Vegas Golden Knights in der NHL Viva Las Vegas – das Eishockey-Wunder in der Wüste

Von Gerhard Pfisterer 

Die Stürmer David Perron (links) und Erik Haula spielen im Trikot der Vegas Golden Knights die Saison ihres Lebens. Foto: dpa
Die Stürmer David Perron (links) und Erik Haula spielen im Trikot der Vegas Golden Knights die Saison ihres Lebens. Foto: dpa

Von der Resterampe ins Rampenlicht: Die Vegas Golden Knights übertreffen in ihrer Premierensaison in der nordamerikanischen Eishockey-Eliteliga NHL mit einem zusammengewürfelten Team alle Erwartungen weit. Sie brechen Rekorde und sind ein Meisterschaftskandidat.

Stuttgart - Das Phänomen nennt sich „Vegas Flu“ – Vegas-Grippe, so haben es jedenfalls die Fans getauft. Es ist ihre Erklärung für die unerklärliche Erfolgsgeschichte der Vegas Golden Knights, der neuesten Attraktion der Glücksspielmetropole Las Vegas. Die Goldenen Ritter mischen in ihrer Premierensaison völlig unerwartet die Eishockey-Eliteliga NHL auf. Das hat noch nie eine Mannschaft direkt nach ihrer Neugründung und Aufnahme in eine der großen nordamerikanischen Sportligen geschafft, sie sind das beste sogenannte „expansion team“ zur Ligavergrößerung, das es jemals gab, und brechen sämtliche Rekorde in dieser Hinsicht.

Viva Las Vegas!

Beste Heimbilanz der gesamten NHL

Besonders eindrücklich ist die Stärke zu Hause in der brandneuen, mit knapp 18 000 Zuschauern stets ausverkauften T-Mobile Arena, wo in jeder Hinsicht ganz im Vegas-Stil eine große Show abgezogen wird. Die Golden Knights haben die beste Heimbilanz der Liga, während sie in der Fremde nur knapp öfter gewonnen als verloren haben. Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen, sagen sich die NHL-Fans, da muss ein Virus im Spiel sein, das in Las Vegas nur die Auswärtsteams befällt und gegen das die Golden Knights ihrerseits immun sind.

Diese Großstadtlegende ist eine ganz nette Umschreibung für die Verlockungen des Zocker- und Amüsierparadieses in der Wüste von Nevada, das einen Besucher ja durchaus bis zur Krankhaftigkeit in seinen Bann ziehen kann. Nate Schmidt, Verteidiger der Golden Knights, glaubt daran, dass tatsächlich die Vegas-Grippe den Gegnern zusetzt, wie er in der „Las Vegas Sun“ kundtat: „Die grellen Lichter, die Versuchungen und alles. Egal, ob du nur eine halbe Stunde länger wach bleibst als normal, weil du Karten spielst oder zu einer Show gehst – was auch immer es ist, es bringt dich ein bisschen aus dem Rhythmus.“

Viva Las Vegas!

Bestes „expansion team“ der US-Profisportgeschichte – mit Abstand

Die Befürchtung der Vereine, dass ihre Profis die Gastspiele in der Stadt der Sünde für Casinobesuche oder andere Ausflüge ins Nachtleben nutzen würden, soll sich das eine oder andere Mal bewahrheitet haben. Doug Armstrong macht sich da auch nichts vor. „Es gibt viel hier in Vegas, was dich ablenken kann, wenn ich hier gerade so aus dem Fenster schaue“, sagt der Manager der St. Louis Blues. „Ich denke, in den ersten paar Jahren passiert das auf alle Fälle. Das ist eine Reifeprüfung, ganz ehrlich.“

Es ist unglaublich, was die Vegas Golden Knights erreicht haben. Es gab noch nie ein „expansion team“ in den vier großen nordamerikanischen Profiligen, das seine erste Saison besser als mit einer fast ausgeglichenen Bilanz abgeschlossen hat. Das gelang den Florida Panthers 1994 in der NHL. Die besten neu aufgenommenen Mannschaften im American Football waren die Carolina Panthers (NFL-Saison 1995: sieben Siege und neun Niederlagen), im Baseball die Los Angeles Angels (MLB-Saison 1961: 70 Siege und 91 Niederlagen) und im Basketball die Chicago Bulls (NBA-Saison 1966/67: 33 Siege und 48 Niederlagen). Die Golden Knights hingegen sind Meisterschaftskandidat als insgesamt drittbestes Team der NHL-Hauptrunde hinter Tampa Bay Lightning und den Nashville Predators.

Viva Las Vegas!

Bester Torjäger: William Karlsson trifft und trifft wie aus dem Nichts

Dass Liganeulinge normalerweise viel öfter unterliegen als siegen, liegt in der Natur der Sache – „expansion teams“ sind zum Verlieren geboren. Denn ihre Mannschaften setzen sich aus Spielern zusammen, die die anderen Teams nicht mehr ­unbedingt wollen. Die bestehenden Clubs dürfen bei einer Ligaerweiterung einem ­gewissen Teil ihrer Akteure das Siegel der Nichtverfügbarkeit verpassen, unter den übrigen kann sich der Neuankömmling ­bedienen. Also von der Resterampe.

Eigentlich war den Golden Knights der letzte Platz zugedacht. Doch Torwart Marc-André Fleury (33), der beim Meister Pittsburgh Penguins seinen Stammplatz verloren hatte, ist in Las Vegas wieder aufgeblüht. William Karlsson (25) hat wie aus dem Nichts in 63 Spielen 34 Tore erzielt – nach sechs und neun Treffern in den Spielzeiten zuvor für die Columbus Blue Jackets. Seine Sturmkollegen wie Jonathan Marchessault (27), Reilly Smith (26), David Perron (29) oder Erik Haula (26) spielen ebenfalls die Saison ihres Lebens.

Sie alle haben in der Wüste von Nevada ihr Glück auf dem Eis gefunden. Von der Resterampe ins Rampenlicht, von der Resterampe in die Rekordbücher – George McPhee und Gerard Gallant dürften die Auszeichnungen zum Manager des Jahres und zum Trainer des Jahres so gut wie sicher sein. „Wir sind eine Gruppe von goldenen Außenseitern“, sagt William Karlsson. „Wir sind aber auch ein Haufen Jungs, der etwas beweisen will.“

Viva Las Vegas!

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