Ute Leidig (rechts), die Staatssekretärin aus dem Sozialministerium, lässt sich von der Beratungsstellenleiterin Martina Huck die Arbeit des Vereins Wildwasser erklären. Foto: Roberto Bulgrin

Jede siebte Frau wird einmal in ihrem Leben Opfer von sexualisierten Übergriffen. Die Esslinger Beratungsstelle ist auch in Corona-Zeiten für Betroffene da.

Esslingen -

 

Stofftiere stehen auf dem Fenstersims. Auf dem Sideboard sind kleine Plastik-Comicfiguren aufgereiht. „Du bist stark“ ist der Titel eines Buches auf dem Schreibtisch. Und im Nebenzimmer liegt ruhig-friedlich Milou. Der Golden Doodle, eine Mischung aus Golden Retriever und Pudel, ist der Therapiehund des Vereins Wildwasser in der Merkelstraße in Esslingen. Seit einem Jahr ist er die Geheimwaffe der Fachberatungsstelle bei sexualisierter Gewalt, sagt Leiterin Martina Huck und berichtet von dem Fall einer Jugendlichen, die im Alter von zehn Jahren während des Aufenthalts in einer medizinischen Therapieeinrichtung sexuelle Übergriffe zweier 14-Jähriger erdulden mussten. Die Jugendliche wollte nicht mehr über diese traumatisierende Erfahrung reden, blockte ab, war schweigsam, in sich gekehrt. Erst der Auftritt von Milou schaffte einen Zugang zu der Jugendlichen. Doch nicht immer kann der wuschelig-kuschelige Therapiehund helfen. Die Coronapandemie hat die ohnehin schon anstrengende Arbeit noch erschwert, berichtet Martina Huck der Staatssekretärin Ute Leidig aus dem baden-württembergischen Sozialministerium, die im Rahmen ihrer Sommertour die Esslinger Einrichtung besucht.

Viele haben einen Zweitjob

Nach ausgiebigen Streicheleinheiten zieht sich Milou ins Nebenzimmer zurück. Er ist darauf trainiert, nur dann in Erscheinung zu treten, wenn es gewünscht wird. Trotz der vierbeinigen Unterstützung haben die neun Mitarbeiterinnen viel zu tun. Die Psychologinnen, Pädagoginnen und Therapeutinnen besetzen insgesamt 2,9 Stellen, erklärt Martina Huck, denn die meisten haben wegen der stark belastenden Tätigkeit bei Wildwasser einen Zweitjob etwa in einer niedergelassenen Praxis: „Im ersten Jahr entscheidet sich, ob ein Mitarbeiter bleibt oder sich etwas anderes sucht.“ In Nicht-Corona-Jahren werden im Durchschnitt etwa 1000 Beratungsstunden durchgeführt und 191 Fälle betreut. Wildwasser Esslingen kümmert sich sowohl um Kinder und Jugendliche bis 21 Jahre als auch um erwachsene Männer und Frauen ab 21 Jahren.

Etwa ein Drittel der Kapazitäten wird für die Beratung von Fachkräften in Schulen, Kitas oder im Jugendamt eingesetzt, die Tipps für ihr Verhalten beim Verdacht auf sexualisierte Gewalt bei Kindern und Jugendlichen erhalten. Wartelisten gibt es nicht, versichert Martina Huck: „Bei uns wird niemand abgewiesen.“ Doch der Bedarf nach einer qualifizierten Beratung sei riesig: Jede siebte Frau werde im Laufe ihres Lebens Opfer von strafrechtlich relevanter sexualisierter Gewalt, und rein statistisch gesehen würden in jeder Schulklasse ein bis zwei Kinder sitzen, die Übergriffe ertragen mussten.

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Therapeutische Spaziergänge helfen

Corona hat die Arbeit der Beratungsstelle verändert. Vier Wochen wurde sie während des ersten Lockdowns komplett geschlossen, dann durfte sie als systemrelevante Einrichtung unter strengen Hygieneauflagen wieder öffnen. Das damals gestartete Videoformat als Alternative zur Präsenzberatung funktioniert laut Martina Huck zum Teil sehr gut bei Erwachsenen. Bei Online-Beratungen müsse aber genau abgeklärt werden, für welche Personen sie geeignet sind. Bei Kindern unter 14 Jahren habe sich die Methode nicht bewährt, denn hier sei die erste Kontaktaufnahme virtuell sehr schwierig. Als Alternative wurden therapeutische Spaziergänge etwa auf dem Gartenschaugelände in Plochingen eingeführt: „Das klappt sehr gut.“ Gut gelingen würden bei der Arbeit mit Erwachsenen auch Telefongespräche, die Wildwasser über Plakate angeboten und publik gemacht hätte. Doch hier sei der personelle Aufwand und die Bindung dringend benötigter Kapazitäten sehr hoch.

Im Austausch auch mit Kollegen anderer Beratungsstellen werde gerade geprüft, welche Methoden aus den Corona-Monaten in der Nach-Pandemie-Zeit beibehalten werden sollen. Milou ist das egal. Der Therapiehund liegt zufrieden auf seinem Teppich im Nebenzimmer und wartet auf weitere Einsätze. Aber gestreichelt zu werden, das mag er auch außerhalb seiner Dienstzeiten.

Wildwasser Esslingen berät Opfer sexueller Gewalt

Die Einrichtung
Wildwasser Esslingen berät Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer, die sexualisierte Gewalt erleben oder erlebt haben, persönlich, telefonisch oder per Mail kostenlos, vertraulich und auf Wunsch anonym. Weitergeholfen wird auch Bezugspersonen und Fachkräfte, die den Verdacht auf einen Fall von sexualisierter Gewalt haben, Unterstützung bei der brauchen oder sich zum Thema informieren und fortbilden wollen.

Finanzierung
70 000 bis 90 000 Euro muss der Trägerverein von Wildwasser Esslingen pro Jahr nach Angaben von Leiterin Martina Huck aus eigenen Kraft durch Spenden, Benefizveranstaltungen, einen Anteil an Bußgeldern und Stiftungsgelder zusammenbekommen. Der Rest der für den Betrieb benötigten etwa 220 000 Euro jährlich kommen vom Landkreis Esslingen, verschiedenen Kommunen und dem Land Baden-Württemberg.

Der Kontakt Wildwasser in der Merkelstraße 16 in 73728 Esslingen ist telefonisch unter 0711/35 55 89 und per E-Mail unter info@wildwasser-esslingen.de zu erreichen. Mehr zum Thema steht unter https://wildwasser-esslingen.de/.