Svenja, 22: Als Vierjährige verbrühte sie sich mit Frittierfett, 75 Prozent ihrer Haut ist verbrannt. Vor allem in der Pubertät haben ihr die Unfallfolgen zu schaffen gemacht. Heute sagt sie: „Paulinchen half mir, einen positiven Umgang mit meinen Narben zu finden.“ Foto: Paulinchen – Initiative für brandverletzte Kinder e.V./Gina Kühn

Jedes Jahr erleiden 30 000 Kinder und Jugendliche Brandverletzungen – und brauchen schnelle Hilfe in Spezialzentren. Wie herausfordernd die Therapie für die Betroffenen und für deren Familien ist, zeigt die Geschichte der 22-jährigen Svenja.

Vor ein paar Jahren hätte sich Svenja das noch nicht getraut: Vor der Kamera Haut zu zeigen. Verbrannte Haut. Ihre linke Flanke ist durchzogen von welligem Narbengewebe, ebenso ihr Unterarm und der Oberschenkel. Lange hat die 22-Jährige ihren Körper versteckt, in Jeans und langärmligen Shirts – nicht nur vor neugierigen Blicken und Fragen Außenstehender. „Ich habe mich auch selbst nicht so sehen wollen“, sagt Svenja. Zu belastend war die Gewissheit, dass die großflächigen Narben für immer zu ihr gehören werden.

 

Ein Teil von mir – so lautet auch ein Fotoprojekt der Organisation „Paulinchen – Initiative für brandverletzte Kinder e.V.“, einer bundesweiten Anlaufstelle für Familien mit brandverletzten Kindern und Jugendlichen. Vor 30 Jahren als kleine Elterninitiative Nürnberg gegründet, sitzt der Verein inzwischen in der Nähe von Hamburg und hat mehr als 1600 Mitglieder sowie mehrere tausend Betroffene und ihre Angehörige mit Ärzten und Spezialisten für Brandverletzungen zusammengebracht. Nun haben sich 17 dieser Paulinchen-Kinder ablichten lassen, die vor Jahren Verbrennungen oder Verbrühungen erlitten haben – um auf die Gefahren aufmerksam zu machen, aber auch „um anderen Betroffenen Mut zu machen“, sagt Svenja.

Der Unfall passierte beim Fangenspiel

Von dem Tag, an dem ihr Leben fast zu Ende gewesen ist, hat die 22-Jährige aus dem Taubertal kaum Erinnerungen. Was genau im April vor knapp 20 Jahren vorgefallen ist, hat sie aus Schilderungen ihrer Familie zusammengepuzzelt: „Ich habe mit meiner Schwester vor dem Haus Fangen gespielt“, erzählt sie. Über den Hinterhof der benachbarten Gastwirtschaft sind die Kinder in den Abstellraum der Küche gelangt, wo ein Topf mit heißem Frittierfett zum Abkühlen stand. „Ich bin über den Fuß meiner Schwester gestolpert und habe im Fallen den Topf umgerissen“, erzählt Svenja. So sei sie mit dem heißen Öl übergossen worden.

Schon 20 Prozent mittelschwer verbrannte Haut können für ein Kind lebensbedrohlich sein. Bei Svenja waren 75 Prozent der Hautoberfläche betroffen. Mit einem Rettungshubschrauber wurde die damals Vierjährige zu Spezialisten nach Stuttgart gebracht. Dort wurde das Mädchen zunächst in ein künstliches Koma versetzt, bevor die Ärzte begannen, Stück für Stück die verbrannte Haut durch gesundes Gewebe zu ersetzen. Monatelang blieb Svenja im Krankenhaus.

In Deutschland gibt es rund 40 Spezialzentren

Dass heute immer mehr Patienten mit Brandverletzungen überleben, ist auch der Betreuung in Spezialzentren zu danken. Die Deutsche Gesellschaft für Verbrennungsmedizin listet knapp 40 dieser Einrichtungen für Erwachsene und Kinder auf ihrer Webseite auf – darunter auch das Zentrum für Schwerbrandverletzte im Marienhospital in Stuttgart. Dort behandelt das Team um den Leiter Matthias Rapp mehr als 500 Patienten ab 14 Jahren mit Brandverletzungen im Jahr – knapp die Hälfte davon stationär.

