Vor ein paar Jahren war Rekhat Tudu noch bettelarm. Inzwischen hat sie sich eine Landwirtschaft aufgebaut und gibt ihr Wissen an Frauen im Dorf weiter. Foto: Netz/Rolf Wegst (privat)

Peter Dietzel, der vor seinem Umzug nach Wetzlar in Korntal gelebt und gearbeitet hat, engagiert sich seit 36 Jahren in Bangladesch als Entwicklungshelfer. In seiner alten Heimat berichtet der 59-Jährige am Donnerstag von seiner Arbeit.

Korntal-Münchingen - Der Entwicklungshelfer Peter Dietzel (59) war schon 33 Mal im vom Klimawandel besonders geplagten Land Bangladesch. Vor seinem Vortrag am Donnerstag in Korntal redet der Geschäftsführer des Vereins Netz über eisernen Willen, benachteiligte Frauen und Korruption.

Herr Dietzel, was beeindruckt Sie an den Menschen in Bangladesch am meisten?
Viele gehen sehr menschlich miteinander um und strahlen eine herzliche Wärme aus. Am meisten beeindrucken mich immer wieder Menschen, die Schwierigkeiten mit Freude annehmen. Sie betrachten Probleme als eine Herausforderung, von der sie lernen können. Gerade viele Menschen in Armut besitzen einen enormen Willen und die Fähigkeit, ihre Lage zu verändern.
Sie sagen: Das Volk treibt die Entwicklung des Landes selbst voran.
Genau, und wir als Organisation unterstützten vor allem die vom Entwicklungsprozess abgehängte und ärmste Bevölkerung. Unser stärkster Antrieb ist deren Selbsthilfe zur Selbstbestimmung, die auch Macht- und Gewaltstrukturen innerhalb der Gesellschaft herausfordert. Es gibt eine reiche Elite bis in die Regierung hinein, die ihre Interessen auf Kosten anderer umsetzt. Unsere Entwicklungsarbeit befähigt die Bevölkerung dazu, gemeinsam zu handeln und als Zusammenschluss in Form von Selbsthilfeorganisationen für ihre Interessen und Rechte einzutreten und gegen Korruption vorzugehen. Bangladesch hat in den vergangenen 30 Jahren enorme Fortschritte erzielt. Hunger, Unterernährung und Kindersterblichkeit gehen trotz der Folgen des Klimawandels deutlich zurück. Zu dieser Entwicklung trägt auch die Globalisierung bei. Bangladesch produziert viel für den internationalen Markt, vor allem Textilien. Außerdem arbeiten viele Bangladeschi im Ausland und überweisen Geld an ihre Familien.
Der Verein Netz ist vor allem im Norden tätig. Ein Projekt konzentriert sich auf Frauen.
Obwohl das Land zunehmend aufstrebt, gehört Bangladesch nach wie vor zu den ärmeren Ländern der Welt und der Norden zu den ärmsten Regionen des Landes. Wir konzentrieren uns auf die Frauen, weil sie in der männerdominierten Gesellschaft besonders benachteiligt sind. Viele sind alleinerziehend. In den vergangenen 15 Jahren haben wir rund 55 000 Frauen und ihre Familien unterstützt. Haben sie früher von umgerechnet 50 Cent pro Kopf und pro Tag gelebt, können die Familien sich heute ernähren, ihre Kinder gehen zur Schule, und die Frauen setzen sich für ihre Rechte ein.
Wie kommen Sie an die Frauen heran, denen Sie mit Startkapital helfen?
Wir arbeiten mit lokalen Entwicklungsorganisationen zusammen, die die ärmsten Dörfer suchen. Die Bewohner entscheiden dann selbst, wer an unserem Projekt teilnimmt. Dabei erhalten die Frauen ein Startkapital von rund 150 Euro und lernen in Schulungen, ihr eigenes Einkommen zu erwirtschaften. Das kann mit Hühnern und Ziegen sein, mit der Pacht von Land und Saatgut oder mit Bambus, den sie zu Körben verarbeiten, die sie verkaufen. Binnen drei Jahren gelingen 85 Prozent der Familien eine dauerhaft geregelte Ernährung.
Wie finden die Männer den Aufstieg der Frauen?
Die meisten nehmen ihn positiv auf. Die Männer aus den ärmsten Familien – meist Tagelöhner auf Feldern größerer Bauern – tragen ja weiter zum Einkommen bei, das aber nicht gereicht hat. Da sich die Lage der Familien schnell verbessert, sind selbst die kritischen Männer bald überzeugt. Die Familien entscheiden auch immer gemeinsam, wie sie das Startkapital investieren.
Ein höheres Einkommen bedeutet auch mehr Schutz vor Hochwasser.
Bangladesch liegt knapp über dem Meeresspiegel und ist sehr stark von den Folgen des Klimawandels bedroht, dessen Folge häufige Überschwemmungen sind. Sobald die Familien ihre extreme Armut überwunden haben, schütten sie ihr Land auf, sodass ihre Häuser vor Hochwasser geschützt sind. Sie legen sich Vorräte an oder pflanzen Bäume, um das Land zu befestigen.
Vortrag: „Hunger, Macht und Klima“ heißt Peter Dietzels Vortrag am Donnerstag, 25. Januar, auf Einladung des Weltladens Korntal. Er beginnt um 19.30 Uhr in der evangelischen Kirchengemeinde Korntal, Auf dem Roßbühl 2.
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