Am Samstag meldet sich das Studio Amore mit einem Sommerfest aus den Ferien zurück. Künftig gilt dort: Feiern, nicht fotografieren, den Moment genießen! Handykameras werden abgeklebt. Auch andere Clubs tun dies. Schwere Zeiten für Selfie-Süchtige?
Heftig dominieren Smartphones das Leben vieler Menschen, vor allem in der jungen Insta-Generation. Doch mittlerweile formiert sich die Gegenbewegung. Handys seien der Tod einer guten Party, klagen die Kritiker des Selfiewahns. Wer jeden Moment auf der Tanzfläche filme, könne ihn gar nicht mehr genießen, wird argumentiert.
Die andere Seite hält dagegen: Wer etwas Schönes erlebe, könne seine Freunde erfreuen, wenn er die gefilmten und fotografierten Szenen mit ihnen teilt.
Bei Konzerten wächst oft ein Handywald über den Köpfen des Publikums. So viele heben ihre Mobiltelefone in die Luft! Manch einer muss nachts daheim auf dem Display dann erstmal nachschauen, wo er eigentlich war. Kann man ungefiltert Musik oder ein schönes Ambiente genießen, wenn man alles immer nur durch den Sucher verfolgt?
Verhalten sich Menschen anders, wenn sie ständig fotografiert und gefilmt, selbst beim Tanzen immer vom digitalen „Big Brother“ beobachtet werden?
No-Photo-Policy ist in Berlin weit verbreitet
Dass vor allem bei Techno-Partys oft „no photos, no videos“ am Eingang steht und der Türsteher mit Klebeband ausgerüstet ist, um Kameralinsen für eine Nacht außer Gefecht zu setzen, sei doch klar, sagt ein Insider: „Dort werden gewisse Substanzen konsumiert, die dafür sorgen, dass man vielleicht ein bisschen komisch aussieht – so will man sich nicht anderntags bei Instagram sehen.“
Max Benzing vom Studio Amore findet, dass man „angenehmer“ feiert, wenn die Location frei von Kameras bleibt. Es gehe darum, den Augenblick intensiv zu leben. In Berlin sei die No-Photo-Policy in der Partyszene gang und gäbe. Das temporäre Amore wie auch das Studio Gaga, das sich für das queere Publikum ebenfalls im Hotel am Schlossgarten vor dem dortigen Umbau befindet, beginnt ab sofort mit dem Verkleben der Linsen, um die Feierqualität zu erhöhen und die Privatsphäre der Gäste zu schützen.
Vorgefallen sei nichts, sagt Benzing, weshalb man sich zu diesem Schritt entschieden habe. Vielmehr wolle man für die Gäste eine bessere Atmosphäre schaffen und ihr Bewusstsein dafür schärfen, dass man sich ohne Ablenkung von außen fallen lassen kann. Lieber mit anderen direkt kommunizieren, als nur Handyfotos auszutauschen. Die Smartphones jedenfalls werden nicht am Eingang abgenommen. Man kann also weiterhin Nachrichten austauschen, um sich etwa noch in der Nacht zu verabreden.
Kein Platz für Fotos, Homophobie, Rassismus oder „anderen Shit“
Schon länger gilt beim Stuttgarter Club Lehmann die Regel: „no photos, no videos, no space for homophobia, racism or other shit“ – so steht’s auf der Homepage. Auch Fridas Pier, das Partyschiff auf dem Neckar, verbietet Handyfotos. „Bei vielen DJ-Auftritten haben die Leute nur noch die Handys hochgehoben“, heißt es dort, „das hat extrem genervt – vor allem die, die hinten stehen und nichts sehen.“
Das Fotoverbot ist in der Partyszene umstritten. Als die Reihe Lovepop für ein queeres Publikum im Lehmann und auf Fridas Pier gastierte, haben die Veranstalter das dort übliche Verkleben der Kameras aufgehoben. „Gerade queere Leute machen gern mal ein Selfie von der Party“, sagt Dirk Wein von Lovepop. Dies werde auch an diesem Samstag erlaubt, wenn der „Forest of Love“ vor Weitmanns Waldhaus gefeiert wird.
Sind Selfie-Posts von Partys nicht auch Werbung für ein Lokal? „Auf diese Werbung verzichten wir“, sagt Max Benzing vom Studio Amore, „weil es wichtiger ist, hinter dem zu stehen, was man macht.“ Aber vielleicht wecken Bilder, die man nicht sieht, gerade erst die Neugierde. Im Berliner Club Berghain herrscht ein strenges Verbot von Foto- oder Videoaufnahmen, „um den Gästen ein Höchstmaß an Freiheit und persönlicher Entfaltung zu gewährleisten“. Was im Berghain passiert, solle im Berghain bleiben. Jetzt ranken sich geheimnisvolle Geschichten um die dunklen Räume dort.
Hi Life schafft extra Kulissen für Selfiefans
Das Kowalski denkt an ein Handyverbot ebenso wenig wie der Perkins Park. Alexander Scholz vom Park beobachtet, „wie auf Tanzflächen Smartphones dominieren“, was seine Generation nicht verstehe. Auch bei einem Konzert mache er immer sein Handy aus. Manche Clubbetreiber wollten mit dem Fotografierverbot „eine freie Zone“ schaffen, quasi ein Safe Space ohne Sorge, dass alles verbreitet wird, was man nachts so tut.
Der Club Hi Life am Rotebühlplatz will Selfies nicht verbannen. „Wir haben Selfie-Kulissen geschaffen, selbst auf der Frauentoilette“, sagt Chef Tim Berkemer, „weil die Mädels mit Instagram leben – und wir ihnen gern geben, was ihnen wichtig ist.“