„Die Haut ist das größte Organ des Menschen“, sagt der Oberarzt Rapp der als Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie sich auf Verbrennungsmedizin spezialisiert hat. Kommt es hierbei zu Verbrennungen, haben die Betroffenen gleich mehrere medizinische Probleme: So bilden sich in den Brandwunden Giftstoffe, die den gesamten Körper belasten können, weshalb das Gewebe möglichst schnell entfernt werden muss.

Gleichzeitig ist das Immunsystem geschwächt, das Infektionsrisiko steigt. Es kommt zu schweren Wassereinlagerungen in den Geweben. Und weil bei großflächigen Verbrennungen der Patient zudem schneller auszukühlen droht, müssen die Operationsräume klimatisch darauf ausgerichtet sein. „Teilweise operieren wir bei um die 37 Grad Raumtemperatur.“

Bei schweren Verbrennungen braucht es eine Transplantation

Teils können mittelschwere Brandwunden mit einem Hautersatz versorgt werden, den die Ärzte im Marienhospital vor 25 Jahren entwickelt haben: Das Suprathel besteht aus Milchsäure und verbleibt auf der Wunde bis zur Abheilung – ohne, dass ein Verbandwechsel nötig wird. Bei schweren drittgradigen Verbrennungen braucht es die Transplantation von Eigengewebe.

Wenn Kinderhaut verbrennt, ist die Therapie allerdings besonders schwierig: Vieles, was bei der Behandlung von Brandverletzungen nötig ist, sei für Kinder nur schwer oder gar nicht verständlich und eine psychische Belastung, sagt Steffan Loff, Ärztlicher Direktor der Kinderchirurgie im Klinikum Stuttgart. „Schwerbrandverletzte Kinder müssen isoliert werden und haben nur Kontakt zu Vater und Mutter.“

Die dicken Verbände schränken die Beweglichkeit ein. Viele müssen darüber hinaus über Monate, teils Jahre hinweg einen Kompressionsanzug tragen. Dabei handelt es sich um eine Art zweite Haut aus elastischem Material, die Druck auf die verbrannten Stellen auslöst und so die Narben weicher und flacher werden lässt.

Um Spätfolgen zu beseitigen, braucht es viele Operationen

Svenja etwa musste diesen Kompressionsanzug zwölf Jahre lang tragen. Folgeoperationen bleiben dennoch nicht aus: Aufgrund der Tiefe der verletzten Hautschichten ist die Beweglichkeit der jungen Frau eingeschränkt. „Ich kann zwar alles machen – auch jede Art von Sport –, aber ich bin nicht ausdauernd.“ Mithilfe von Physiotherapeuten arbeitet sie daran, dass die Narben an Gliedmaßen und Rumpf geschmeidig bleiben. Doch bald steht ein weiterer Eingriff bevor, der Verwachsungen lösen soll.

Was die Mikrochirurgie dabei leisten kann, zeigt ein Fall aus dem Karl-Olga-Krankenhaus in Stuttgart: Dort wurde ein Mädchen aus Afghanistan behandelt, das aufgrund einer Explosion schwere Verbrennungen an den Händen erlitten hat. Mithilfe von mehreren Operationen konnten die Ärzte, die auf Schwerstbrandverletzungen an Händen spezialisiert sind, die Finger der Achtjährigen aus dem verwachsenen Narbengewebe lösen, sodass sie zugreifen kann.

Psychologische Hilfe braucht oft die gesamte Familie

Welche Auswirkungen die Krankengeschichte auf die Psyche der brandverletzten Kinder hat, zeigt sich oft später, weshalb Experten wie Loff und Rapp Familien stets dazu raten, sich früh psychologische Unterstützung zu holen, um das Unfalltrauma und die mehr oder weniger sichtbaren Folgen der Verletzungen zu bewältigen.

Auch Svenjas Familie hat sich beraten lassen, vieles aber auch aufgrund des starken Familienzusammenhalts aufarbeiten können – etwa die Schuldgefühle der Schwester und der Mutter, am Unfalltag nicht besser auf Svenja aufgepasst zu haben. Auch sie selbst hatte Unterstützung benötigt: „Den Körper mit den Narben akzeptieren zu lernen ist ein langer Prozess.“ Dabei geholfen haben ihr die Jugendtreffen des Vereins Paulinchen. „Dort habe ich erlebt, dass es andere gibt, die ebenso fühlen wie ich.“

Hier erhalten Familien mit brandverletzten Kindern Hilfe

Beratung
Der Verein Paulinchen, www.paulinchen.de, bietet Familien mit brandverletzten Kindern kostenfreie Beratung: 0800 / 0 112 123.