Frühgeborene bedürfen der medizinischen Behandlung. Foto: dpa/Britta Pedersen

Die Justizbehörden in Ulm ermitteln wegen des Verdachts des versuchten Totschlags. Alle fünf Babys überleben.

Ulm - Eine Krankenschwester der Frühchenabteilung des Ulmer Universitätsklinikums ist am Donnerstag wegen des Verdachts des versuchten Totschlags an fünf frühgeborenen Kindern verhaftet worden. Die Frau soll in der Nacht zum 20. Dezember fünf Babys Muttermilch verabreicht haben, in die zuvor Morphin gemischt wurde. Ein Haftrichter ordnete die Untersuchungshaft an.

 

Wie Polizei und Staatsanwaltschaft in Ulm am Donnerstag bekannt gaben, lagen die fünf Frühchen gemeinsam in einem Zimmer der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin. In den frühen Morgenstunden des 20. Dezember wurde das medizinische Personal auf lebensbedrohliche Atemprobleme aufmerksam, an denen alle Babys gleichzeitig litten. Laut den Ermittlungsbehörden konnten alle fünf Leben durch das sofortige Eingreifen des Krankenhauspersonals gerettet werden; nach dem Stand der Dinge könnten wohl auch Spätfolgen ausgeschlossen werden.

Ärzte gingen zunächst von Infektion aus

Zunächst, so heißt es, sei eine Infektion als Krankheitsursache vermutet worden. doch nach Auswertung von Urinuntersuchungen verdichteten sich die Hinweise auf einen Kriminalfall. Im Urin fanden sich laut der Staatsanwaltschaft Rückstände von Morphin, obwohl im Zug der Rettungsmaßnahmen bei zwei Kindern gar kein Morphin verabreicht worden war. Die Leitung des Universitätsklinikums erstattete am 17. Januar schließlich Strafanzeige bei der Polizei.

In der Folge sind nach Ermittlerangaben zunächst Behandlungsunterlagen und das Betäubungsmittelbuch der Frühchenstation sichergestellt worden. Die Auswertung daure derzeit immer noch an. Am Dienstagvormittag ordnete das Ulmer Amtsgericht dann Durchsuchungen von sechs „Objekten“ an. Das Ziel der Aktion waren, so ein Sprecher der Staatsanwaltschaft, „Personen, die im fraglichen Zeitraum Dienst auf der Frühgeborenenstation hatten“. In einem Spind in der Umkleide des Klinikums sei dann eine Spritze mit Muttermilch gefunden worden. Eine im Eiltempo veranlasste kriminaltechnische Untersuchung im Landeskriminalamt Baden-Württemberg habe ergeben, dass die Milch mit Morphin versetzt war. Der Spind gehörte der Krankenschwester, die nun verhaftet wurde.

Noch keine Informationen über Motiv der Verdächtigen

Wie die Leitung der Uniklinik am Mittwoch bekannt gab, konnten die Frühchen am 20. Dezember rasch stabilisiert und innerhalb von 48 Stunden nach Hause entlassen werden. Der Vorstandsvorsitzende des Klinikums, Udo Kaisers, zeigte sich betroffen. Er sagte: „Wir bedauern es sehr, dass es zu einem solchen Zwischenfall gekommen ist, und entschuldigen uns ausdrücklich bei den Eltern und Kindern dafür.“ Die Klinikleitung mitsamt dem Vorstand unternehme alles, „um die lückenlose Aufklärung des Falls zu unterstützen“. In der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin seien mehr als 400 Menschen beschäftigt.

Über die Motive der Verdächtigen ist zunächst nichts bekanntgeworden. Ob sie sich bei der Festnahme geäußert oder auch ein Geständnis abgelegt hat, darüber gibt es keine Informationen So ist derzeit völlig unklar, ob eine gezielte Tötungsabsicht vorlag oder eine Überforderung.

Morphin kann als Beruhigungsmittel eingesetzt werden. Die Ermittlungsbehörden wollen bei einer Pressekonferenz am Donnerstagvormittag in Ulm weitere Details zu dem Fall und den Umständen seiner Aufdeckung bekannt geben.

Die Klinikleitung hat einen Krisenstab unter Kaisers Leitung eingerichtet. Er kümmert sich vor allem darum, die Fragen von Patienten und Angehörigen zu beantworten. Dazu ist unter anderem eine Telefon-Hotline geschaltet worden. Sie ist unter der Nummer 0731-50044404 erreichbar. Kaisers: „Die Sorge der Eltern um die Gesundheit ihrer Kinder können wir alle sehr gut nachempfinden.“