Vereinbarkeit Studium und Familie Trotz vieler Bälle in der Luft – beruflich weiterbilden

Von Claudia Treml – Lesedauer: 5 Minuten  

Die Bälle oben halten  Foto: Mr Korn Flakes/Fotolia
Die Bälle oben halten Foto: Mr Korn Flakes/Fotolia

Kinder und pflegebedürftige Familienmitglieder dürfen kein Hindernis in der beruflichen Weiterbildung sein. Wie ein weiterführendes Studium mit Beruf und Familie vereinbart werden kann, darüber spricht Prof. Dr. Paul-Stefan Roß, der an einer dualen Hochschule Sozialwissenschaften lehrt.

„Kindererziehung und Pflegebedürftigkeit in der Familie dürfen Menschen nicht die Chance zur beruflichen Weiterbildung nehmen. Meiner Meinung nach sollte unser Bildungssystem so aufgestellt sein, möglichst allen die Teilhabe an beruflicher Fortbildung zu ermöglichen.“ Für Prof. Dr. Roß ist das mehr als ein Statement. Am Center for Advanced Studies der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW CAS) in Heilbronn, an dem Roß stellvertretender Direktor ist und Berufstätige berufsintegrierende Master-Studiengänge studieren, „wird dieser Anspruch in die Tat umgesetzt.“

Lebenslanges Lernen ist keine Privatangelegenheit

In der heutigen Zeit ist das lebenslange Lernen für Berufstätige nicht allein eine Empfehlung – es ist geradezu ein Muss. Deshalb darf diese Anforderung „nicht in dem Sinne ‚privatisiert‘ werden, dass Weiterbildungsinteressierte alleine sehen müssen, wie sie damit klarkommen“, sagt Roß, der am DHBW CAS auch Dekan im Fachbereich Sozialwesen ist. „Die Lebenssituationen werden immer vielfältiger und individueller. Der lineare Verlauf mit Schule, Ausbildung, Beruf, Kinder, Rückkehr in den Beruf, Rente – wird zur Ausnahme. Heute gibt es mehr und mehr Patchwork-artige Biografien, die Lebensabschnitte sind ‚kurvenreicher‘. Da lastet viel Stress auf dem Einzelnen, der gefordert ist, verschiedensten Ansprüchen gerecht zu werden. Hat man den gesellschaftspolitischen Anspruch, die Vereinbarkeit von Weiterbildung, Beruf, Familie und Freizeit zu ermöglichen, dann müssen die Weiterbildungsformate entsprechend angepasst werden. Bei uns ist das erklärter Wille der Hochschule.“

Familiengerechte Hochschule

Das DHBW CAS ist seit 2012 als Familiengerechte Hochschule zertifiziert. Um den Bedarf für die Vereinbarkeit von Studium und Familie zu ermitteln, führt die duale Hochschule regelmäßig Online-Umfragen durch. „Ein Resultat aus der aktuellen Umfrage ist der Bedarf einer Notfallbetreuung“, als Beauftragte für die Vereinbarkeit von Studium und Familie weiß Daniela Bräsemann, was Studierende mit Kind benötigen. „Studierende Eltern, die zu einer Modulveranstaltung kommen, brauchen einen Plan B, wenn die Kinderbetreuung spontan ausfällt oder das Kind krank wird. Für diese Notfälle entwickeln wir gerade Lösungen.“

Auch wird zunehmend die Pflege von Familienangehörigen ein Thema. „Deshalb werden ab Sommer 2018 am Center for Advanced Studies und den DHBW Standorten ‘Pflege-Guides‘ etabliert. Diese speziell ausgebildeten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beraten künftig Studierende, wenn ein Pflegefall in der Familie auftritt“, so Bräsemann. Außerdem ist geplant, schon bei einer Umfrage zu Studienbeginn zu ermitteln, ob Familien- oder Betreuungsaufgaben vorhanden sind, „damit wir unsere Angebote im Rahmen einer Familiengerechten Hochschule noch besser dem Bedarf anpassen können.“

Hochflexibles Studienmodell

Worin sich Familienfreundlichkeit am DHBW CAS konkret zeigt, das weiß Kim Wagner, zweifache Mutter und Masterstudierende im Studiengang Governance Sozialer Arbeit. Im vierten Semester studierend sorgt sie auch für ihre zwei Söhne, vier Jahre und zehn Monate alt.

Die 29-Jährige ist gerade in Elternzeit, studiert aber trotzdem regulär weiter. „Das ist genial. Ich kann, muss aber keine Prüfungsleistungen ablegen. Wenn die Zeit zuhause eng wird, verschiebe ich die Teilnahme an Modulen oder die Abgabe von Studienarbeiten – und hole die Prüfungsleistungen nach, wenn es passt. Das verschafft mir viel Luft.“ Vor der Entscheidung zum Masterstudium kamen Kim Wagner schon Zweifel, damals bereits mit dem zweiten Sohn schwanger. Sie äußerte ihre Bedenken im Beratungsgespräch mit ihrem künftigen Dekan Prof. Roß.

