Ausschnitt aus einem Propagandavideo des IS Foto: Syriadeeply.org

Das mit Gasflaschen beladene Auto vor Notre-Dame in Paris hinterlässt viele unbeantwortete Fragen. Frankreichs Präsident François Hollande spricht von einem vereitelten Anschlag.

Paris - . Frankreich rätselte seit Tagen, was es mit einem Auto voller Gasflaschen auf sich hatte, das die Polizei am vergangenen Sonntag in Paris sichergestellt hatte. Der Peugeot 607 war ohne Nummernschilder und mit Warnblinkern in der Nähe der Notre-Dame-Kathedrale stehen gelassen worden.

Ein Kellner des gegenüber liegenden Bistros rief die Polizei. Sie entdeckte sechs volle Gasflaschen, die als Bomben dienen könnten, aber keine Sprengsätze.   Die Ermittlungen führten über den Wagenbesitzer zu seiner Tochter, die den Antiterrorbehörden bekannt war. Am Donnerstagabend wollte die Polizei sie in ihrer Wohnung im Pariser Vorort Boussy-Saint-Antoine verhaften. Die gerade volljährige Frau, deren Name mit Inès Madani angegeben wird, stürzte sich mit einem Fleischermesser auf einen Ordnungshüter und verletzte ihn an der Schulter, bevor sie mit Schüssen ins Bein unschädlich gemacht wurde.

Radikalisierte und fanatisierte Frauen

Innenminister Bernard Cazeneuve sagte, dass sein Polizeidienst in einem „Wettlauf mit der Zeit“ ein womöglich noch am gleichen Abend geplantes Attentat verhindert hätte. Im Mittelpunkt stünden die drei „radikalisierten und fanatisierten Frauen“ im Alter von 19, 23 und 33 Jahren. Als einen möglichen Tatort nennen Polizeistellen unter anderem den Pariser Bahnhof Gare de Lyon. Dort war am Donnerstag Alarm ausgelöst worden.

Offen bleibt fürs erste die Rolle des sichergestellten Peugeots. Sieben Personen – neben den drei Frauen zwei Ehepaare – sitzen deswegen in Untersuchungshaft.   Die festgenommene 19-Jährige soll Reisepläne nach Syrien verfolgt haben und schwor in einem bei ihr sichergestellten Brief der Terrormiliz IS Gefolgschaft. Gemäß der Radiostation RTL wollte das Frauentrio die Tötung des IS-Sprechers Mohamed Al Adnani rächen. Laut anderen Medien stand sie in Kontakt mit der Frau von Ahmedy Coulibaly, der im Januar 2015 nach zum Charlie-Hebdo-Attentat Geiseln in einem jüdischen Supermarkt genommen hatte.

Nicht nur Einzelfälle

Ein Novum ist für Frankreich, dass der Kern der mutmaßlichen Terrorgruppe aus Frauen besteht. Konsterniert nimmt das Land zur Kenntnis, dass es sich keineswegs um Einzelfälle handelt. Laut neuesten Geheimdienstzahlen sind von den 689 Dschihadisten, die aus Frankreich nach Syrien gereist sind und dort aktuell im Krieg sind, 265 Frauen. Das wäre mehr als ein Drittel.   Viele Dschihadisten wurden vom IS zuerst als „humanitäre Helferinnen“ angeworben, andere folgten ihren Gatten in den Krieg. Darunter sind aber offenbar auch viele ausgesprochene Überzeugungstäterinnen.

„Frauen handeln nicht wie Männer, weil denen nach ihrem Märtyrertod das Paradies mit Jungfrauen und dergleichen versprochen wird“, sagte der Terrorexperte Pierre Conesa vom französischen Verteidigungsministerium. „In der sehr machistischen Gesellschaft der Salafisten kann sich eine Frau nur hervortun, indem sie noch gewalttätiger auftritt. Das zeigt sich bei Enthauptungen oder der Rekrutierung von Kindern. Deshalb kämpft in Syrien auch eine reine Frauenbrigade.“

Bisher ein normales Zivilleben

  Der ehemalige Geheimdienstchef Jean-Pierre Pochon erklärte, die Existenz von Frauen im Dschihad sei „kein Novum, sondern eine Konstante“, auch wenn heute eine „Beschleunigung“ festzustellen sei. Die wohl eher amateurhafte Platzierung – oder bewusste Inszenierung – des Gasflaschen-Peugeots zeige, dass Dschihadistinnen heute gleich vorgingen wie Männer: Sie handelten weitgehend auf eigene Faust und nicht mehr auf einen äußeren Einsatzbefehl wie zu Zeiten von Al Kaida.

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