Der Polizeieinsatz verläuft nahezu unbeobachtet. Kein einziger Schaulustiger steht vor seiner Haustür. Foto: /7aktuell.de | Marc Gruber

In Holzgerlingen, einer 13 000-Einwohner-Gemeinde bei Böblingen, sind zwei Männer und eine Frau offenbar Opfer einer Gewalttat geworden. Bisher ist das Geschehen noch völlig unklar.

Holzgerlingen - Der Polizeieinsatz verläuft nahezu unbeachtet. Kein einziger Schaulustiger steht vor seiner Haustür oder beobachtet das Geschehen am offenen Fenster. Eine einzige Frau will wissen, warum Streifenwagen die Straße blockieren, ein Dutzend Ermittler in Overalls und mit Atemschutzmasken um das Haus in ihrer Nachbarschaft streift. Sogar die Hundeführerstaffel ist im Einsatz.

Über dem Haus schwebt eine Drohne, ebenfalls von der Polizei. In ihm sind drei Leichen gefunden worden, zwei Männer, eine Frau, offenkundig Opfer einer Gewalttat. „Unglaublich“, sagt die Frau, „niemals hier“, nicht in ihrem Wohngebiet. Dann verabschiedet sie sich mit dem Hinweis, sie spreche eigentlich nicht mehr mit Fremden – wegen des Coronavirus.

Leere Straßen zur Mittagszeit

Die Straßen sind an diesem Tag auch aus ganz anderem Grund noch leerer als ohnehin immer um die Mittagszeit. Menschen denkwürdigen Humors hatten in den sogenannten Sozialen Medien das Gerücht verbreitet, ein Amokläufer streife durch den Ort. Der angebliche Mann mit der Pistole wurde sogar beschrieben. Die Bewohner wurden aufgerufen, ihre Kinder ins Haus zu holen und ihre Rollläden zu schließen. „Asoziale Medien“, sagt der Bürgermeister Ioannis Delakos, „was haben solche Menschen in ihren Köpfen?“ In Holzgerlingen reagieren die Bewohner auf derartige Gerüchte empfindsamer als andernorts. 2015 hatte ein Bewaffneter zwei Kinder und zwei Erwachsene als Geiseln genommen und sich mit ihnen verschanzt. Die Polizei stürmte das Haus und schoss den Täter nieder. Er starb wenig später im Krankenhaus.

Das Haus des aktuellen Polizeieinsatzes steht an der Bühlenstraße, einer Tempo-30-Zone, die nahezu ausschließlich von Wohnhäusern gesäumt wird. Eine der raren Ausnahmen ist die Johanneskirche samt ihrem Gemeindezentrum. Sie steht dem Tatort schräg gegenüber. Im Schaukasten mahnt ein Bibelzitat: „Habt Salz in Euch und haltet Frieden“. Wenige Schritte weiter schließt gerade die Bäckerei ihre Tür. Die Mittagspause beginnt.

Spuren von Gewalteinwirkung

Peter Widenhorn, der Pressesprecher des Polizeipräsidiums in Ludwigsburg, ist hergefahren, um vor Ort Auskunft zu geben. Er steht mitten auf der Bühlenstraße. Eine Kollegin mahnt ihn zur Vorsicht, eigentlich grundlos. Hier fährt nur alle paar Minuten einmal ein Auto vorbei. Verkehr wird erst wieder herrschen, wenn das Freibad am Waldrand wieder öffnet. Es ist nur ein paar Häuserblocks entfernt.

Viel weiß die Polizei noch nicht. Angehörige eines der Toten hatten gemeldet, dass niemand ans Telefon geht. Eine Polizeistreife fuhr vor und klingelte. Weil niemand öffnete, riefen die Beamten Feuerwehrleute, um die Haustür aufzubrechen. Die Polizisten fanden die drei Leichen und einen Hund, den der Täter verschont hatte – oder die Täter. Bisher gibt es auch darauf keine Hinweise. Fest steht eigentlich nur, dass „es massive Spuren von Gewalteinwirkung gibt“, wie Widenhorn sagt, „was sich dahinter verbirgt, ob es eine Vorgeschichte gibt, ist unklar“. Die Beamten der Spurensicherung sind noch auf der Suche nach einer womöglich zurückgelassenen Tatwaffe. Selbst die Identität der Toten muss erst noch überprüft werden. Mehr vom Zustand des Tatorts will Widenhorn nicht preisgeben und dürfte es nicht ohne Erlaubnis der Staatsanwaltschaft. Sogenanntes „Täterwissen“ unterliegt einer dienstlichen Schweigepflicht.

Details sollen bekannt gegeben werden

Die Opfer lebten in einem unauffälligen Haus, einem pastellgelb gestrichenen Zweckbau der Nachkriegszeit mit drei Wohnungen. In der Doppelgarage stehen ein BMW und ein Volkswagen vor einem säuberlich eingeräumten Regal. Ziemlich genau so leben 13 000 Menschen in Holzgerlingen. Selbstredend spielt der Nachbarort von Böblingen in keiner Kriminalitätsstatistik eine Rolle. Üblicherweise reicht der örtliche Polizeiposten, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. Er ist nur an Wochentagen tagsüber besetzt. Aber „eine Statistik bringt einem leider Gottes nichts, das heute wird nur ein einziger Fall in ihr sein“, sagt Delakos, „wir haben drei Menschen verloren, die Familie hatten, das ist total erschütternd“.

Die Polizei und die Staatsanwaltschaft wollen Details zu den Opfern und zu ihren Ermittlungen im Verlauf des Donnerstags bekannt geben.

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