Der beruhigte sie. „Unser Leistungsversprechen zum berufsintegrierenden Masterstudium – das heißt, parallel studieren und arbeiten – ist so ausgelegt, dass die Vereinbarkeit von Studium und Beruf gegeben ist. Dieses Versprechen können wir auch auf den Bereich Familie anwenden. Glücklicherweise kam Frau Wagner früh auf uns zu, sodass wir gemeinsam passende Lösungen finden konnten.“

Die dualen Masterstudiengänge sind hochflexibel und dabei planbar: Die Studienmodule können für das zweijährige Studium im Voraus gewählt werden; den Zeitplan für den Besuch der Studienmodule und Prüfungszeiten legen die Studierenden selbst fest; verschieben, wenn nötig, den Besuch der Modulveranstaltungen und dehnen bei Bedarf die reguläre Studiendauer auf bis zu fünf Jahre aus. „Für Eltern und pflegende Angehörige kann dieses sehr stark flexibilisierte Studiensystem noch weiter gestreckt werden – vom Pausieren mit Urlaubssemestern bis zur Verlegung von Prüfungsleistungen rund um die Geburt. Ich kenne pausierende Studierende, die es geschafft haben, Module und Prüfungen wieder aufzuholen, um rechtzeitig in das Schluss-Kolloquium einzusteigen.“ Diese Beispiele gibt Prof. Roß in seinen Beratungsgesprächen gerne weiter, um Skeptikerinnen und Skeptikern Mut zu machen.

Dreifach gefordert durch Beruf, Studium und Familie

Auch Sebastian Schmid, Masterstudierender im Studiengang Supply Chain Management, Logistik und Produktion, war zuerst unsicher. Dass er im Job vorwärts kommen wollte und deshalb ein Masterstudium anstrebte, war „für ihn kein Thema“. Allerdings waren er und seine Frau beide berufstätig, der Sohn damals fünf Monate alt. Als er vom Arbeitspensum für Präsenzzeiten und Selbststudium erfuhr, schwankte er. Schließlich musste er die dreifache Belastung – Beruf, Studium und Familie – bewältigen. Doch, wie Kim Wagner, machte auch der junge Vater gute Erfahrungen. Modulveranstaltungen musste er bislang nur eine absagen, weil „Frau und Kind gleichzeitig krank waren. Ich besuchte die Veranstaltung einfach zu einem späteren Zeitpunkt.“

Außerdem empfiehlt er: „Den Druck, mit Dreifachbelastung den Master in zwei Jahren zu schaffen, sollte man sich nicht geben. Wenn der Tag voll war, kann man sich abends einfach nicht mehr konzentriert an sein Studium setzen.“ Trotzdem plant Schmid keine Verlängerung seines Master-Studiums. Hilfreich dabei ist das großzügige Angebot seines Arbeitgebers. „Meine Arbeitszeit ist voll flexibel, es gibt keine Kernarbeitszeit – für die Präsenszeiten musste ich daher keinen einzigen Tag Urlaub nehmen.“

Spielräume voll nutzen

„Besonders wenn unvorhergesehene Schwangerschaften oder Pflegefälle auftreten“, sagt Prof. Roß, „können die Spielräume vom Dualen Master voll genutzt werden.“ Gut erinnert sich der Dekan an eine Graduierungsfeier. Dort gratulierte er einer vierfachen Mutter zum erfolgreich abgeschlossenen Mastertitel – und das in der Regelstudienzeit. „Um das zu bewältigen, sind Struktur und ein sehr gutes Zeitmanagement absolute Voraussetzungen“, sagt Roß.

Weiterhin sollte man „eine gewisse Stressresistenz an den Tag legen“, weiß Kim Wagner. Und dazu über ein gut funktionierendes Netzwerk verfügen. Darauf greift die junge Mutter zurück. „Meine Familie und mein Mann halten mir den Rücken frei. Und Samstag ist fix fürs Studieren eingeplant. Mein Mann sorgt sich dann um die Kleinen und genießt diese Zeit sehr. Außerdem studiere ich in der Zeit, wenn der eine in der Kita ist und der andere schläft, bei Bedarf auch am Abend.“

Wagner nutzt noch andere Angebote, die das DHBW CAS Eltern bietet. „Die erste Zeit nach der Geburt waren mein Mann und mein kleiner Sohn bei den Veranstaltungen mit dabei – natürlich nicht im Veranstaltungsraum, sondern in einem extra Zimmer. Dort stillte ich den Kleinen ganz in Ruhe.“ Weil die Berufspraxis im Dualen Master nun mal ein zentraler Baustein ist, bleibt die junge Mutter auch beruflich am Ball. „Im Betrieb fanden Weiterentwicklungsgespräche statt, in denen meine Studieninhalte eine Rolle spielten.“ Für Studienarbeiten zog die Studierende zudem betriebliche Themen heran und tauschte sich dazu intensiv mit Chef und Kollegen aus.

Dem Wandel folgen

Kim Wagner ist optimistisch. Wenn nichts dazwischen kommt, wird die zweifache Mutter ihr duales Masterstudium im Studiengang Governance Sozialer Arbeit in der Regelstudienzeit erfolgreich abschließen. „Diese positiven Beispiele bestätigen unser Weiterbildungskonzept und unsere Angebote für Berufstätige, die sich weiterbilden wollen, aber auch stark durch Kinder oder Pflegefälle in der Familie gefordert sind“, sagt der Sozialwesen-Dekan Roß. „Dem Wandel folgend werden wir unser Konzept kontinuierlich weiterentwickeln.“


Paul-Stefan Roß

Dekan Sozialwesen und stv. Direktor

DHBW CAS