Margot Käßmann hat Leonberg besucht. Foto: Simon Granville

Die Theologin und Autorin Margot Käßmann spricht im Rahmen des Seehaus-Festes über Schuld und Reue, Opfer und Täter.

„Vergebung ist eine der schwierigsten Herausforderungen im Leben.“ So leitet der Theologe und Pfarrer der Glemseck-Gemeinde, Benjamin Stock, eine Lesung ein, zu der knapp 100 Interessierte ins Veranstaltungszelt am Glemseck gekommen sind, um zu hören, was Deutschlands wohl bekannteste Theologin zu dem Thema zu sagen hat. „Manchmal fangen Leute bei den Lesungen an zu weinen“, erzählt Margot Käßmann. Denn Vergebung, die ja häufig in Verbindung mit Schuld einherkommt, berührt wohl fast jeden.

 

Größte Verletzungen innerhalb von Familien

„Die größten Verletzungen finden innerhalb von Familien statt, was besonders schwer wiegt“, so die Pfarrerin und frühere Landesbischöfin von Hannover. „Wird da das Vertrauen gebrochen, gehört das zu den schlimmsten Erfahrungen.“ Der Seitensprung des Vaters, körperliche Gewalt gegen Kinder, der Betrug der Schwester, schwere Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit Erbschaften – das alles lässt sich nicht so einfach gerade bügeln. Die Pastorin und kurzzeitige EKD-Ratsvorsitzende kann aus ihrer langen Seelsorge-Arbeit viele Beispiele aufzählen. Ein Kapitel hat sie auch dem Thema Schwiegerkinder gewidmet. „Da geht bei Lesungen immer ein Raunen durch die Reihen“, sagt sie.

Beim Vortrag zu ihrem vor zwei Jahren erschienen Buch „Vergebung – Die befreiende Kraft des Neuanfangs“ rückt sie nicht nur die Opfer, sondern auch die Täter ins Blickfeld. Warum wird der Vater, an den der Sohn nur mit Verachtung denken kann, immer wieder gegen sein Kind gewalttätig? Hat er etwa im Krieg Schlimmes erlebt, ein Trauma erlebt und Schuld auf sich geladen? Vielleicht hat er um sich geschlagen, weil er mit dieser Schuld nicht klarkam, sagt Käßmann mit Blick auf die Generation der am Krieg Beteiligten.

Vergebung gelingt nur freiwillig

Zwar könne niemand zur Vergebung gedrängt werden, das gehe nur freiwillig und setze meistens einen längeren Prozess voraus. „Doch wenn ich anderen nicht vergeben kann, hat das auch Auswirkungen auf mich selbst, weil ich dann in der Opferrolle verharre“, meint die 67-Jährige, die selbst etliche Brüche in ihrem Leben bewältigen musste. Durch eine Vergebung werde eine Tat zwar nicht ausgelöscht, doch die Tat sollte niemals ein ganzes Leben bestimmen.

Täter-Opfer-Ausgleich spielt auch im Strafvollzug im Seehaus eine große Rolle. Die jungen Männer zwischen 14 und 23 Jahren, die dort in einem Strafvollzug in freier Form auf das Leben nach der Haft vorbereitet werden, können an einem Opferempathietraining und am Programm Opfer und Täter im Gespräch teilnehmen. Es kann sogar zu einem tatsächlichen Ausgleich zwischen Tätern und Opfern kommen, bei dem sich die Beschuldigten mit dem Leid der Opfer auseinandersetzen und Wiedergutmachung leisten. Sie habe selbst schon in ihrer Zeit als Bischöfin eine Justizvollzugsanstalt besucht, erzählt Margot Käßmann im Gespräch mit dieser Zeitung. Das Projekt hier im Seehaus kennt und schätzt sie. Resozialisierung bedeute auch, die eigene Schuld anzuerkennen und sich klarzumachen, welche Angst die Tat beim Opfer ausgelöst hat.

Vortrag passt zum Veranstaltungsort

„Margot Käßmann beschreibt genau das, was wir machen“, sagt Elvira Pfleiderer, die Bereichsleiterin für Opfer- und Traumaberatung im Seehaus. Deswegen habe sie auch angeregt, die Pfarrerin einzuladen. Das habe allerdings eine Weile gedauert, denn der Terminkalender der viel gefragten Theologin ist voll. Von den jungen Straftätern im Seehaus sitzt übrigens niemand im Publikum. Einige von ihnen proben nebenan auf einer kleinen Bühne für das große Seehausfest am Sonntag. Zum Gottesdienst am Sonntagvormittag, bei dem Margot Käßmann predigen wird, können sie aber dabei sein.

Nach Margot Käßmanns Vortrag kommt aus dem Publikum die Frage nach persönlichen Beispielen für Schuld und Vergebung der Autorin von inzwischen zahlreichen Büchern. Die Trennung von ihrem Ehemann sei ein schmerzhafter Prozess gewesen, sagt die Mutter von vier Töchtern. Ihr unverzüglicher Rücktritt von ihrem Amt als Landesbischöfin nach einer Alkoholfahrt sei zwar keine schöne Situation gewesen. „Aber es hat mich befreit, mich hinzustellen und die größtmögliche Konsequenz zu ziehen und zu sagen, ich bekenne mich zu meiner Schuld“, erzählt sie im Rückblick auf dieses Ereignis im Jahr 2010.

„Kann man auch vergeben, wenn der Täter keine Reue zeigt“, fragt ein anderer Gast. Das sei zwar schwierig, aber vielleicht gerade deshalb nötig, „sonst hat der Täter immer Macht über uns“, lautet die Antwort der Seelsorgerin. „Schuld belastet und macht die Seele eng. Vergebung ist auch eine befreiende Kraft.“