Der Streik hat Auswirkungen auf den Schülertransport. Das betroffene Unternehmen bekam den Streikaufruf um 3 Uhr Nachts. Viele Kinder mussten lange auf den Bus warten, darunter auch Erstklässler. Verdi sagt „unschöne Situation“.
Altkreis Leonberg - Der letzte Bahnstreik ist noch nicht lange her, da ging es schon weiter mit den nächsten Einschränkungen für Fahrgäste des öffentlichen Nahverkehrs: Ende letzter Woche kündigte die Gewerkschaft Verdi Streiks im privaten Omnibusgewerbe in Baden-Württemberg an, kurz vor der inzwischen siebten Verhandlungsrunde mit dem Verband der baden-württembergischen Omnibusunternehmer (WBO). Für Dienstag war der Hauptstreiktag geplant, vielerorts kam es auch am Montag und am Mittwoch zu Ausfällen. Auch im Landkreis Böblingen, wo etwa die Linien von Wöhr Tours mit Sitz in Weissach bestreikt wurden.
Kinder müssen auf Schulbus warten
Deutlich weniger Vorlaufzeit bekam das Busunternehmen Seitter aus Friolzheim im Enzkreis, das etwa die Buslinien 652 zwischen Leonberg und Friolzheim oder die 653 zwischen Leonberg und Porsche über Rutesheim betreibt. Auch Teile des Schulbusverkehrs in Rutesheim, Leonberg und den Enzkreisgemeinden stellt die Firma Seitter. Erst um 3.30 Uhr in der Nacht von Montag auf Dienstag hätte man von der Gewerkschaft Bescheid bekommen, dass auch hier Mitarbeiter im Streik ihre Arbeit niederlegen wollen, erzählt Geschäftsführer Alf Seitter. Nur zufällig sei er um diese Uhrzeit bereits in der Firma gewesen. „Wir haben dann notdürftig einige Busse besetzt“, erklärt er. „Um wenigsten den Schülerverkehr aufrecht zu halten.“ Er und sein Onkel Karl-Heinz Seitter, der ebenfalls Geschäftsführer der Firma ist, wären selbst eingesprungen, und sammelten etwa 70 Schülerinnen und Schüler ein, die am Rutesheimer Bahnhof auf den Schulbus warteten. In die Schule kam am Ende jedes Kind – wenn auch mit reichlich Verspätung.
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Betroffen war auch die Theodor-Heuss-Realschule. An den Schulbushaltestellen in Perouse und am Heuweg hätten Kinder bis zu eine halbe Stunde warten müssen, berichtet die stellvertretende Schulleiterin Franziska Schimo-Lott. „Keiner wusste vom Streik“, berichtet sie. „Für die Kinder war die Situation nicht lustig.“ Unter den wartenden Schülerinnen und Schülern seien auch einige Erstklässler gewesen. „Die sind schnell verunsichert und wissen dann gar nicht, was sie machen sollen.“ Der Streitzeitpunkt gleich zu Beginn des neuen Schuljahres: für Schimo-Lott nicht ideal.
Kurzfristige Streikansage hatte Grund
„Das ist natürlich eine unschöne Situation, die in Rutesheim zusammengekommen ist“, betont Andreas Schackert, Verdi-Landesfachbereichsleiter für Verkehr. „Ich habe auch volles Verständnis für Eltern, die sich beschweren.“ Die kurzfristige Streikansage bei der Firma Seitter sei ein Ausnahmefall gewesen – eine Ausnahme mit Grund. „Wir haben die Omnibusunternehmen in der Region zum Streik aufgerufen, und hatten dabei bestimme Unternehmen im Blick“, erklärt er. In der ursprünglichen Streikplanung nicht dabei gewesen wären die Mitarbeiter der Firma Seitter. Diese hätten sich am Montagnachmittag selbst bei der Gewerkschaft gemeldet und den Wunsch nach einer Teilnahme an Streik geäußert.
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Viel Verständnis für die daraufhin spontan ausgesprochene Streikansage und den Ausfall der Schulbusse hat Unternehmer Alf Seitter unterdes nicht: „Das hat mit Arbeitskampf nichts mehr zu tun, da geht es um die Sicherheit von Kindern“, sagt er am Mittwochnachmittag. „Verdi hat in diesem Streik ganz klar falsche Akzente gesetzt.“ Eine punktuelle Bestreikung wie die der letzten Tage „verändert nichts.“
Arbeitsbedingungen „unter aller Sau“
Streikgrund sind für Verdi unter anderem die Pausenregelung bei vielen privaten Busunternehmen in Baden-Württemberg: Fahrplanbedingte Pausen, etwa an Endhaltestellen, werden nicht bezahlt. „Die Busfahrer haben 12- Stunden-Schichten, können in dieser Zeit ihre Familie nicht sehen, bekommen dann aber nur acht Stunden bezahlt“, empört sich Schackert. Keine familienfreundlichen Arbeitsbedingungen, und „unter aller Sau.“ In Sachen Pausenregelung bestehe ganz klar Handlungsbedarf, sagt auch Alf Seitter. Das sei in seinem Unternehmen zwar nicht die Regel, „kommt aber auch mal vor.“ Er findet: Hier müsse bei Landkreisen und Land angesetzt werden, die bei den entsprechenden Auftragsausschreibungen natürlich das private Omnibusunternehmen mit dem günstigsten Angebot wählen würden.
Für die Fahrgäste ist jetzt erst einmal Rückkehr in gewohnte Bahnen angesagt: Ab Donnerstag wird nicht mehr gestreikt. Vor der nächsten Tarifverhandlung am 21. September sind laut Verdi keine weiteren Aktionen geplant.