Gianina Maissen aus Villingen ist Transmodel und aufstrebender Pornostar. Auf der Erotikmesse Venus in Berlin trifft sie ihre Fans. Mit dabei sind auch ihr Verlobter und der gemeinsame Hund Rubi, der sonst Beamter im Schwarzwald ist.
An den Hälsen sind drei junge Männer aneinander gekettet, auf ihren schwarzen Oberteilen steht „Eigentum von Anja“. Ein grauhaariger Herr mit Glitzerrock und Strapsen steht daneben, im durchsichtigen Netzbody mit Rollschuhen dreht eine junge Frau ihre Kreise in der Empfangshalle der Berliner Messe. Hier, wo die Anzeige an den Wänden noch auf den „Fernsprecher“ im Untergeschoss verweist, findet an diesem Wochenende zum 27. Mal die Venus, die weltweit größte Messe der Pornobranche, statt, und Hunderte Monitore und Bühnen werfen Bilder nackter Haut aus.
In einer halbdunklen Halle hat Gianina Maissen schon am Morgen ihre Position an einem Stand bezogen. Die 25-jährige Transfrau aus Villingen trägt ein kurzes schwarzes Lackkleid mit durchgehendem Reißverschluss, grotesk hohe Plateaustiefel und aufwendige Haarverlängerungen. Sie signiert Autogrammkarten, als ein junges Paar um ein gemeinsames Foto bittet. Ob online noch neue Bilder von ihr dazu gekommen seien, will der Mann wissen, offensichtlich ein Fan.
Es ist kein Zufall, dass die weltweit größte Pornomesse in Deutschland stattfindet
Die Schwarzwälderin, die aus der Schweiz stammt, arbeitet seit zwei Jahren als Transmodel und Pornodarstellerin. Als Cam Girl stellt sie selbst Videos ins Netz oder kommuniziert über Plattformen wie Onlyfans mit ihren Kunden. „Schatzi, kommst du mal kurz“, ruft sie ihrem Verlobten Thomas zu, einem ehemaligen Edeka-Filialleiter, der ihr „das Büro macht“. Im Schnitt 6000 Euro netto im Monat verdiene Maissen mit ihren Auftritten und Engagements als Gianina TS, sagt der Verlobte. Maissen gilt als Transfrau auf der Messe als besonders. Sie ist körperlich „unten Mann und oben Frau“, wie sie sagt, die Brüste hat sie operieren lassen.
Es ist wohl kein Zufall, dass die weltweit größte Pornomesse in Deutschland stattfindet. Messe und Erotik – das muss man erst einmal zusammen bringen. Sex als Ware und Hobby, alles perfekt organisiert, als ginge es dabei nicht um das intimste Geheimnis, sondern um Rollladensysteme. Klitorisschmuck: 19,99 Euro, ein Peitschenhieb: 1 Euro. Wo sonst die Grüne Woche stattfindet, der Deutsche Pflegetag oder die Berliner Angelwelt, kann man jetzt dem Vortrag „Einführung in die Sklavenerziehung“ oder „Fisting“ auf der großen Bühne lauschen.
Dem Veranstalter zufolge haben seit ihrer Gründung 1997 mehr als eine Million Menschen die Venus besucht. Mit 400 Ausstellern aus 36 Ländern und Fachbesuchern aus 60 Ländern gilt die Venus als weltweit größte internationale Messe der Pornobranche.
Pornografie ist ein Milliardengeschäft. Laut Statistiken wie der des Verbraucherportals Netzsieger wird weltweit mit Pornografie ein Umsatz von 12,6 Millionen Euro erzielt – pro Tag. Die Industrie verdient mehr als Hollywood oder Netflix. Und längst holt die Branche nicht nur das klassische Privatfernsehpublikum ab, sondern kommt einem gesellschaftlichen Wandel entgegen. Sie macht auch Angebote für ein städtisches Akademikerinnenmilieu, etwa mit feministischen Pornos von Produzentinnen wie Erika Lust. Lust gilt als Pionierin der Branche, in der sowohl Publikum als auch Produzenten in der Mehrzahl männlich sind.
Erotikdarstellerinnen machen sich unabhängig von Produktionsfirmen
Inzwischen ist das Angebot so groß, dass nicht nur explizit feministische oder queere Pornos divers sind, sondern bei klassischen Anbietern naturgegeben eine große Diversität herrscht. Es gibt alles für jeden. Viele Amateure mischen in der Branche mit, durch Plattformen wie Onlyfans, auf denen Erotikdarstellerinnen selbst Bezahlmodelle für Kunden anbieten, ist eine Unabhängigkeit von großen Produktionsfirmen entstanden.
