Frank Bsirske am vorigen Mittwoch bei der Streikkundgebung in Mannheim: Nie zuvor bei Tarifrunden des öffentlichen Dienstes hat er eine solch günstige Situation vorgefunden. Foto: dpa

Verdi-Chef Frank Bsirske weist den Arbeitgebern die Richtung für die dritte Tarifverhandlungsrunde im öffentlichen Dienst. Er will höhere Lohnzuwächse herausholen als in den Vorjahren – und für die unteren Einkommen ein extra dickes Plus.

Stuttgart - Der Tarifstreit von Bund und Kommunen soll von Sonntag bis Dienstag in Potsdam gelöst werden. Misslingt dies, so kündigt Gewerkschaftschef Frank Bsirske im Interview mit unserer Zeitung an, will Verdi richtig streiken.

Herr Bsirske, die Rekordüberschüsse von Bund und Kommunen treiben die Erwartung der Beschäftigten vor dem Tarifabschluss immer höher. Wie wollen Sie die erfüllen?
Nach zwei Verhandlungsrunden, in denen praktisch nichts passiert ist, sind wir jetzt in der zweiten bundesweiten Streikwelle. Mit den ganztägigen Streiks diese Woche wollen wir die Blockade durchbrechen. Von Sonntag bis Dienstag schlägt dann die Stunde der Wahrheit.
Wenn die Arbeitgeber nicht springen, legen Sie bei den Streiks richtig nach?
Davon können Sie ausgehen. Es geht nicht darum, Konfrontation um der Konfrontation willen zu suchen. Am Ende müssen die Ergebnisse stimmen und auf beiden Seiten Akzeptanz finden. Derzeit brummt die Wirtschaft, von goldenen Zeiten ist die Rede und von Festtagsstimmung in der deutschen Wirtschaft. Daran wollen die Arbeitnehmer teilhaben. Deshalb ist die Beteiligung an den Warnstreiks so hoch. Lohnerhöhungen von Zwei-Komma-X-Prozent wie in den Vorjahren werden unseren Mitgliedern sicher nicht reichen, zumal die Inflationsrate gestiegen ist. Wenn die Arbeitgeber das verstehen, werden wir uns am Verhandlungstisch einigen können. Sollten sie freilich weiter mauern und auf Konfrontation setzen, werden wir entsprechend reagieren.

Verlangt dies aus Ihrer Sicht nach einer Drei vor dem Komma, pro Jahr gerechnet?
Ich habe bisher vermieden, eine Ziffer zu nennen. Aber ich stimme vollkommen zu: Dieser Abschluss muss deutlich über dem liegen, was wir in den vorigen Jahren erlebt haben.
Dass die Arbeitgeber noch kein Angebot vorgelegt haben, muss kein schlechtes Zeichen sein?
Besser wäre, es läge ein vernünftiges Angebot vor.
VKA-Präsident Böhle hat sich zuversichtlich geäußert, dass man in der dritten Runde zu einem Ende kommen werde – teilen Sie diesen Optimismus?
Ich würde mich freuen, wenn das gelänge. Im Moment gibt es dafür allerdings noch keine belastbaren Anhaltspunkte.
Die Kommunen stören sich vor allem an der geforderten Mindestanhebung von 200 Euro?
Die Arbeitgeber sagen, dass der Lohnabstand auf die Privatwirtschaft in hohen und höchsten Entgeltgruppen am ausgeprägtesten ist. Dort gäbe es auch die größten Probleme mit der Wettbewerbsfähigkeit des öffentlichen Dienstes am Arbeitsmarkt. Wir wollen dem Rechnung tragen. Gleichzeitig brauchen wir aber auch für die unteren und mittleren Einkommen einen deutlichen Sprung nach oben. Das geht mit einem reinen Prozentabschluss nicht.
Was meinen Sie?
Ich rede hier von Beschäftigten, die keine üppigen Löhne haben und harte, für die Gesellschaft wichtige Arbeit verrichten, etwa in der Krankenpflege, der Gepäckabfertigung an Flughäfen, im Personennahverkehr. Da gibt es Löhne zwischen 1800 und 2800 Euro brutto. Das reicht oft vorne und hinten nicht. Wann, wenn nicht jetzt, ist der richtige Zeitpunkt für kräftige Lohnzuwächse? Das ist auch wichtig, um Mitarbeiter im öffentlichen Dienst zu halten und sie dafür zu gewinnen. Nehmen Sie zum Beispiel den Bereich der Altenpflege. Da ist die Versorgungssicherheit ja schon gefährdet. Es werden bereits Patienten abgewiesen, weil Fachkräfte fehlen. Auch im IT-Bereich oder in der Bauverwaltung ist es teilweise sehr schwierig geworden, Mitarbeiter zu gewinnen. Zum Teil werden vorhandene Investitionsmittel nicht abgerufen, weil Fachkräfte fehlen und zu den aktuellen Lohnniveaus im öffentlichen Dienst nicht kommen wollen. Das darf so nicht weitergehen. Wir sind alle auf einen funktionsfähigen öffentlichen Dienst angewiesen. Der Erhalt der Funktionsfähigkeit ist ein Muss. Dazu gehören auch gute Löhne.
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