Immer mit vollem Engagement an der Seitenlinie: Handball-Trainer Velimir Petkovic. Foto: dpa/Annegret Hilse

Nach über 20 Jahren in der Handball-Bundesliga hat sich Velimir Petkovic entschlossen, russischer Nationaltrainer zu werden. Im Interview äußert er sich auch kritisch über die Branche.

Stuttgart - Die SG Stuttgart/Scharnhausen war die erste Station von Velimir Petkovic als Trainer in Deutschland. Später trainierte der gebürtige Bosnier den HC Wernau, die TSG Oßweil und von 2004 bis 2013 den Bundesligisten Frisch Auf Göppingen. Mit dem Traditionsclub feierte der 63-Jährige die EHF-Pokal-Titel 2011 und 2012. 2018 gelang ihm das auch mit den Füchsen Berlin, wo er am 20. Februar 2020 beurlaubt wurde. Wenig später unterschrieb Petkovic einen Vierjahresvertrag als russischer Nationaltrainer.

Herr Petkovic, wo erreichen wir Sie aktuell, und geht es Ihnen gut?

Zu Hause in meiner Wohnung in Berlin. Danke, mir geht es gut. Eigentlich sollte ich längst in Russland sein. Für 7. April war der erste Lehrgang geplant mit Blick auf unsere ersten WM-Qualifikationsspiele gegen die Türkei.

Und jetzt?

Haben wir vorerst vereinbart, dass ich am 20. Mai nach Moskau fliege.

Wie verständigen Sie sich eigentlich mit den Vertretern des russischen Verbands?

Manche sprechen meine Muttersprache, einige reden deutsch, wie der Generalsekretär Lew Woronin, der von 1998 bis 2008 bei der TSG Friesenheim Handball spielte.

Wie kam Ihr Engagement denn zustande?

Den ersten Kontakt gab es am 6. Februar. Das war ein Donnerstag. Ich war gerade in Mannheim im Hotel und auf dem Sprung zur Abfahrt zum Auswärtsspiel mit den Füchsen bei den Eulen Ludwigshafen. Lew Woronin war am Telefon, fragte erst „kennst du mich?“ und sagte dann, ich sei der Wunschkandidat des russischen Verbands als Trainer.

Nachdem Alfred Gislason abgesagt hatte, weil der deutscher Bundestrainer werden wollte.

Das kann sein. Woronin sprach von 50 Bewerbern, ich sei der Beste meinte er, und seine Verbandskollegen wollten mich unbedingt so schnell als möglich kennenlernen.

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Wie ging es dann weiter?

Kompliziert. Und turbulent. Es war ein Schauspiel, das zeigt, wie verrückt die Branche geworden ist.

Erzählen Sie.

Kurz nach dem Telefonat mit Lew Woronin bekam ich einen Anruf von Axel Geerken (Anm. d. Red.: Geschäftsführer des Bundesligisten MT Melsungen). Er wollte mich sofort verpflichten und unterbreitete mir am Dienstag danach ein unterschriftsreifes Angebot.

Aber da waren Sie doch noch Trainer der Füchse Berlin.

Ja und Heiko Grimm noch Trainer bei der MT Melsungen. Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning hatte mit Geerken offenbar aber bereits über die Wechselspiele gesprochen und für den Dienstagabend um 18 Uhr, zwei Tage vor unserem Heimspiel gegen die HSG Nordhorn, schon die Mannschaft zusammengetrommelt, um ihnen die Entscheidungen mitzuteilen. Mein späterer Nachfolger Michael Roth war schon auf dem Weg nach Berlin.

Und dann?

Ich konnte mich mit Geerken nicht einigen. Er wollte mir nur einen Vertrag über eineinhalb Jahre geben, ich wollte zweieinhalb Jahre. An jenem Dienstag um 17 Uhr sagte ich dann zu Bob: Ich gehe nicht nach Melsungen.

Und den Termin mit der Mannschaft?

Hat Bob Hanning kurzfristig abgesagt. Wir hatten dann am Mittwoch um 12 Uhr Training, und ich habe in verwunderte Gesichter meiner Spieler geschaut, weil sich der ursprüngliche Plan natürlich schon herumgesprochen hatte. Dann habe ich mit der Mannschaft trainiert.

Am Tag danach gab es die Heimniederlage gegen Schlusslicht Nordhorn…

…und Sportdirektor Stefan Kretzschmar hat mir dann am Tag nach dem Spiel mitgeteilt, dass ich freigestellt werde. Die ganz große Überraschung war das dann nicht mehr.

Nachfolger Michael Roth stand schon parat, Melsungen holte Gudmundur Gudmundsson und sie heuerten in Russland an.

Ja, so schnelllebig ist dieses Geschäft geworden. Wahnsinn! Ich habe dann umgehend ein Visum beantragt, bin montags danach nach Moskau geflogen.

Und haben einen Vierjahresvertrag unterschrieben.