Die Messe wurde lange kritisiert, zu ausbeuterisch, schmuddelig und antifeministisch sei das Angebot. Das soll heute anders sein, es gibt Bereiche, die als Queer Space oder Kinky Venus Möglichkeiten für kleine Hersteller bieten, sich zu präsentieren. Es gilt heute in vielen Kreisen als zeitgemäß, sich sexuell offen und experimentierfreudig darzustellen, sexpositiv ist ein Schlagwort. Kulturwissenschaftler sprechen von einer neuen sexuellen Revolution. Seit einigen Jahren erscheinen überall Ratgeber und Podcasts zu Sexualität und Pornos, in größeren Städten sind Kinky Partys zu einem lohnenden Geschäft geworden. Die Veranstaltungen, bei denen alle leicht oder nicht bekleidet erscheinen und offen miteinander schlafen können, sind im Grunde nichts anderes als das, was man früher Swinger Club nannte. Polyamore Lebensweisen etablieren sich vor allem bei jüngeren Leuten, die sich heute oft als pansexuell bezeichnen: Sie können alle begehren, egal welchen Geschlechts.
Mit Rubi führen Maissen und ihr Verlobter eine polyamore Beziehung
Auch Gianina Maissen beschreibt ihre sexuelle Identität so. Seit einiger Zeit sind sie und Thomas noch mit einem weiteren Mann zusammen, der sich Rubi nennt und heute ein Hundekostüm mit Maske trägt. Mit Rubi führen Maissen und ihr Verlobter eine polyamore Beziehung. Rubi ist ihr Hund. Das nennen Menschen mit dieser Neigung Petplay oder Pupplay. „Man ist dem Herrchen und Frauchen sehr zugetan“, erklärt Rubi, „will mal Bällchen spielen oder wuffen und folgt ihnen brav.“ Wenn das Trio nicht gerade bei Kinky Partys weilt, ist Rubi Beamter im höheren Dienst im Schwarzwald.
Auf der Hauptbühne wird die Pause ausgerufen, ein Mitarbeiter saugt auf dem Bett Staub und schrubbt mit Lappen und Allzweckreiniger die Tanzstange. An einem Stand, der bunte Spielzeuge anbietet, sitzen gelangweilt wirkende Ausstellerinnen mit nackten Pos auf Barstühlen und essen Pizzaschnitten. Nur wenn sich eine Kamera auf sie richtet, ziehen sie geschäftsmäßig eine Kussmundschnute. Nebenan umringen Männer zwei Frauen auf einem Sessel, die einen lesbischen Liebesakt imitieren. Warum die Besucher das filmen, was es endlos im Netz gibt, bleibt ein Rätsel. Wie gierig sie den Frauen zwischen die Beine knipsen, zeigt, dass die ethisch-wertschätzende Pornowelt noch nicht überall angekommen ist, vor allem nicht bei großen Anbietern wie „My Dirty Hobby“ oder „Bonga Cams“.
Wie lange haben Darstellerinnen wie Maissen überhaupt noch, bis sie von digitalen Doubles abgelöst werden? Künstliche Intelligenz ist auch vertreten auf der Messe, etwa von „Eva AI“, einem Hersteller moderner KI-Chatbots, die personalisiert werden können und romantische und sexuelle Begleitung bieten. Doch in keiner anderen Branche ist die gute alte DVD auch noch so beliebt wie hier, wo man sie wie Ende der 90er Jahre zu Hunderten an den Ständen erwerben kann.
Bei der Venus findet Catalina die bunte Mischung aus Menschen spannend
In einem besonders großen Bereich der Messe werden „Fetisch, sexuelle Freiheit und Experimentierfreude“ zelebriert. Auf der Bühne dieser Kinky Venus haut jetzt ein stark tätowierter Mann einer Frau mit einem Holzbrett auf den Po und versucht, ein Seil über eine Querstange an der Decke zu werfen, was ihm nicht gleich gelingt. Catalina und Sebastian schauen zu und lachen. „Das ist unfreiwillig komisch, man muss hier mit einer Prise Humor herkommen“, sagt Catalina. Die 33-jährige Berlinerin und ihr Freund Sebastian, 41, sind zum zweiten Mal Besucher der Venus. Catalina sagt, sie finde die bunte Mischung der Menschen spannend. Das Paar interessiert sich für BDSM und Fetisch, besucht öfter Kinky Partys. Heute ist ihre Kleidung weitgehend alltagstauglich. Was man nicht von allen Besuchern der Venus behaupten kann.
Auch wenn Catalina und Sebastian ganz ohne Klamotten erschienen wären, hätte sich keiner beschwert. Die Venus darf nackt besucht werden. Wie etwa von dem großen Mann, der jetzt zu Gianina Maissen auf eine Bühne hüpft. Er trägt nur schwarze Strümpfe und Schuhe. Maissen „tanzt noch a weng an der Stange“, sagt ihr Verlobter Thomas. Eifersüchtig sei er da übrigens nicht. Man sei locker. Auch das Umfeld in Villingen habe mit ihm, Gianina und Rubi kein Problem. Die Gesellschaft sei offener geworden, findet Thomas, aber man müsse„aufpassen, dass es nicht wieder rückwärts geht – wegen der AfD und den Wahlen im Osten“.