Wenn der aktuelle Zählerstand dem Stromanbieter zur Abrechnung mitgeteilt wird, sollten Verbraucher die Zahl immer auch in ihren Unterlagen notieren – und bei der Abrechnung prüfen Foto: dpa

Gegen stetig steigende Strompreise gibt es die immer gleichen Ratschläge: Strom sparen und den Anbieter wechseln. Dabei klagen Kunden jedoch immer häufiger über Probleme, wie Fälle unserer Zeitung und der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg zeigen.

Stuttgart - Um die Stromkosten möglichst gering zu halten, wechselt David Seiler ­(Name geändert) aus Stuttgart jedes Jahr den Anbieter. Bei der letzten Abrechnung jedoch wollte das Unternehmen mit Sitz in Nordrhein-Westfalen eine Nachzahlung von rund 400 Euro. Seiler wundert sich: Trotz ähnlichem Verbrauch und einem Wechsel zu einem günstigeren Anbieter soll die Rechnung um so viel teurer sein?

Er sucht in seinen Unterlagen nach dem letzten Zählerstand und vergleicht ihn mit den Angaben auf der Rechnung. „Der Anbieter hat fast 2300 Kilowattstunden mehr berechnet, als tatsächlich verbraucht wurden“, sagt Seiler. Er lässt das Geld über die Bank zurückbuchen und schickt einen Einspruch an den Anbieter.

Dass seine Angaben zum Zählerstand korrekt sind, kann er sich vom örtlichen Netzbetreiber, der EnBW, bestätigen lassen. Denn vier Monate nachdem Seiler im Februar seinem Stromanbieter den Zählerstand mitgeteilt hatte, wurde der Zähler von der EnBW ausgetauscht – eine Routinearbeit, die alle acht Jahre erfolgt. Auch dabei wurde ein Zählerstand notiert: Ende Juni lag er noch immer unterhalb des Wertes, der auf der Abrechnung steht.

Statt einer Nachzahlung von 400 Euro bekommt er nun 160 Euro rückerstattet

Trotz dieser eindeutigen Belege für einen Fehler, reagiert das Unternehmen erst auf die Schreiben von David Seiler, als er ­mitteilt, sich an die Presse wenden zu wollen. „Ohne Erklärung und Entschuldigung kam dann plötzlich eine neue Rechnung.“ Statt einer Nachzahlung von 400 Euro bekommt er nun 160 Euro rückerstattet. Zufrieden ist er trotzdem nicht: „Ich werde den Verdacht nicht los, dass ich nicht der einzige Betroffene bin und das Unternehmen systematisch mit fingierten Verbrauchszahlen arbeitet.“

Versuche unserer Zeitung, mit dem Unternehmen in Kontakt zu treten, laufen ­zunächst ins Leere. Im Internet findet sich nur eine Service-Hotline, auch auf den Verträgen von Seiler gibt es keine andere Nummer. Anrufe an anderer Stelle innerhalb des ­Konzerns bringen lediglich eine E-Mail-Adresse des Presseverantwortlichen. Kurz vor Erscheinen des Artikels wird eine Stellungnahme für die nächste Woche angekündigt .

Die Unterlagen gehen an die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Eine Überprüfung der Beschwerden aus den letzten Monaten zeigt, dass sich allein 90 Fälle auf den Anbieter von David Seiler und ein Unternehmen mit Hauptsitz in Berlin beziehen. Beide Anbieter werden in Vergleichsportalen wegen ihrer besonders günstigen Preise sehr weit oben aufgeführt.

„Neben Fehlern in der Rechnung wie zu hohen Zählerständen oder nicht berücksichtigten Bonuszahlungen kommt es immer wieder vor, dass ausstehende Abschlags-Guthaben von bis zu 800 Euro nicht ausgezahlt werden“, sagt Niklaas Haskamp von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg.

„Wenn der Stromdiscounter mit Betrügereien bereits auffällig geworden ist, sehen Sie das gleich“

Andere Kunden würden bis zu einem Jahr auf ihre Abrechnung warten und berichten von Schwierigkeiten, den Anbieter zu erreichen. „Da stellt man sich schon die Frage, ob nicht Methode dahinter steckt, Geld für nicht erbrachte Leistungen zu verlangen oder zumindest möglichst lange einzubehalten“, sagt Haskamp. Eine weitere Auffälligkeit sieht er in Preiserhöhungen von bis zu 200 Prozent, die Neukunden dieser Anbieter kurz nach Vertragsabschluss mitgeteilt ­werden.

„Mit der Erhöhung liegt die Kilowattstunde dann in dem Bereich, in dem weniger günstige Anbieter in den Vergleichsportalen auch sind“, sagt Haskamp. Obwohl die Billiganbieter bei ihren bereits erworbenen Kunden die Preise erhöhen, tauchen sie für potenzielle Neukunden in den Portalen immer noch mit den sehr günstigen Preisen auf.

Haskamp spricht von Lockangeboten: „Wegen der ansteigenden Strompreise wollen derzeit wieder viele Verbraucher wechseln. Die Anbieter wiederum scheinen sich einige Tricks einfallen zu lassen, um in den Portalen ganz oben gelistet zu werden.“ Dazu passt, dass die Beschwerden in der Verbraucherzentrale in den letzten Monaten deutlich angestiegen sind. „Im Vergleich zu 2011 haben wir eine Zunahme von etwa 60 Prozent“, sagt Haskamp.

Eine sichere Verhaltensweise, um nicht an einen unseriösen Anbieter zu gelangen, gibt es nicht, sagt Aribert Peters vom Bund der Energieverbraucher. Da dort auch immer wieder Namen derselben Billiganbieter in Zusammenhang mit Tricksereien auftauchen, rät er, diese über eine Internetrecherche zu prüfen. „Wenn der Stromdiscounter mit Betrügereien bereits auffällig geworden ist, sehen Sie das gleich.“

Eine weitere Orientierung bietet die Berechnung des Strompreises. Feste Größen wie Steuern, Abgaben oder die Kosten für die Nutzung von Stromnetzen und Stromzählern lassen den Stromanbietern beim Preis einen Spielraum von höchstens einem Drittel. „Wenn schon Steuern und Umlagen höher sind als der Preis, den ein Anbieter für die Kilowattstunde Strom angibt, muss man sich fragen, wie dieser seriös zustande kommen soll“, sagt ­Sylvia Scheibenberger, Energieberaterin bei der Verbraucherzentrale Ulm.

„Viele Haushalte haben noch immer alte Verträge“

Sie empfiehlt, eher zu regionalen Anbietern zu wechseln oder zu solchen, die aus den Stadtwerken hervorgegangen sind. „Diese stehen wirtschaftlich meist auf stabileren Füßen und haben viel Erfahrung mit den Abrechnungen.“ Außerdem gebe es im ­Vergleich zu den anonymen Service-Hotlines der Billig-Anbieter eher noch ­direkte Ansprechpersonen.

Vom Wechseln sollten sich Verbraucher jetzt dennoch nicht abschrecken lassen: „Viele Haushalte haben noch immer alte Verträge, die es sich auf jeden Fall lohnt zu prüfen“, sagt Scheibenberger.

Auch David Seiler wird sich wieder einen neuen Anbieter suchen. „Seit ich vor drei Jahren den örtlichen Versorger verlassen habe, sind meine Jahres-Verbrauchskosten um 300 bis 500 Euro gesunken.“

Die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg sammelt Problemfälle mit Stromanbietern: energie@vz-bw.de.

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