Aus dem Aktionsbündnis gegen eine Deponie in Hemmingen ist der wachsende Verein Naturgäu entstanden. Was treibt er heute so?
Wer sich im Verein Naturgäu, dem Zusammenschluss zur Erhaltung von Natur und Landschaft im westlichen Strohgäu, engagiert, hat naturgemäß mit Flora und Fauna zu schaffen. Fürs Bild im Schlosspark scheucht der Fotograf Barbara von Rotberg, Elke Kogler und Herbert Rudolf dann auch ins kniehohe Gras – weil die lila Wildblumen so schön blühen. Barbara von Rotberg nimmt es gelassen. „Da müssen wir uns nachher wohl nach Zecken absuchen.“
Dann betont sie, dass die Teilnehmenden bei Wanderungen des Vereins auf den Wegen bleiben. Zumal die Veranstaltungen sowohl Familien mit Kinderwagen als auch Ältere mit Rollator ansprechen sollen. Was sie offenbar tun: Rund 40 Personen wanderten zuletzt bei der geführten Tour durch Felder und Wälder mit, beim anschließenden Hoffest mit Führung waren geschätzt 100 Menschen dabei – sogar aus Weil der Stadt. Der Verein möchte jeden Monat „was machen“. Um im Gespräch zu bleiben, begründet Barbara von Rotberg dies.
Vom Baby bis zur über 90-Jährigen
Die Gründerin des Vereins, den es seit Februar 2023 gibt, ist sehr zufrieden mit dem, was sie und ihr Team – und die Hemminger insgesamt – erreicht haben. Überhaupt scheint der Verein einen Nerv zu treffen mit seinem Ansinnen, die Natur zu erhalten, das Naturverständnis zu fördern und das Strohgäu zu erleben, genau hinzuschauen: Was gibt es alles, was wächst alles?
53 Mitglieder zählt der Verein, nicht nur aus Hemmingen, auch aus Hochdorf und Ditzingen-Heimerdingen. Acht Mitglieder sind im Vorstand, vier Frauen, vier Männer. Bürger aller Altersgruppen seien dabei, vom Baby bis zur über 90-Jährigen. Die Natur ist etwas für alle, meint Elke Kogler. Im Verein sei die Bereitschaft groß, sich einzubringen und Arbeit zu übernehmen.
Frischluftschneise und Ackerböden erhalten
Dass sich der Verein zu dem entwickelt, was er heute ist, war am Anfang nicht abzusehen. Schließlich stand zunächst der unbedingte Wille im Vordergrund, eine Deponie zu verhindern, die Frischluftschneise sowie „beste Ackerböden“ zu schützen.
Im Herbst 2022 geriet Hemmingen – wie Großbottwar – als Standort einer neuen Erddeponie offiziell ins Visier. Die Erddeponie „Am Froschgraben“ in Schwieberdingen hat eine begrenzte Laufzeit. Massiver Protest folgte prompt. In Hemmingen rief Barbara von Rotberg ein Aktionsbündnis ins Leben. „Wir haben so viele Menschen mobilisiert, auch jüngere. Das war unglaublich.“
„Wir sahen Gefahr im Verzug“
Nach der Bürgerveranstaltung im November 2022 wurde aus dem Aktionsbündnis ein Verein. „Wir sahen Gefahr im Verzug. Als Verein haben wir mehr rechtliche Mittel und Möglichkeiten als ein Aktionsbündnis“, sagt Barbara von Rotberg. Zum Beispiel könnte der Verein im für die Deponie auserkorenen Gebiet ein Grundstück erwerben und dem Naturschutz zuführen. Auch hier war die Unterstützung groß. Barbara von Rotberg berichtet von 27 Gründungsmitgliedern. „Grandios.“ Elke Kogler sagt, das zeigt das Anliegen der Bevölkerung, etwas zu tun.
Ende November 2022 stoppte der Landkreis Ludwigsburg die Suche nach einem Deponiestandort vorerst, ehe der Kreistag sie dieses Frühjahr für beendet erklärte. Die Abfallverwertungsgesellschaft des Landkreises hat seit mehr als 20 Jahren die Entsorgungspflicht übernommen, doch gesetzlich ist die Region Stuttgart dazu verpflichtet, Entsorgungsmöglichkeiten für den auf ihrem Gebiet entstehenden Erdaushub zu schaffen. Sie sucht jetzt regionsweit nach einem oder mehreren Standorten.
„Die positive Sichtweise beflügelt uns“
Rückblickend sind die Macherinnen und Macher froh, nicht mehr gegen, sondern für etwas zu sein – ohnehin ein Muss, will man gemeinnützig sein. „Die positive Sichtweise beflügelt uns. Unser Ziel schlägt durch aufs Gemüt“, stellt Barbara von Rotberg fest. Man kriegt eine andere Wertschätzung für seine Umgebung – und damit für das Deponie-Gebiet, so Kogler. „Wenn man etwas positiv erlebt, kämpft man auch darum.“ Herbert Rudolf sagt, bei den Wanderungen bekomme man einen anderen Blick auf die Dinge und lerne viel Neues. Er habe nicht gewusst, dass beim Deponiegelände Biotope sind.
Zugute kommt dem Verein, dass die Natur viele Themen liefert. Er hat schon eine Pflanzenbörse veranstaltet und befasst sich mit Hitze. „Wir müssen die Resilienz erhöhen“, sagt Herbert Rudolf. Alle seien gefragt und könnten Flächen begrünen oder Bäume pflanzen. Als Verein könne man auch mit der Gemeinde arbeiten. Barbara von Rotberg und Elke Kogler sehen es als Vorteil, dass sie und noch zwei Vereinsmitglieder im Gemeinderat sitzen. Das bringe zusätzlich zum Input aus den Gesprächen mit sachkundigen Bürgern bei Veranstaltungen weitere Informationen. „Unser Netzwerk wird größer“, sagt Herbert Rudolf. Künftig will der Verein auch in Kitas werben. Den Jüngsten könne man zeigen, wo Lebensmittel herkommen.
Eine Übergangslösung muss her
Die Vereinsmitglieder bleiben wachsam. „Wir haben die Deponie nicht aus den Augen verloren“, sagt Elke Kogler. „Wir schauen, was die Region macht. Das Suchgebiet wurde zwar ausgedehnt, vor einer Deponie sind wir aber trotzdem nicht gefeit.“
Der Verband Region Stuttgart (VRS) setzt bei der Suche auf Bürgerbeteiligung. Bis Jahresende sollen unter anderem die Standortsuchkriterien feststehen. 2025 will er nutzen, um potenzielle Standorte und Alternativen zu finden. Da der VRS zeitnah keinen neuen Standort findet, arbeiten Landkreise und Region an einer Übergangslösung. Die wird bis mindestens 2029 nötig sein.
Infos: https://naturgaeu.de