Nach meiner Rückkehr nach Deutschland bekam ich den Vertrag zugesandt. Ich habe ihn von meinem Berater Andrej Golic und meinem Sohn Nino, der Rechtsanwalt ist, prüfen lassen. Dann habe ich den Vertrag mit den Füchsen aufgelöst und den neuen Kontrakt unterschrieben.

Jetzt sind Sie Millionär?

(lacht) Es ist mit 63 Jahren der beste Vertrag, den ich in meiner Karriere unterschrieben habe, und er zeigt auch die Anerkennung und Wertschätzung für meine Arbeit. Aber Millionär bin ich deshalb nicht.

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Kommt Ihre Frau Nada mit nach Russland?

Wir wohnen in Berlin 15 Minuten vom Flughafen weg. Pro Tag gehen fünf Flüge nach Moskau, sie ist in zwei Stunden bei mir. Wann immer es ihr langweilig wird, wird sie kommen (lacht).

Wie oft werden Sie in Moskau sein?

Es ist vertraglich geregelt, dass ich 183 Tage im Jahr vor Ort sein werde, das hat steuerliche Gründe.

Wie lauten Ihre Ziele?

Ich möchte frischen Wind reinbringen. Mein Engagement bedeutet einen Neuanfang für den russischen Handball, der immer noch ein riesiges Potenzial hat.

Stimmt es, dass Sie gesagt haben, das russische Team sei nicht schlechter als das kroatische.

Nein, ich habe gesagt, der Nationalstolz der Russen ist genauso ausgeprägt wie in Kroatien oder Montenegro. Auf diese Identifikation baue ich.

Bei der vergangenen EM landete Russland auf Platz 22.

Ich weiß, dass viel Arbeit auf mich wartet. Deshalb bin ich da.

Was nehmen Sie aus Ihrer Zeit bei den Füchsen mit?

Das war eine sehr wertvolle und auch erfolgreiche Zeit für mich, die von großem Verletzungspech geprägt war.

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Und bestimmt auch von der Zusammenarbeit mit Bob Hanning.

Wir könnten jetzt viel über Bob Hanning diskutieren, aber ich bin ihm zuallererst dankbar, dass er mir die Möglichkeit gegeben hat, diesen Spitzenclub zu trainieren. Spieler wie Gojun, Lindberg, Nenadic, Kozina, Fäth, Zachrissson, Eilsson werden immer in meinem Herzen bleiben.

Hanning ist ein Alphatier, genauso wie der neue Sportdirektor Stefan Kretzschmar. Geht das gut?

(lacht) Ich bin auch ein Alphatier. Ich werde es gespannt beobachten.

Werden Sie die Bundesliga vermissen?

Ich gehe mit gemischten, etwas mulmigen Gefühlen. Vielleicht ist es ein Geschenk von Gott, dass ich künftig nicht mehr in diesem Geschäft dabei bin.

Spielen Sie auf die häufigen Trainerwechsel an?

Ich war nicht immer bei allen beliebt, aber ich habe immer ehrliche und korrekte Arbeit abgeliefert. Aber ein Trainer ist leider nicht mehr die Autorität, nicht mehr die Institution, nicht mehr die wichtigste Person im Verein wie das früher der Fall war. Und dadurch wird auch eine Mannschaft geschwächt.

Woran liegt diese Entwicklung?

Viele junge Manager sind respektlos, sie haben nicht mehr die nötige Achtung vor den Trainern. Deshalb werden verstärkt auch junge, unerfahrene Trainer verpflichtet, die nicht diesen starken Willen haben, dafür aber leichter zu steuern und zu beeinflussen sind.

Wird die Coronakrise am Geschäftsgebaren, am Umgang miteinander in der Branche etwas ändern?

Ich glaube schon. In dieser langen Pause sitzen alle in einem Boot, alle sind Partner und keine Wettbewerber, alle haben das gleiche Problem. Das wird sich auf die Kommunikation untereinander und das Zusammenleben in der gesamten Gesellschaft, nicht nur im Sport, positiv auswirken.

Zur Person

1956 wird Velimir Petkovicam 5. Juli in Tihaljina/im heutigen Bosnien-Herzegowina geboren.

1976 gewinnt er als Handballspieler den Europapokal der Landesmeister mit Borac Banja Luka.

1991 holt er als Trainer des Clubs den damaligen IHF-Pokal.

2004 übernimmt Petkovic nach den Stationen SG Stuttgart/Scharnhausen (Juli 1991 bis Oktober 1991), TSV Rintheim (1992 bis 1995), TSG Oßweil (1995 bis 1998) und HSG Wetzlar (1998 bis 2004) das Team von Frisch Auf Göppingen. Im Dezember 2013 wird er bei Frisch Auf beurlaubt. 2014 bis 2016 trainiert Petkovic den ThSV Eisenach, von 2016 bis Februar 2020 dann die Füchse Berlin.

2006 erreicht er mit Frisch Auf das Finale des EHF-Pokals. 2011 und 2012 gewinnt er mit Göppingen den EHF-Pokal. 2018 gelingt ihm das mit den Füchsen Berlin.

Petkovic lebt mit seiner Frau Nada in Berlin. Das Paar hat zwei erwachsene Söhne (Nino und Ivan).

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