Abschied in der Martinskirche (von links): Thomas Speer und Jens Junginger mit Kirchenpflegerin Katrin Haag Foto: Kirchengemeinde

Katrin Haag verlässt Sindelfingen, die kompetente Kirchenpflegerin geht nach China. Für ihren Chef Jens Junginger ist das doppelt hart.

Gerade musste die Gesamtkirchengemeinde ihre Kirchenpflegerin verabschieden. Katrin Haag geht mit ihrer Familie für drei Jahre nach Shanghai und beendet ihre Tätigkeit in Sindelfingen. Das trifft Jens Junginger, den geschäftsführenden Pfarrer in Sindelfingen, hart. Schließlich hat die Diplom-Betriebswirtin, die zuvor lange Jahre bei der IBM beschäftig war, einen exzellenten Job gemacht.

 

Zumal in der kirchlichen Verwaltung bei den Themen Personal, Liegenschaften und Finanzen hohe Kompetenz gefragt ist. „Wir bedauern sehr, dass sie uns verlassen“, sagte auch Thomas Speer als Vorsitzender des Gesamtkirchengemeinderats beim Abschiedsgottesdienst für Katrin Haag in der Martinskirche.

Rabiate Kürzungen

Die solide Verwaltungsarbeit war in Sindelfingen umso wichtiger, als zurzeit zahlreiche Veränderungen zu steuern und zu verkraften sind – die vielen Kirchenaustritte und die düsteren finanziellen Perspektiven machen sie notwendig. Der Pfarrplan sieht hier wie anderswo eine rabiate Kürzung der Pfarrstellen vor, die Versöhnungskirche auf dem Sindelfinger Goldberg wird genauso aufgegeben wie die Gemeindehäuser der Christus- und der Johanneskirche. Zudem sollen die Sindelfinger Kirchengemeinden 2025 – genauso wie in Böblingen – zu einer großen Gemeinde fusionieren. Dementsprechend dankbar zeigte sich auch Jens Junginger gegenüber Katrin Haag, weil „diese Zeit voller Transformationen für Kirche und Gesellschaft mit Ihnen eine ungemein befruchtende, lehrreiche Zeit, eine richtig gute Zeit war“, wie der Pfarrer betonte.

Wiegt Haags Abschied schwer genug – es kommt noch dicker: Der Posten der Kirchenpflegerin wird nicht wieder besetzt. Das ist der Reform in der Kirchenverwaltung geschuldet, die derzeit umgesetzt wird – in der Landeskirche wie im Kreis Böblingen. Überall in den Kirchengemeinden werden dabei die örtlichen Kirchenpfleger-Positionen aufgelöst und in der Regionalverwaltung mit Hauptsitz in Böblingen zentralisiert.

Dieser Akt ist für Jens Junginger „nicht nachvollziehbar und bleibt schwer zu begreifen“, wie er betont. „Die Reform ist am grünen Tisch entworfen worden, ohne jegliche Erdung“, kritisiert Jens Junginger, der seit 2018 die Martinskirchengemeinde und die Gesamtkirchengemeinde führt, „die Reform wird jetzt der örtlichen Basis übergestülpt, ohne dass man den Hauch einer Ahnung hat, wie die konkrete Arbeit Gestalt annehmen könnte.“

Selbstkritischer Blick zurück

Sindelfingen sei dabei als große Kirchengemeinde besonders betroffen, da es viele zusätzliche Verantwortungsbereiche gebe: Kindergarten, Haus der Familie, Waldheim Eichholzer Täle, „Fachstelle Hausbesuch“ sowie zahlreiche Immobilienaufgaben. Jens Junginger befürchtet, dass es sehr mühsam werde, die ortsspezifischen Herausforderungen mit der zentralen Behörde abzustimmen – auch wenn es weiterhin einen Sindelfinger Verwaltungsstandort geben wird. „Da geht viel Zeit für Verständigung, Kommunikation und damit viel Effizienz verloren – und das in einer Situation, wo wir als Kirche mehrere Transformationsprozesse gleichzeitig am Laufen haben“, kritisiert Junginger. „Es wird holpern, es wird – entgegen allen Versprechungen – viel von Pfarrerinnen und Ehrenamtlichen übernommen werden müssen.“

Dabei hatte sich die emotionale Lage in Sindelfingen zuletzt etwas beruhigt, nachdem es im vergangenen Jahr große Aufregung um die abrupt verkündeten Veränderungen gab. „Vielleicht hätte damals jemand Externes die öffentliche Kommunikation moderieren müssen“, blickt Junginger selbstkritisch zurück. Die Gemeindefusion habe aber mit der Zeit an Akzeptanz gewonnen – angesichts der Erkenntnis, dass im Zusammengehen auch eine Chance liege.

Weniger als zwei Jahre Zeit

Bereits seit 2018 verfolgt die evangelische Landeskirche das Vorhaben, die Kirchenpflege umzubauen und zu zentralisieren – so auch im Kreis Böblingen. Maren Stepan muss als neue Leiterin der Regionalverwaltung die lokale Reform koordinieren und die Kirchenpfleger aus dem ganzen Landkreis in ein neues Team umwandeln. Bis März 2025 sollen die personellen Konsequenzen klar sein, bis Anfang 2026 muss alles fix stehen.