An dieser Stelle im Stuttgarter Osten sollten Jugendwohnheim und Stadtteilzentrum entstehen. Wegen der Sanierung des Vereins für internationale Jugendarbeit steht das Wohnheim nicht mehr zur Debatte. Foto: Jürgen Brand

Der Verein für internationale Jugendarbeit ist in Finanznot geraten. Der Sanierungsvorstand stoppte ein Bauprojekt im Stuttgarter Osten und die Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Alle anderen Dienste sollen weiterarbeiten können.

Stuttgart - An der Klingenstraße im Stuttgarter Osten gähnt eine große Baugrube. Längst hätte dort ein ambitioniertes Projekt an Höhe gewinnen müssen: Ein Wohnheim für Jugendliche aus aller Welt mit Mensa, einigen Versammlungs- und Unterrichtsräumen sowie einem eigenen Stadtteilzentrum im Erdgeschoss.

Der Verein für internationale Jugendarbeit (ViJ) plante die sozialen Angebote, der Bau- und Wohnungsverein Stuttgart, dem das 5500 Quadratmeter große Grundstück gehört, den Bau. Im Juli sollte der Grundstein gelegt werden, „der Caterer für die Feier war schon gebucht“, sagt Thomas Wolf, der Vorstand des Bau- und Wohnungsvereins (BWV). Doch zu Sekt und Kanapees auf dem Baufeld ist es nicht mehr gekommen.

„Plötzlich platzte das wie ein Luftballon“, sagt Wolf. „Der ehemalige Vorstand des ViJ, mit dem ich im Bezirksbeirat die Pläne vorgestellt hatte, ist kurz vor Weihnachten weg gewesen.“ Das Bauprojekt musste ruhen. „Vor zwei, drei Monaten“ habe der ViJ schriftlich seinen Rückzug aus dem Projekt erklärt. Über die Gründe des ViJ sagt Wolf nur so viel: „Die haben ein kleines Problem.“ Ob und welche juristischen Folgen das für beide Vereine haben könnte, lässt der Bauvereinsvorsitzende offen.

Neustart mit neuer Vorstandsvfrau

Der Verein für internationale Jugendarbeit hat die Reißleine gezogen. Dort war seit Ende des Jahres 2015 bereits ein Sanierungsvorstand aktiv, um den damaligen hauptamtlichen Vorstand zu begleiten. Otto Haug, der Vorsitzende des Verwaltungsrats, fasste im Bericht für das Jahr 2015 zusammen: „Der Verein ist in eine finanzielle Schieflage geraten. In den Jahren 2014 und 2015 wurden Ausgaben getätigt, die in keiner Weise mit den Einnahmen Schritt halten konnten. Dies führte zu einem hohen Defizit, das viel zu spät erkannt wurde. Mit Unterstützung der Landeskirche und des Diakonischen Werkes haben wir den Weg der Konsolidierung eingeschlagen.“

Die neue Vorsitzende Jutta Arndt – sie ist seit Juni 2016 hauptamtliche geschäftsführende Vorstandsfrau beim ViJ – muss mit den Konsequenzen umgehen. „Die Gruppe zur Betreuung von unbegleiteten Flüchtlingen musste im Zuge der Sanierung des Vereins aufgegeben werden“, sagt Jutta Arndt. Auch mehrere Mitarbeiter hätten nicht mehr weiterbeschäftigt werden können. In Anbetracht drastischer Sparmaßnahmen kam auch das Bauprojekt im Stuttgarter Osten auf dem Prüfstand. Der ursprüngliche Plan war, aus den zwei alten Gebäuden in der Moser- und der Urbanstraße auszuziehen, sich damit der Sanierungslasten zu entledigen und als Mieter in den Neubau im Osten einzuziehen. Daraus wird nun nichts mehr.

Jutta Arndt war zuvor als Fachbereichsleiterin für Bildung, Familie und Kultur sechs Jahre lang bei der Stadt Remseck tätig. In ihren Fachbereich fielen alle Schulen, Kindergärten und Tageseinrichtungen der Stadt. Zuvor hatte die Mittfünfzigerin die Caritas in Sindelfingen geleitet. Aus beiden Tätigkeiten bringt Arndt Erfahrungen aus der Vergütung sozialer Dienste mit.

Der Verein arbeitet zwar mit bis zu 300 Ehrenamtlichen, insbesondere bei der Bahnhofsmission. Aber er bietet auch zahlreiche Dienste an, die mit ehrenamtlicher Arbeit kaum abzudecken sind: Zum Beispiel die Anerkennung beruflicher Abschlüsse von Krankenhaus- und Pflegepersonal, die Vermittlung von Pflege- und Betreuungskräften aus Osteuropa oder das Fraueninformationszentrum, das spezialisiert ist auf die Betreuung der Opfer von Menschenhandel und auf Traumatisierte.

Insgesamt sind beim ViJ 50 Mitarbeiter fest angestellt. Aus dieser Verantwortung heraus griffen das Diakonische Werk Württemberg und die Evangelische Kirche dem Verein unter die Arme. „Wir haben ein Darlehen gegeben und begleiten den Verein bei einem umfassenden Sanierungsprozess“, bestätigt der Finanzvorstand des Diakonischen Werks, Robert Bachert. Außerdem habe man „zur Unterstützung jemand aus der Abteilung Wirtschaftsberatung ins Aufsichtsgremium des ViJ entsandt“.

Bau- und Wohnungsverein sucht neue Nutzer

Jutta Arndt ist froh über den Kurswechsel und über die Hilfen: „Die Sanierung greift. Alles, was wir machen, planen wir nun kostendeckend und können im kommenden Jahr ohne Unterstützung wirtschaften.“ Die bestehenden Dienste müssten nicht eingeschränkt werden.

Im Osten sucht der Bau- und Wohnungsverein nun nach einer anderen Lösung. Das sei vor allem deshalb problematisch, weil die Verträge mit den Rohbauunternehmen schon unterschrieben, Baukörper und Baustruktur auf die Planungen des gemeinnützigen Vereins ausgelegt gewesen seien. „Unsere Planungskosten bewegen sich in einem hohen sechsstelligen Bereich“, sagt Vorstand Thomas Wolf.

Trotzdem versuche man nun, einen anderen Träger zu finden und „eine gute Lösung für diesen Stadtteil hinzukriegen“. Im November müsse dem Verwaltungsrat des Bau- und Wohnungsvereins ein Vorschlag gemacht werden.

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