen ist. Still und leise und im Schatten der Irankrise tritt derzeit der Großteil der 5000 Soldaten, die in der Provinz Marib, in Aden und bei der Belagerung von Hodeida im Einsatz waren, den Rückzug an.

Emirate gehören zu den weltweit größten Waffenimporteuren

Noch vor einem Jahrzehnt galten die Vereinigten Arabischen Emirate, eine Föderation von sieben Emiraten, darunter Abu Dhabi und Dubai, als apolitische Glitzerenklave, die vor allem durch Superluxus, künstliche Inseln und Rekord-Wolkenkratzer von sich reden machte. Erst als der Arabische Frühling 2011 die Machtarchitektur der Region ins Wanken brachte, begann Abu Dhabi bei der Außen- und Sicherheitspolitik mit den Muskeln zu spielen.

Treibende Kraft dieser Wende war Kronprinz Mohammed bin Zayed, damals der Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Er verdoppelte den Rüstungsetat auf mehr als 20 Milliarden US-Dollar pro Jahr und führte 2015 die Wehrpflicht ein. Seit 2014 ist der 58-Jährige de facto der mächtigste Mann in der 1971 gegründeten Föderation der Wüstenemirate. Unter seiner Regie entwickelten sich die VAE zu einem der größten Waffenimporteure der Welt. 5,6 Prozent der Wirtschaftsleistung fließen in das Militär, bei den USA sind es 3,2 Prozent.

Mit aggressiver Interventionspolitik folgt Mohammed bin Zayed, genauso wie sein saudisches Pendant Mohammed bin Salman, stets demselben autoritären Drehbuch. Beide Thronfolger wollen den Ruf der Völker nach freien Wahlen und Demokratie unterdrücken, den hegemonialen Einfluss des Iran eindämmen und die Muslimbrüder niederringen, weil diese sämtliche Monarchen am Golf als illegitime Despoten ansehen. Zu ihren Günstlingen dagegen erkor das Duo skrupellose Militärherrscher wie Abdel Fattah al-Sisi in Ägypten, Khalifa Haftar in Libyen oder Mohammed Hamdan Dagalo im Sudan, den Schlächter von Darfur, der bis heute die 15 000 sudanesischen Söldner im Jemen organisiert.

Zehntausende Söldner kämpfen im Jemen

In Ägypten finanzierten die Emirate 2013 den Sisi-Militärputsch gegen den Muslimbruder-Präsidenten Mohamed Mursi. In Bahrain halfen sie zusammen mit Saudi-Arabien der bedrängten Herrscherfamilie: Der Aufstand der schiitischen Bevölkerungsmehrheit dort wurde niedergeschlagen. In Libyen bewaffnen sie General Haftar mit chinesischen Drohnen, russischen Raketen und gepanzerten Fahrzeugen. Im Osten des Landes unterhalten sie sogar einen eigenen Fliegerhorst, von dem aus emiratische Kampfjets Angriffe für Haftar fliegen. Auch im Sudan ziehen sie nach dem Sturz von Omar al-Bashir die Strippen, um die Militärjunta an der Macht und die zivilen Kräfte möglichst klein zu halten.

Im Jemenkrieg kämpften emiratische Soldaten mehr als vier Jahre lang vergeblich gegen die Huthi-Rebellen, die bei den Herrschern am Golf als fünfte Kolonne der Islamischen Republik Iran gelten. Unterstützt wurde das VAE-Expeditionskorps durch Zehntausende Söldner aus Kolumbien, Sudan und Südafrika. Ihren wichtigsten militärischen Erfolg errang die Streitmacht im April 2016, als sie die Terrororganisation Al-Kaida aus der Hafenstadt Mukalla vertreiben konnte.

Abgesehen davon jedoch ist der Konflikt längst zu einem teuren Abnutzungs- und Stellungskrieg geronnen. Die vom Iran protegierten Huthi halten die Hauptstadt Sanaa unangefochten im Griff. Und die Katastrophe für 30 Millionen Jemeniten zehrt am internationalen Ansehen von Abu Dhabi und Riad. Beigetragen zu dem jetzt verkündeten abrupten Rückzug aus dem Jemen hat auch der eskalierende Konflikt mit dem Iran. Sollten am Persischen Golf bald ebenfalls die Waffen sprechen, braucht Abu Dhabi seine sämtlichen Truppen zur Landesverteidigung. Zudem regte sich Unwillen in ärmeren Regionen der Emirate, aus denen die meisten Soldaten für den Jemen stammten.

Riad ist enttäuscht

Für den UN-Vermittler Martin Griffiths ist der Rückzug der Emiratis „ein entscheidender Moment für das Schicksal des Krieges“, auch wenn diese beteuern, sie wollten kein strategisches Vakuum hinterlassen und mit Beratern vor Ort bleiben. Saudi-Arabien aber stürzt das Vorgehen des Juniorpartners in eine Zwickmühle, würde doch ein gleichzeitiger Abzug des Königreichs den Huthi und ihren iranischen Sponsoren einen Propagandasieg bescheren. Diplomaten zufolge reagierte Riad tief enttäuscht. Mehrfach versuchte das Königshaus, die Entscheidung abzuwenden.

Das Ganze sei ausgiebig mit Saudi-Arabien diskutiert worden, hieß es aus der emiratischen Militärführung, die die saudische Armee allerdings mit der neuen Lage für überfordert hält. Deren Einheiten seien hochgerüstet, ließen VAE-Kommandeure durchblicken, aber im Kampfeinsatz praktisch nicht zu gebrauchen.