Etwas für Menschen mit Behinderung erreichen zu können, treibt Markus Pelkmann an. Foto: Ines Rudel

Markus Pelkmanns Sohn kam vor 26 Jahren mit einem seltenen Gendefekt auf die Welt. Inzwischen arbeitet der Vater als Vorsitzender des Vereins für Körperbehinderte Esslingen daran, das Leben seines Kindes – und das vieler anderer Menschen – zu verbessern.

Zwar ist es Markus Pelkmann gewohnt, dass Autofahrer Menschen mit Behinderung das Leben schwer machen. Dennoch traute er vor einigen Jahren während eines Urlaubs an der Ostsee seinen Augen kaum, als dort ein Streifenwagen einen Behindertenparkplatz blockierte – und die Polizisten sich einen Kaffee holten. Er habe die Beamten darauf angesprochen, erzählt der 64-Jährige. Die hätten sich allerdings wenig einsichtig gezeigt.

 

Darin erkennt Pelkmann, seit 2022 Vorsitzender des Esslinger Vereins für Körperbehinderte (VfK), ein generelles gesellschaftliches Problem. Ihm falle auf, dass der gegenseitige Respekt immer mehr verloren gehe. Für Menschen mit Behinderung sei das besonders problematisch. Mit Blick auf das Ostsee-Beispiel fragt Pelkmann: „Wie sollen andere das begreifen, wenn es sogar die Polizei so vormacht?“

Der Scharnhauser Park ist für Markus Pelkmann ein positives Beispiel für inklusive Stadtplanung. Foto: David Franck/ 

Pelkmanns Sohn kommt mit seltenem Gendefekt auf die Welt

Als VfK-Vorsitzender engagiert sich der gebürtige Münsteraner, der 1987 nach Ostfildern zog, ehrenamtlich für die Belange von Menschen mit Behinderung. Er vertritt den Verein nach außen, ist mit anderen Einrichtungen in Kontakt und bringt sich auch bei den Werkstätten Esslingen-Kirchheim ein. Bei all dem treibt ihn sein Sohn Dennis an. Der kam vor 26 Jahren mit dem PURA-Syndrom, einem seltenen Gendefekt, auf die Welt. Die Symptome der neuronalen Erkrankung sind eine Muskelschwäche und eine geistige Behinderung. Dies bemerkten Pelkmann und seine Frau Sabine, als Dennis in der Kindheit einfach nicht anfing zu laufen. „Das war natürlich am Anfang erst einmal ein Schock“, erinnert sich der ehemalige Software-Ingenieur und heutige Rentner. Inzwischen habe er jedoch längst einen anderen Blick auf die Situation.

Dennis Pelkmann sitzt im Rollstuhl und kann nicht sprechen – aber durchaus kommunizieren. „Wenn er Honig auf sein Butterbrot haben will, zeigt er auf das Glas und schlürft. Dann versteht man das auch“, sagt Vater Markus Pelkmann. Er ist sogar der Meinung, dass sein Sohn gewisse Vorteile habe. Dennis lache oft und müsse sich weniger Sorgen als andere Menschen machen. „Er lebt aus meiner Sicht in einer glücklichen Welt.“

Esslinger Verein berät Angehörige von Menschen mit Behinderung

Für die Angehörigen sei es jedoch schwierig. Oft habe man zum Beispiel dicke Bretter zu bohren, wenn es um teure Hilfsmittel wie einen elektronischen Rollstuhl geht. Pelkmann erzählt: „Da gibt es immer wieder Horrorszenarien, weil die Krankenkassen nicht einsehen, dass diese Dinge einfach notwendig sind.“ In solchen Situationen berät der VfK die Angehörigen. Pelkmann sagt über seine Arbeit in dem Verein: „Dadurch kann ich für meinen Sohn, aber natürlich auch für andere Menschen mit Behinderung etwas erreichen.“

Ziel der 1967 gegründeten Organisation ist die Selbsthilfe. Außerdem betreibt sie seit 2001 eine Wohnstätte im Scharnhauser Park in Ostfildern. Dort leben rund 60 Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung, darunter auch Dennis Pelkmann. In der Einrichtung helfen Ehrenamtliche den Bewohnerinnen und Bewohnern, ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu führen. Zugute kommt ihnen dabei die Umgebung. Den Scharnhauser Park nennt Markus Pelkmann dank vieler Aufzüge und abgeflachter Gehsteige als positives Beispiel für eine inklusive Stadtplanung. In dem vor rund 30 Jahren am Reißbrett entwickelten Stadtteil habe sich das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung gut eingespielt, man nehme aufeinander Rücksicht.

Leben mit Behinderung: Pflege und Toiletten als Problem

Allerdings sind Pelkmann zufolge längst nicht alle Behörden so bemüht wie die Ostfilderner Stadtverwaltung. So kritisiert der VfK-Vorsitzende, dass es im Kreis Esslingen keine Einrichtung gibt, die eine Kurzzeitpflege für behinderte Kinder und Jugendliche anbietet. Er fügt hinzu: „Wenn die Eltern mal krank werden oder sich die Hand verstauchen, brauchen sie eigentlich unbedingt diese Option.“ Ein geplantes Projekt brach die Diakonie Stetten 2023 aber aus Kostengründen ab.

 

Auch gebe es weiterhin zu wenige behindertengerechte Toiletten. „Wenn man nicht aufs Klo kann, wird es schwierig, am öffentlichen Leben teilzuhaben“, sagt Pelkmann. In Sachen digitale Barrierefreiheit sieht er ebenfalls großen Verbesserungsbedarf. Bei all diesen Themen will er als VfK-Vorsitzender weiterhin Druck ausüben. Ab und zu frustriere es ihn zwar, wenn er fehlendes Bewusstsein für Menschen mit Behinderung wahrnehme. Doch davon lasse sich nicht unterkriegen. Schließlich überwiegt für Pelkmann ein anderer Aspekt. Er sagt: „Ich kann durch meine Arbeit die zukünftige Lebensqualität meines Sohnes mitgestalten.“

Selbsthilfe für Angehörige

Anliegen
Der Verein für Körperbehinderte Esslingen unterstützt seit 1987 Betroffene, Eltern, Familien und Angehörige. Er hat sich zum Ziel gesetzt, Barrieren abzubauen und die Teilhabe am öffentlichen Leben im Landkreis zu verbessern. Der Organisation gehören rund 180 Mitglieder an.

Betreuung
1993 gründete der VfK gemeinsam mit der Lebenshilfe Esslingen, der Lebenshilfe Kirchheim und 30 Privatpersonen den Verein für Betreuungen Landkreis Esslingen. Dieser berät Ehrenamtliche, die Menschen mit Behinderung helfen. Außerdem übernehmen seine Mitglieder selbst Betreuungen, wenn keine Ehrenamtlichen zur Verfügung stehen.

Werkstätten
Der VfK ist einer der Gesellschafter der Werkstätten Esslingen und Kirchheim (WEK). Dort arbeiten rund 400 Menschen mit Behinderung. Das soll ihre Chancen verbessern, dauerhaft im Berufsleben Fuß zu fassen.