Mathieu Amalric und Emmanuelle Seigner in „Venus im Pelz“. Foto: Prokino

Roman Polanskis Broadway-Adaption „Venus im Pelz“ kommt am Donnerstag in die Kinos. Von der ersten Minute an liegt Unheil in der Luft, wie es typisch ist für die Filme Polanskis, der hier im ganz Kleinen Manipulation und menschliche Verführbarkeit in allen Nuancen ausleuchtet.

Stuttgart - Im leeren Theater klagt der Regisseur Thomas am Telefon, das Casting sei ein Reinfall gewesen; keine einzige der Schauspielerinnen eigne sich für die Hauptrolle in „Venus­ im Pelz“, seiner Adaption von Leopold von Sacher-Masochs Novelle um Dominanz und Unterwerfung aus dem Jahre 1870. Während er spricht, sucht ihn das Schicksal heim in Gestalt der völlig durchnässten Vanda, die flucht, raucht, sich nicht abwimmeln lässt – und dem Regisseur bald ihre ganz eigene ­Inszenierung des Stoffes aufzwingt.

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Nach Yasmina Rezas „Gott des ­Gemetzels“ (2011) bringt Roman Polanski erneut ein Bühnenstück auf die große Leinwand, einen Broadway-Erfolg des Autors David Ives. Und von der ersten Minute an liegt Unheil in der Luft, wie es typisch ist für die Filme Polanskis, der hier im ganz Kleinen Manipulation und menschliche Verführbarkeit in allen Nuancen ausleuchtet.

Vanda bringt Thomas dazu, Szenen des Stücks mit ihm nachzustellen, in dem sich ein Mann per Vertrag zum Sklaven einer Frau macht – der Begriff „Masochist“ geht auf ­Sacher-Masoch zurück. Bald hat er ein Halsband um und kniet vor ihr, während sie ihn immer leichter geschürzt dazu bringt, sich selbst zu demütigen und seine wahren Motive und Begierden zu entlarven.

Zunehmend verschwimmen Spiel und Realität, und es ist kaum noch auszumachen, wo beides beginnt und aufhört. Bruchlos schlüpfen die Akteure in die Rollen hinein und wieder heraus, und nur für kurze ­Momente gelingt es Thomas, vollständig in die Wirklichkeit zurückzukehren. Dann ist es, als würde er aufwachen aus einem schaurig-schönen Traum.

Polanski ist ein Meister des Timings, und er beweist sein Händchen für die richtige ­Besetzung. Mathieu Amalric („Schmetterling und Taucherglocke“) nimmt als Thomas von Anfang an genau die richtige Haltung ein: Wie ein nasser Waschlappen hängt er über der ­Leine seiner eigenen Fantasie und windet sich wie ein Wurm im Ringen von ­Begierde und Verklemmtheit. Er präsentiert sich als egomanischer Welterklärer und wähnt in ­seinem Stoff eine höhere Wahrheit, er rechtfertigt sich und sein Projekt wortreich; doch ­irgendwann wird klar, dass er gar nicht Vanda überzeugen möchte, sondern vor allem sich selbst.

Nicht weniger doppelbödig ist die Rolle der Vanda, die Polanskis Ehefrau Emmanuelle Seigner ausfüllt. Zu Beginn poltert sie als unmögliche Femme fatale durch die Szenerie und lockt Thomas damit auf eine falsche Fährte. Er soll sich überlegen fühlen, tut es auch und merkt gar nicht, wie er der cleveren Verführerin in die Falle geht. Er ­offenbart sich, bis sie nach Belieben mit ihm spielen kann. Seigner zieht alle weiblichen Register, sie rezitiert Textzeilen absichtlich falsch, damit er sie korrigieren kann, sie zwängt ihre Rundungen in ein Biedermeier-Kleid und präsentiert sich schließlich nur im Pelz als unerreichbare Versuchung und ­feministischer Racheengel.

Man kann den Film freilich auch anders deuten. Im Mai beim Festival in Cannes, wo „Venus im Pelz“ im Wettbewerb lief, verengte sich die Diskussion darauf, ob es sich um eine Selbstbespiegelung des Filmemachers handle. Tatsächlich sieht Amalric dem jungen Polanski verblüffend ähnlich, und tatsächlich ereifert sich der als Kind gezüchtigte Thomas, als Vanda spöttisch das Motiv des Kindesmissbrauchs in seinem Stück vermutet: „Ist denn heute alles gleich Missbrauch? Muss alles gleich zur Sozialstudie werden? Gibt es keine Zwischentöne mehr?“

Polanski hat bestritten, dass diese Szene autobiografisch gemeint sei. Und schon gar keine Rechtfertigung für sein Vergehen an einer 13-Jährigen im Jahr 1977, das er ungesühnt in den USA zurückgelassen hat wie seine Hollywood-Karriere und das seither als Fluch über seinem Leben liegt.

Wer den Film so betrachtet, macht ihn kleiner und beraubt sich des Genusses, den er als fiktionales Kunstwerk bietet – als grandiose Kollision zweier eigenwilliger Charaktere im Geschlechterkampf.

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