Erneut geschlagen. Der Torhüter Henning Bortel musste viermal hinter sich greifen. Foto: Yavuz Dural

Just gegen die Echterdinger beendet der Titelfavorit TSV Essingen seine Formsuche. Heraus kommt ein 1:4 inklusive der Trainer-Höchststrafe für einen Spieler.

Echterdingen - Je länger das Spiel dauerte, desto tiefer verschwanden sie in ihren Jacken. Am Ende waren nur noch Augen und Nasenspitzen zu sehen. Und hätte man nicht gewusst, dass Francesco Di Frisco und Francesco Guerra unter den Kapuzen steckten, es wäre schwierig gewesen, die beiden im vorwinterlichen Einheitsgrau überhaupt noch ausfindig zu machen. Das Trainerduo von Calcio Leinfelden-Echterdingen kämpfe gegen die eisige Kälte im Sportpark Goldäcker an – und auch gegen die nächste Enttäuschung. Wiedergutmachung hatten sie mit ihren Verbandsliga-Fußballern betreiben wollen nach dem peinlichen 0:4 der vorangegangenen Woche beim Tabellenletzten Wangen. Zumindest vom Ergebnis her ist dies am Sonntag gehörig missglückt. Die Echterdinger mussten den Ball erneut viermal aus dem eigenen Netz holen. Endstand: 1:4, diesmal freilich gegen einen Gegner von anderem Kaliber.

Wer bereits ins Grübeln gekommen war, was mit diesem TSV Essingen los ist, für den dürfte die Fußballwelt mit der aktuellen Partie ein Stück weit gerade gerückt sein. Der Titelfavorit auf Formsuche? Dieser vermeintliche FC Bayern der Liga auf Holper- und Stolperkurs durch die Saison? Bislang mochte es gegolten haben – just an diesem Spieltag, und das zum Pech von Calcio, allerdings nicht mehr. „Die haben gezeigt, welch enorme Qualität sie im Kader haben“, musste Di Frisco konstatieren. „Unserer eigenen Mannschaft kann ich diesmal gar nicht böse sein“, sagte der Coach. „Sie hat mit Biss agiert und viel versucht.“ Allein: das hat nicht gereicht. Die Gastgeber fanden ihren Meister in einem schlicht Besseren.

Ex-Zweitliga-Profi ragt heraus

Das galt für die Spielkultur. Das traf auf das Spieltempo zu. Und das drückte sich nicht zuletzt in der individuellen Klasse aus. Die drei Ex-Profis Stanislaus Bergheim, Fabian Weiß und vor allem Marc Gallego drückten der Begegnung ihren Stempel auf. Letzterer war von Calcio in der zweiten Hälfte nicht mehr zu stoppen. Der 33-Jährige, der einst für den FSV Frankfurt in der zweiten Liga am Ball war, bereitete drei Treffer seiner Mannschaft vor. Zugleich bescherte er seinem Gegenspieler Timo Bäuerle einen düsteren Nachmittag. Bei der Essinger Sommer-Groß­offensive auf dem Transfermarkt war Gallego quasi das i-Tüpfelchen gewesen – jenes, das den Ostalbclub für die Konkurrenz vollends zum Meistertipp Nummer eins emporschnellen ließ.

Die Echterdinger dürfen sich zu Gute halten, das Kräftemessen dennoch gut 70 Spielminuten lang offen gehalten zu haben. Der demonstrierte Kampfgeist, gegnerische Schludrigkeiten beim Torabschluss sowie immerhin ein eigener Musterangriff machten es möglich. Nachdem Bergheim den Ball nach einer Flanke seines Teamkollegen Josip Skrobic zum 0:1 eingedrückt hatte (31.), antwortete Calcio etwas überraschend in der Nachspielzeit von Durchgang eins. Niko Zalac spielte die Kugel steil, es folgte ein Doppelpass von Bastian Joas mit Gentian Lekaj, und Joas traf schließlich flach zum Ausgleich (45.+3).

Frischer Wind durch Saglam

In dieser Phase schien es so, als könnte die Heimelf tatsächlich das von Di Frisco erhoffte „Zeichen“ setzen – ein Coup gegen den Klassenkrösus. Auch, weil eine taktische Maßnahme griff. Nach dem verletzungsbedingten Aus von Diamant Avdiu stellte der Trainer vom 3-4-3- auf ein 4-2-3-1-System um. Der eingewechselte und fortan auf der Zehnerposition agierende Ulas Saglam belebte das Calcio-Spiel.

Dann aber, nach der Pause, übernahm der Gegner mehr und mehr das Kommando. Di Friscos Mannen waren mehr und mehr am Hinterherlaufen. Die Essinger stellten sich ihren Kontrahenten wie einen taumelnden Boxer im Seilgeviert zurecht – um dann die entscheidenden Schläge zu platzieren. Es begann die erwähnte Gallego-Show. Weiß, Maximilian Eiselt und Serdal Kocak profitierten von dessen Vorlagen (71., 78., 79.). Eiselt gelang dabei das sehenswerteste Tor des Spiels. Er drosch den Ball aus knapp 25 Metern in die Dreiangel.

Höchststrafe für Syla

Ein Schuss wie ein Strich, nach welchem Di Frisco und Guerra ihre Jackenkrägen noch etwas höher aufstellten – und hart reagierten. Der Youngster Endrit Syla musste nur eine Viertelstunde nach seiner Einwechslung wieder runter vom Platz – quasi die Höchststrafe. „Er hat die Vorgaben nicht befolgt“, sagte Di Frisco knapp.

Es wehte zuletzt also ein frostiger Wind, nicht nur witterungsbedingt, sondern auch bildlich gesprochen. Inwieweit dies bei Calcio überhaupt gelten wird, müssen die nächsten Wochen zeigen. Im Klassement verharrt der Filderclub auf dem elften Platz, mit zunehmender Diskrepanz zum ursprünglichen Plan, in dieser Saison vorne anzugreifen. Von ihren vergangenen sieben Punktspielen haben die Echterdinger nur eines gewonnen.

Aber wer weiß? „Normannia Gmünd war zum gleichen Zeitpunkt des vergangenen Jahrs auch schon zehn Punkte hinten. Und am Ende waren sie Meister“, merkte Di Frisco trotzig an. Die Kapuze hatte er da wieder abgesetzt.

Calcio Leinfelden-Echterdingen:
Bortel – Bäuerle, Zalac, Zweigle – Vidic, Ismaili, Pranjic (79. Häcker), Avdiu (35. Saglam) – Joas, Lekaj, Capar (69. Syla, 85. Parrinello).

TSV Essingen:
Pless – Joos, Gurrionero, Essig, Sedlmayer – Gallego, Eiselt, Bergheim (87. Marianek), Skrobic (70. Zahner) – Weiß (84. Eckl), Kocak (87. Ibrahim).

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