Über 200 Leser verfolgen in der Karlspassage von Breuninger die Debatte um die Neugestaltung des Dorotheenquartiers. Das Kaufhaus will in die Aufwertung des Gebiets am Karlsplatz etwa 200 Millionen Euro investieren. Foto: Leif Piechowski

Was zwischen Karlsplatz und Kaufhaus Breuninger entstehen wird, ist trotz langen Ringens um die Gestalt eine gute Lösung. Das meint der Architekt Stefan Behnisch. Breuninger-Chef Willy Oergel erkennt eine „hervorragende Basis für ein neues, lebendiges Quartier“.

Stuttgart - So schnell kann es gehen: Erst am Donnerstagabend hatte der Gemeinderat den Bebauungsplan für das neue Dorotheenquartier im historischen Kern von Stuttgart genehmigt. Am Sonntagnachmittag sitzen die wichtigsten Akteure schon zusammen bei einer „relativ schnell geplanten Veranstaltung“ der Stuttgarter Nachrichten aus der Reihe „Mittendrin“, wie der stellvertretende Chefredakteur Wolfgang Molitor in der Begrüßung sagt. Draußen herrscht brütende Hitze, drinnen in der Karlspassage des Kaufhauses Breuninger versuchen die Podiumsgäste und die mehr als 200 Zuhörer kühlen Kopf zu bewahren.

Sechs Jahre zwischen der Veröffentlichung des ersten Entwurfs und der Genehmigung des Bebauungsplans – voraussichtlich vier Jahre Verspätung bei der Fertigstellung: Da liegt die von Jörg Hamann, Lokalchef der Stuttgarter Nachrichten, gestellte Frage nahe, wie die Beteiligten über die lange Prozedur denken und was sie daraus lernen.

Seine Gesprächspartner sind milde gestimmt. Dass die Konkurrenz im Europaviertel nun Ende 2014 das neue Einkaufszentrum Milaneo eröffnet, Breuninger erst zwei Jahre später sein Umfeld mit einem neuen Viertel attraktiver gemacht haben wird, sei ein ärgerlicher Nachteil im schärfer werdenden Verdrängungswettbewerb in Stuttgart – „aber wir müssen damit umgehen“, meint Breuninger-Unternehmensleiter Willy Oergel. Er ist sich aber sicher: In dem neuen Viertel „wird eine fantastische Atmosphäre herrschen“. Ein „Dreigestirn aus Markthalle, Breuninger und Dorotheenquartier“ sorge für wunderbare Attraktivität. Vielfältige Gastronomie neben Läden, Büros und Wohnungen soll auch abends die Menschen locken und ein lebendiges Viertel schaffen. Breuninger will als Nachbar den Nutzen haben, selbst keine Verkaufsflächen im neuen Quartier haben. Dem Unternehmen sei immer wichtig gewesen, bei diesem Projekt die Menschen mitzunehmen und einen Kompromiss zu erzielen, „mit dem wir leben können“, sagt Oergel.

Neuer Magnet für den alten Stadtkern

Würde jetzt noch das Zinsniveau von 2006 herrschen, gibt er zu, könnte man das in der abgespeckten Form immer noch rund 200 Millionen Euro teure Projekt nicht realisieren. So aber traut sich Breuninger mit „niedrigeren Renditeerwartungen als gewöhnlich“ ran. Man strebt einen neuen Magneten für den alten Stadtkern an, und man will die Entwicklung dort langfristig steuern können. Deshalb werde Breuninger auch keine der neuen 22 Exquisit-Wohnungen verkaufen. Die bestehende Karlspassage wolle man ins neue Viertel einbeziehen, sagt Oergel. Das sei der Grund, weshalb das Restaurant Flo in der Passage am Jahresende keinen Nachfolger erhält: „Wir wollen uns nichts verbauen.“

Das Wort „Kompromiss“ allerdings hört Architekt Stefan Behnisch nicht so gern. „Das ist für alle eine gute Lösung“, sagt er, auch für ihn. Was das skulpturale Erscheinungsbild angeht, sei die Planung gut. Im Umgang mit dem öffentlichen Raum und bei der Definition der Dachlandschaft auch. Gerade die Dächer seien im gut einsehbaren Talkessel ja eine ganz wichtige Fassade. Behnisch weist auch den Vergleich mit dem Milaneo zurück. Es trage zur Innenstadt „relativ wenig bei“. Es liege in einem Neubauviertel. „Hier bei uns geht es um die qualitative Neuordnung eines bestehenden ­Viertels.“

