Gerhard Wölfle will sich der Philosophie und theologischen Theorie widmen. Foto: Stollberg

Nach 27 Jahren verabschiedet sich Gerhard Wölfle von der Lukasgemeinde in den Ruhestand.

Rotenbergstraße - Das Fahrrad ist das Markenzeichen von Pfarrer Gerhard Wölfle. Egal, ob Hundstage oder Eiseskälte, hat er stets die Höhenunterschiede zwischen dem Königin-Katharina-Stift im Kessel und dem Lukasplatz mit seinen Pedalen überwunden. 27 Jahre hat er an dem Gymnasium Religionsunterricht gegeben und genauso lange ist er Pfarrer im Osten. Die großen Veränderungen und Einschnitte in der evangelischen Lukas- und der Lutherhausgemeinde hat er begleitet und in fast drei Jahrzehnten die Jugendarbeit und Erwachsenenbildung sowie den ökumenischen Prozess mit der katholischen Herz-Jesu-Gemeinde und mit Heilig Geist angestoßen und begleitet. Am Sonntag verabschiedet sich Wölfle in den Ruhestand und zum Gottesdienst um 10.15 Uhr in der Lukaskirche werden auch seine Freunde aus der Nähe von Altenberg in Thüringen kommen. Schon vor der Wende hat Wölfle dort mit zwei Kirchengemeinden eine Kooperation geknüpft.

1985 hat der promovierte Theologe sein Amt an der Lukasgemeinde angetreten. „Damals hatten wir noch drei Pfarrer, heute haben wir nur noch einhalb Stellen hier“, berichtet er etwas bitter. Die stets kleine Lutherhausgemeinde in der Boslerstraße hatte bei der Konzeption des Gebäudekomplexes in den 1920er Jahren noch 4000 Mitglieder. Der Gemeindesaal, der Kindergarten und die Wohnung des Pfarrers waren unter einem Dach, das war das Besondere des Lutherhauses.

Doch die Zahl der evangelischen Christen ging im Osten in den vergangenen Jahrzehnten stetig zurück, sodass das Lutherhaus und die Lukasgemeinde 2005 schließlich fusioniert wurden. „Weil ich schon so lange hier Pfarrer war, habe ich dann das Lutherhaus übernommen und bin in die Dienstwohnung in der Boslerstraße umgezogen“, erzählt Wölfle. Aber dort wohnte er nicht lange, denn 2009 reagierte die Kirchenverwaltung auf den weiter voran schreitenden Schwund evangelischer Bewohner im Stadtteil mit dem Verkauf des Lutherhauses. Geblieben sind dort lediglich der Kindergarten und ein kleiner Raum für die Gottesdienste. „Damit sind aber auch die Feste verloren gegangen, denn der Saal fehlt jetzt. Das Gemeindeleben ist durch den Verkauf zusammengeschnurrt“, bedauert Wölfle die Folgen des Verkaufs. „Die Feste wollen wir aber wieder beleben, sobald der neue Gemeindesaal am Lukasplatz fertig ist.“

„Bei einer Fusion wächst nicht alles zusammen.“

Auch am Standort der Lukasgemeinde hat der Zuzug vieler ausländischer Familien, die anderen Glaubensgemeinschaften angehören, dazu geführt, dass der Kindergarten neben der Lukaskirche nicht mehr benötigt wird. „80 Prozent der Kinder hier haben einen Migrationshintergrund“, rechnet Wölfle vor. Das Gebäude wurde abgerissen. An seiner Stelle wird dort ein neuer Gemeindesaal gebaut. Das Haus mit dem großen Saal in der Schwarenbergstraße wird verkauft. „Aber eine Fusion darf man sich dennoch nicht so vorstellen, dass alles zusammenwächst“, sagt Wölfle. Die Seniorenkreise bestehen an beiden Orten weiter. „Das sind gewachsene Traditionen“, sagt er.

Anders sieht es bei der Jugendarbeit aus, die ihm besonders am Herzen lag. Mit der klassischen Jungschar werde heute niemand mehr erreicht. „Wir versuchen die Jugendlichen heute beim Konfirmandenunterricht für die weitere Mitarbeit zu interessieren.“ Waren es früher noch 80 Konfirmanden pro Jahrgang, sind es heute noch zwischen elf und 15. Aber auch diese verbringen das traditionelle Wochenende in Buttenhausen, wo bis zum Dritten Reich Christen und Juden über Jahrhunderte friedlich zusammengelebt hatten. „Die bedrückende Vergangenheit rückt hier sehr nahe an einen heran“, sagt Wölfle. Das Konfirmandenwochenende ist nur eine von mehreren Marksteinen, die Wölfle in den Gemeinden hinterlässt.

In seinem jetzt beginnenden Ruhestand will er sich ganz der Philosophie und der theologischen Theorie widmen und wird an zwei wissenschaftlichen Debattierzirkeln in Tübingen mitwirken.

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