Ellen Strauß-Wallisch am Klavier und die Lehramtsanwärterin Nina Fischer stimmen mit den Hochdorfer Grundschulkindern in der Singpause Quatsch- und Mutmach-Lieder an. Foto: Roberto Bulgrin

Gesangsvereine und Schulen kooperieren im Kreis Esslingen bei dem Programm „Tschakka – singen macht stark“. Mutmach- und Quatschlieder sind besonders beliebt.

Aus voller Kehle singen die Erstklässler: „Hallo Leute, wir sind da, hallo Leute, wir sind da“ – und winken fröhlich im Takt der Klavierbegleitung. Wenn in der Hochdorfer Breitwiesenschule die Singpause auf dem Stundenplan steht, wird es laut und bunt im Foyer. Mutmach- und Quatschlieder, Osterhasenrap und auch einige Technikübungen gehören zum Programm unter der Überschrift „Tschakka – singen macht stark“, das Ellen Strauß-Wallisch und Matthias Wallisch vom Chorverband Karl Pfaff im Kreis Esslingen initiiert haben. Inzwischen bieten 20 Schulen im Kreis Esslingen das Programm mithilfe von Kooperationspartnern an. In Hochdorf ist das der Gesangverein Frohsinn.

 

Kinder stark machen

„Eigentlich sollte man jeden Tag singen“, meint Ellen Strauß-Wallisch, die aus vielen Jahren Erfahrung als Chorleiterin schöpfen kann und das Programm an vier Schulen anbietet. Neben Hochdorf sind das die Grundschule Hegensberg-Liebersbronn, die Katharinenschule in Esslingen und die Rohräckerschule. Insgesamt 20 Schulen im Kreis Esslingen werden von Musikpädagogen betreut, eine überraschend große Zahl habe sich für das Programm angemeldet, berichtet Strauß-Wallisch. „Wir wollen die Kinder stark machen und sie das Wir-Gefühl in der Gemeinschaft erleben lassen“, erklärt die Pädagogin. So könne jedes Kind spüren, dass alle füreinander da sind und gemeinsam etwas schaffen können.

„Alle Kinder sind plötzlich umgefallen, was ist denn da passiert?“, ruft Strauß-Wallisch und steht mit gespielter Überraschung vom Klavier auf – bei ihrem Osterhasenrap gehört es einfach dazu, dass sich das Tempo immer mehr steigert und am Schluss alle zu Boden purzeln. Egal, ob ein Quatsch- oder ein Frühlingslied das Foyer erfüllt: Bei Ellen Strauß-Wallisch wird geklatscht, gestampft und der Körper auf viele weitere Arten beim Singen eingesetzt. Musik und Bewegung passen wunderbar zusammen, das sieht auch die Rektorin Dagmar Flöck so, die genauso freudig mitmacht wie ihre Kolleginnen. Und für Flöck steht fest: „Kinder brauchen die Bewegung im Schulalltag.“

Die Kinder seien durchwegbegeistert von den Singpausen, die seit diesem Schuljahr jeden Dienstag die Jungen und Mädchen auf Trab bringen. „Musik macht Laune und ist gut für die Psyche“, sagt Flöck. Nach diesen 20 Minuten seien die Kinder kein bisschen aufgedreht, und es werde auf dem Weg zurück ins Klassenzimmer auch nicht gegrölt oder geschubst. Stattdessen seien die Kinder meist gesammelt und könnten sich gut auf den nächsten Unterricht konzentrieren.

Ein eigener Youtube-Kanal

Die Musik zurück in den Alltag holen, lautet das Ziel von Strauß-Wallisch, die von einem großen Mangel an Musikpädagogen an den Schulen spricht. Während der Coronapandemie sei außerdem schlimm gewesen, dass zeitweise weder in der Schule noch im Verein gesungen werden durfte. Um wenigstens ein bisschen den Musik-Funken zünden zu lassen, nahm die Musikerin eine Menge Lieder auf ihrem Youtube-Kanal auf. Mit dessen Hilfe hätten die Kinder neue Lieder gelernt und sich zuhause mit Musik beschäftigen können. Das sei auch weiterhin ein toller Weg, beim Mitsingen automatisch die Texte zu lernen, sagt sich die Musikerin.

Aber jetzt ist wieder Lebens- und Gesangesfreude pur angesagt. „Ihr seid ja mega gut drauf“, ruft Strauß-Wallisch und stimmt schon den nächsten Hit an: Beim Titel „Stark, stärker, wir“! von Sophie Stierle zeigen die Kinder ihren Bizeps und sind so begeistert dabei, dass Rektorin Flöck sogar vom heimlichen Schulsong spricht. Und das Schöne an dieser Art des Singens sei, dass es niederschwellig ist und keine Noten- und Instrumentenkenntnis brauche.

„Wir holen die Kinder da ab, wo sie sind“, beschreibt Strauß-Wallisch ihre Arbeit, bei der sie von der Lehramtsanwärterin Nina Fischer unterstützt wird. Das Verkopftsein falle eine Weile weg, und die Kinder erlebten, wie viel Spaß das Singen im Team bereite. Gut kommen auch Lieder über Streit und andere emotionale Themen an, berichten die Pädagoginnen, die das Singen darüber hinaus als wichtigen Teil der Sprachförderung sehen. Text und Musik verbinden sich fast automatisch mithilfe von Bewegung, Rhythmus und geklatschten Versen. Wie schnell die Kinder lernen, begeistert auch die Konrektorin Yvonne Schupp, die hofft, dass das Projekt auch im kommenden Schuljahr weiterlaufen kann.

Um die Finanzierung kümmert sich in Hochdorf der Gesangverein Frohsinn unter Leitung von Brigitte Eberle, deren Engagement Strauß-Wallisch lobt, zumal sich bei Schul- und Vereinsfesten viele Kontaktmöglichkeiten mit dem Kooperationspartner anböten. Überhaupt gebe es in den Gesangsvereinen im Kreis sehr viel musikalische Kompetenz, die sich gut über Kooperationen nutzen lasse – gerade, wenn an einer Schule Mangel an Musikpädagogen herrscht.

Die Vereine sind mit von der Partie

Idee
Die Idee für „Tschakka – singen macht stark“ entwickelte das Jugendpräsidium des Chorverbandes Karl Pfaff im Kreis Esslingen 2019 unter der Federführung von Ellen Strauß-Wallisch aus dem Projekt „Unsere ganze Schule singt“. Ziel ist es, „Kindern und Jugendlichen wieder den Zugang zum gemeinsamen Musizieren und Singen an Schulen zu ermöglichen und den Spaß und die Freude an der Musik zu erlebbar zu machen“.

Kooperation
Im Kreis Esslingen beteiligen sich 20 Schulen an dem Gemeinschaftsprojekt des Chorverbands Karl Pfaff, seinen Mitgliedsvereinen und dem Schulamt Esslingen-Nürtingen. Finanziert wird der Einsatz der Musikpädagoginnen und Sänger über örtliche Gesang- und Schulfördervereine sowie über Spenden. Zu den Förderern gehören die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt, die Stiftung Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen und der Verlag Helbling.