Heimelig ist es hier kaum: Tanztraining in schmucklosen Räumen Foto: factum/Granville

Die traditionellen Trachten sind farbenfroh – die Umgebung, in der die Tänzer des slowenischen Vereins SKUD Triglav Stuttgart trainieren, ist trist. Doch es fehlt an einer Alternative.

Stuttgart - Der Raum ist fensterlos. Die Wände sind hoch und, abgesehen von ein paar Spinden, kahl. Die Rigips-Platten an der Decke erwecken den Eindruck, als ob sie gleich herunterfallen könnten. Die bunt gemischte Tanzgruppe lässt sich die Laune dadurch jedoch nicht verderben. Hier übt es sich immer noch besser, als auf der Straße. „Es ist sicher nicht ideal hier, aber immerhin können wir weitermachen“, seufzt Simon Venta, der stellvertretende Vorsitzende des ältesten Vereins zur Pflege der slowenischen Kultur in Deutschland.

Zur Gründungszeit in den 70er-Jahren hatte SKUD Triglav Stuttgart bis zu tausend Mitglieder. Jetzt sind es nur noch 150 bis 200. „Inzwischen lebt hier die dritte Generation von Slowenen“, kommentiert Venta die Zahlen. „Für sie spielt das eigene kulturelle Erbe oft keine große Rolle mehr.“ In Berlin habe es früher zwei oder drei slowenische Vereine gegeben. Inzwischen sind sie verschwunden. „Das ist natürlich schade. Wir sehen eine wichtige Aufgabe darin, wieder ein Bewusstsein für die slowenischen Wurzeln zu wecken“, sagt Venta. Gern würde der Verein zu diesem Zweck auch mehr Werbung machen. Das sei aber nur sinnvoll, wenn man den Jugendlichen auch etwas bieten könne, erklärt der 30-jährige, der über die Slowenische Katholische Gemeinde zum Verein kam. Ein Treffpunkt ohne jeden Anflug von einladendem Flair ist da wenig hilfreich.

Die Kostüme sind „kleine Heiligtümer“

Wenigstens bringen die handgefertigten Trachten etwas Farbe in den Raum an der Landhausstraße im Stuttgarter Osten. „Sie sind kleine Heiligtümer“, schwärmt Venta. Sie werden in Ehren gehalten. „Wir sind stolz auf unsere Sammlung, die je drei unterschiedliche Varianten für neun Paare umfasst“, sagt Venta, „hier können wir sie aber leider nicht unterbringen.“

Momentan lagert der größte Teil in Kisten. Auf Dauer greift das die Stoffe an. Ganz abgesehen davon, dass es schöner wäre, wenn zumindest einige der prachtvollen Kleidungstücke gezeigt werden könnten. Passende Vereinsräume könnte man auch aus weit profaneren Gründen brauchen: Es gibt kein richtiges Büro, in dem der Papierkram vernünftig bewältigt werden könnte. Wenigstens garantiert die von der AWO bereitgestellte Räumlichkeit, dass man einigermaßen kontinuierlich arbeiten kann.

„Wir mussten in der Vergangenheit schon viel improvisieren“, blickt Simon Venta zurück. „Teilweise mussten wir von Probe zu Probe sehen, wo wir unterkommen.“ Dabei sprangen den Tänzern auch andere Vereine zur Seite. So traf man sich bei den serbischen Kollegen von SLOGA, die selbst nur in der Musikschule Zuffenhausen zu Gast sein durften. Auch in Innenhöfen und Gärten wurde schon trainiert. „Dort hat man wenigstens keine Probleme mit dem Teppichboden“, merkt Marija Mauko an, die in der 20-köpfigen Folkloregruppe dafür sorgt, dass die Schrittfolgen stimmen. „Hier bleibt man beim Tanzen immer wieder mit den Schuhen hängen.“

Dass wenig später ein junger Mann zu Boden geht, hat andere Gründe. Die kleine schauspielerische Einlage gehört zur Choreografie. Der Tölpel wird von einer Dame geschubst und geneckt, die überzeugt ist, dass er zwei linke Füße hat.

Tanzen ist ein Zeichen von Männlichkeit

„Tanzen zu können ist in Slowenien ein Zeichen von Männlichkeit“, erklärt Marija (29). „Es hat viel mit Imponiergehabe zu tun. Ein guter Tänzer ist für die Frauen interessanter als ein schlechter. Es geht in den Tänzen also auch darum, eine gewisse Rangordnung herzustellen.“ Polkas und Walzer sauge jeder Slowene mit der Muttermilch auf. Bei SKUD Triglav werden auch ausgefallenere Tänze am Leben erhalten.

„Wir fühlen uns wohl in Stuttgart“, betont Mauko, die gemeinsam mit Venta als Teenager zum Verein stieß, „die slowenische Kultur ist aber ein wichtiger Teil unserer Identität.“ Sie wisse von zwei, drei Leuten, die hier geboren wurden, Schule und Ausbildung abschlossen und dann doch nach Slowenien zogen, weil sie sich dort zuhause fühlten.

Im Interims-Trainingsraum wird es auch nicht viel heimeliger, als ein junger Mann den CD-Player abschaltet und Akkordeon spielt. Hier könnte nur ein Wunder Atmosphäre schaffen. Die Stimmung ist dennoch gut. „Es geht weiter“, sagt Venta, „und wer weiß? Vielleicht wird ja noch was aus einem gemeinsamen Haus für verschiedene Vereine unter der Schirmherrschaft des Stadtjugendrings. Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

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