Ein junger Mann fliegt für einige Tage als Tourist nach Istanbul. Dort wird er auf offener Straße festgenommen. Und darf die Türkei seit fünf Wochen nicht verlassen.
Als der junge Waiblinger am 18. Juni mit einem Freund in den Flieger steigt, freut er sich auf ein verlängertes Wochenende in Istanbul. Heute nennt er den Trip einen „Albtraum“. Denn aus der Besichtigungstour ist für ihn ein ungewollter Daueraufenthalt in der Türkei geworden – mit Behandlung wie ein Krimineller.
Am 22. Juni, einen Tag vor der geplanten Rückreise, befindet sich der junge Mann am frühen Nachmittag auf der bekannten Galatabrücke im europäischen Teil der Stadt. Er ist auf dem Weg zu einem Gewürzbasar, um noch ein paar Souvenirs einzukaufen. Sein Begleiter ist zu diesem Zeitpunkt bereits zurückgeflogen, aber auf der Brücke wimmelt es nur so vor Menschen, darunter viele Touristen, die Fotos machen. Genauso wie der junge Waiblinger. Das letzte Bild, das er dort aufnimmt, zeigt die Szenerie. Und im Hintergrund ein Polizeifahrzeug mit einigen Beamten.
Polizei spricht kein Englisch
Etwa eine Minute später nimmt der Städtetrip einen verhängnisvollen Verlauf. Die Polizisten halten den Touristen an. „Nach rund einer Stunde der Überprüfung meines Ausweises wurde ich ohne Angabe von Gründen zur Polizeiwache mitgenommen“, sagt er. Eine Kommunikation mit den Polizeibeamten sei nicht möglich gewesen, da sie kein Englisch gesprochen hätten und er kein Türkisch verstehe.
Nach vier Stunden kommt eine Pflichtverteidigerin und klärt den Festgenommenen auf Englisch darüber auf, was ihm vorgeworfen wird: Er soll gegen das Demonstrations- und Versammlungsgesetz verstoßen haben. Angeblich soll er an der seit Jahren verbotenen Pride-Parade der queeren Community teilgenommen haben. Neben ihm werden am selben Tag in Istanbul weitere gut 50 Menschen aus demselben Grund festgenommen, darunter drei ebenfalls auf der Galatabrücke. „Das ist völlig abwegig, die Festnahme willkürlich. Ich wusste überhaupt nichts von der Parade“, sagt der junge Mann.
Nach 24 Stunden in Haft, in denen die Polizei ihn nach eigenen Angaben „unmenschlich“ behandelt, wird er schließlich entlassen. Doch sein Ausweis wird einbehalten, eine Ausreisesperre angeordnet – auf Antrag des Istanbuler Staatsanwaltschaftsbüros für Terrorverbrechen. Eine Rechtsanwältin, die er sich selbst besorgt, legt dagegen Einspruch ein. Doch bis heute warten die Beteiligten auf den Fortgang des Verfahrens, das sich wohl noch über Monate hinziehen kann.
Bis dahin darf der mittlerweile völlig verzweifelte Tourist die Türkei nicht verlassen. Seine Eltern haben ihm inzwischen eine Unterkunft gemietet. Seinen Arbeitsplatz in der Jugendhilfe in der Stuttgarter Region droht er zu verlieren, obwohl sein Arbeitgeber sich sehr für ihn einsetzt.
Auswärtiges Amt ist eingeschaltet
Der ist damit nicht allein. Mittlerweile hat die Familie Unterstützer gesucht und zahlreich gefunden. Dazu gehören Burkhard Kosminski, Intendant am Schauspiel Stuttgart, und Baden-Württembergs Finanzminister Danyal Bayaz (Grüne). Letzterer hat sich laut einem Sprecher an das Auswärtige Amt gewendet mit der Bitte, dass es sich des Falles annehmen möge. Es habe daraufhin geantwortet, das Ministerium kümmere sich darum und stehe mit den deutschen Vertretungen in der Türkei in Kontakt.
Ähnliches hat auch der Stuttgarter Europaabgeordnete Michael Bloss von den Grünen zu hören bekommen. Auf ein Schreiben an Sibylle Sorg, die deutsche Botschafterin in der Türkei, ging eine eher lapidare Antwort bei ihm ein. Der Betroffene sei anwaltlich vertreten, heißt es darin unter anderem. Und: „Das Generalkonsulat Istanbul betreut ihn von Beginn an und fortlaufend konsularisch und steht mit ihm, seiner Rechtsanwältin und Angehörigen in Kontakt.“
Bloss reicht das allerdings nicht – zumal die Antwort schon wieder fast drei Wochen alt ist. „Das ist ein krasser Fall, der auch eine politische Dimension hat“, sagt er. Zigtausende Deutsche machten jedes Jahr Urlaub in der Türkei. „Wer jetzt in die Türkei reist, riskiert mehr als nur einen Sonnenbrand – sondern unter Umständen seine Freiheit. Ich fordere Außenminister Wadephul auf, endlich eine Reisewarnung für die Türkei auszusprechen. Es darf nicht sein, dass deutsche Urlauber willkürlich festgesetzt werden und ihre Rückkehr zu Familie und Arbeitsplatz gefährdet ist“, sagt Bloss.
Klar ist: Der Tourist ist offenbar rein aufgrund seines Aussehens, das für die Polizisten offenbar zu einer Pride-Parade gepasst hat, festgenommen worden und sitzt jetzt seit Wochen in der Türkei fest. Auf Anfrage unserer Zeitung heißt es aus dem Auswärtigen Amt: „Der Fall ist uns und unseren Auslandsvertretungen in der Türkei bekannt. Wir betreuen den Betroffenen konsularisch und stehen mit ihm und seinem Rechtsbeistand in regelmäßigem Kontakt. Intensiv bemühen wir uns um eine Klärung des Falles.“ Man bitte um Verständnis, dass man sich aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht zu Details von konsularischen Einzelfällen äußern könne.
Hoffnung auf Diplomatie
Der Betroffene selbst dagegen ist von der Unterstützung von offizieller Seite enttäuscht. Schon am Tag der Festnahme sei die Notfallnummer nicht erreichbar gewesen. Rechtsbeistand sei ihm von dieser Seite auch nicht geleistet worden. Bei der Suche nach einer Bleibe sei ihm gar eine Obdachlosenunterkunft nahegelegt worden.
Trotzdem hofft er, dass es aus seinem Albtraum bald ein Erwachen gibt. „Es muss sich doch endlich auf diplomatischem Wege etwas tun. Ich habe nichts verbrochen und will einfach nur nach Hause“, sagt er.