Die lange Bearbeitungszeit ist in Behnischs Augen „notwendiges Übel dieser im politischen Raum angesiedelten Projekte“. Die gegenwärtige Arbeit für ein Gebäude der Vereinten Nationen in Genf gestalte sich noch zäher. Da gebe es nicht eine Handvoll Parteien wie im Gemeinderat, sondern 140: die Mitgliedstaaten. Der Architekt ist sich sicher, dass es vor 15 Jahren, also vor den Entwicklungen um Stuttgart 21, mit dem ehemaligen Hotel Silber anders gelaufen wäre. Bei der Diskussion um die ehemalige Gestapo-Zentrale seien „viele verletzte Seelen unterwegs gewesen“.

Behnisch: „Manchmal wünscht man sich aber, die Diskussionen würden vorher initiiert, nicht nach dem Architektenwettbewerb“

Er und seine Kollegen hätten das Gebäude nicht für so wertvoll gehalten, dass man es komplett erhalten müsste, räumt Behnisch ein. Ein Gedenkort in einem Neubau, ein Haus im Haus hätte ihnen auch gereicht – „aber die Entwicklung ging woandershin“. Damit sei das Konzept mit zwei Neubaublöcken nicht mehr zu halten gewesen. Aus gestalterischen Gründen wurden drei daraus. Dass breit diskutiert wird, was in kritischer Lage entsteht, sei durchaus ermutigend. „Manchmal wünscht man sich aber, die Diskussionen würden vorher initiiert, nicht nach dem Architektenwettbewerb“, sagt Behnisch. Zwei Baublöcke, die anderswo nicht groß wären, seien in Stuttgart relativ groß. Den „Verfeinerungsprozess“ empfand er manchmal als frustrierend – „aber wahrscheinlich bestand bei so einem Standort die Notwendigkeit“.

Das kann Städtebaubürgermeister Matthias Hahn (SPD) nur unterstreichen. Zum Zeitpunkt, als der damalige Breuninger-Chef Willem G. van Agtmael mit dem Land Baden-Württemberg den ersten Entwurf des Architekten Ben van Berkel präsentierte, sei die Stadt „ein Dreivierteljahr abgehängt“ worden. Hahns Vorwurf: Die Verwaltung wurde damit bis 2008 nur am Rande befasst. Daher habe man sich „neu orientieren müssen“, um zu erreichen, dass die Neubauten nicht in Konkurrenz treten zu den benachbarten Kulturdenkmalen. Weil das Innenministerium aber erst im März 2013 an der Dorotheenstraße auszog, habe die Verfahrensdauer nichts verzögert.

Im Herbst Signal der Stadt Stuttgart zur Finanzierung nötig

Dass man früher diskutiert, Bürger und Initiativen vorneweg einbezogen hätte, wünscht sich auch Thomas Schnabel nachträglich. Der Leiter des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg, das mit Bürgerinitiativen zusammen den Gedenkort Hotel Silber aufbaut, stellt die Vorzüge des geplanten Gedenkorts heraus. Wie nirgendwo sonst in Deutschland könnte hier von Anfang 2016 an gezeigt werden, wie man in den Verbrechensstaat rutschte und wie man wieder herauskam. Wie Verwaltung und Polizei zuerst für die einen, dann für die anderen arbeiteten. Wie sich die Verfolgung mancher Gruppen über die NS-Zeit hinaus erstreckte.

Damit man über einen Eröffnungstermin reden könne, brauche er im Herbst ein Signal der Stadt zur Finanzierung. Noch sind sich Land und Stadt uneinig. Daher ist Schnabel fast traurig, dass das Hotel Silber vom Projekt Dorotheenquartier baulich abgehängt wurde. Das Bekenntnis von Bürgermeister Hahn, die Stadt sollte die Hälfte von den Kosten für Umbau und Ausstattung (also eine Million) sowie von den Betriebskosten (400 000 Euro) übernehmen, hört nicht nur Schnabel gern. Die Zuhörer klatschen.

Wenig später gehen die Lichter in der Karlspassage aus. Die Mitarbeiter der Firma Events Creative GmbH, die für Bild, Ton und Projektionen an die Leinwand gesorgt hatten, schalten ab. Das Personal von Breuninger, das unter anderem für Kaffee und Kuchen sorgte, darf wieder in die Freizeit. Wie die Zuhörer raus in die brütende Hitze.

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