Stuttgarter Ekel-Report 2016 Kakerlaken machen Asia-Lokal den Garaus

Von Wolf-Dieter Obst 

Tote Mäuse in der Klebefalle, hartnäckige Kakerlaken und fettverschmierte Registrierkassen – die Lebensmittelüberwacher der Stadt hatten wieder reichlich zu tun. Es hätte aber noch mehr sein können.

Stuttgart - Die Kakerlaken waren einfach stärker. Nach wiederholten Verstößen gibt es in der Innenstadt ein Asia-Lokal weniger – dafür gibt es nun einen vorbestraften Gastronomen mehr. Der Betreiber hat wegen diverser Vergehen bei einer Gerichtsverhandlung sogar eine neunmonatige Haftstrafe aufgebrummt bekommen. Ohne Bewährung. „Das zeigt, wie wichtig es ist, auch nach Kontrollen wieder nachzufassen“, sagt Thomas Stegmanns, Leiter der städtischen Lebensmittelüberwachung, bei der Vorstellung seines Jahresberichts am Dienstag.

Die asiatische Gaststätte war bereits 2015 mit massivem Kakerlakenbefall aufgefallen. Die Insekten fühlten sich dort offenbar so wohl, dass sie sich sogar in einem Reiskocher breit machten. Der Betrieb wurde vorübergehend geschlossen, das Lokal gereinigt. Ein Jahr später glaubten die Kontrolleure ihren Augen nicht zu trauen. „Der Betreiber hatte Gift zur Schädlingsbekämpfung in den Besteckschubladen ausgelegt“, sagt Stegmanns. Die neuerliche Kakerlakenplage war wohl auch kein Wunder: Der Wirt hatte über die mehrwöchigen Betriebsferien verdorbene Lebensmittel gelagert.

Bilanz: 84 Betriebe mussten schließen

Der Fall Asia-Lokal gehört zu den 84 Betrieben, die von der städtischen Behörde 2016 in Stuttgart zeitweise oder sogar ganz geschlossen wurden. Stegmanns will aber kein Missverständnis aufkommen lassen: „Asiatische Betriebe sind nicht mehr der Schwerpunkt“, sagt er. Vielmehr gehe es querbeet um kleinere Betriebe mit überforderten Besitzern und weniger als zehn Mitarbeitern. Das kann auch ein Kleinbäcker oder Mini-Supermarkt sein. „Wir machen keine Riesenketten zu“, sagt Stegmanns.

Allerdings gilt der Kampf der Lebensmittelüberwacher nicht nur den Kakerlaken, sondern auch der ständigen Personalnot. Zwar hat die Stadt derzeit 19 Kontrolleure und fünf Auszubildende, die von 2018 an voll ans Werk gehen dürfen. „Doch eigentlich müssen wir 34 Mitarbeiter haben, um allen Anforderungen gerecht werden zu können“, sagt Stegmanns.

Nicht einmal jeder zweite Betrieb überprüft

Das zeigt sich auch in den Bilanzzahlen: Von mehr als 12 000 Lebensmittelbetrieben in Stuttgart konnten im vergangenen Jahr nur 5610 überprüft werden – das entspricht einer Quote von 46 Prozent. Seit Jahren wurde die 50-Prozent-Hürde nie überschritten. Im Jahr davor waren es 48,5 Prozent. „Das liegt natürlich auch daran, dass sich die Kontrolleure auch mit den Auszubildenden beschäftigen müssen“, sagt Dienststellenleiter Stegmanns.

Das grundlegende Problem: Es gibt bundesweit kaum ausbildungswillige Interessenten – und eine Großstadt wie Stuttgart ist überdies für solche Spezialisten äußerst unattraktiv: Teure Lebenshaltungskosten zum einen und ständige Fluktuation bei den Betreibern von Gastronomie und Lebensmittelbetrieben zum anderen. „Da muss man oft immer wieder bei null anfangen“, so Stegmanns. Die Folge: Kaum sind die Ekel-Fahnder nach zwei Jahren ausgebildet, sind sie auch schon wieder weg, zumeist aus privaten Gründen. Die Stadt als Durchlauferhitzer: „Wir haben in den letzten zwölf Jahren bereits 35 Kräfte ausgebildet“, sagt der oberste Lebensmittelüberwacher Stegmanns. Inzwischen versucht man die Leute mit einem Bonus zu ködern: dem Beamtenstatus.

Zahlen, bitte! Über 100 000 Euro Bußgeld

Dass man genau hinschauen muss, beweist die Statistik: Von den 5610 überprüften Betrieben mussten knapp 56 Prozent beanstandet werden – wieder mehr als die Hälfte. Doch die Personalnot wirkt sich neben den Kontrollen auch auf die Zahl der Probennahmen aus. Laut Bundesgesetz müssten die Kontrolleure in Stuttgart jährlich 3300 Proben ziehen – etwa bei Erdbeeren auf der Suche nach Pestiziden. Tatsächlich aber liegt man weit darunter. 2016 wurden nur 2690 Proben analysiert – mit einer Beanstandungsquote von 16 Prozent.

Dabei müssen die Sünder mit harten Konsequenzen rechnen – wenn es auch nicht immer der Gang zum Amtsrichter ist. Letztes Jahr wurden 113 493 Euro Bußgelder fällig. Und wenn Kontrollen in schlimmen Fällen besonders aufwendig werden, gibt es eine saftige Rechnung dazu – zuletzt 85 000 Euro.

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