Neuer Stand in der Markthalle, mehr Restaurants: Stuttgart hat Menschen, die sich rein pflanzlich ernähren, mehr zu bieten als je zuvor. Der erste veganen Laden der Stadt schließt aber.
Der Mann schaut das Stück skeptisch an. „Ist der Raclette-Käse auch würzig?“, fragt er. Alexandra Donath lächelt und nickt. „Der Käse ist sehr lecker“, sagt sie. Ende Oktober hat die 36-Jährige mit Vhy Gold den ersten veganen Stand in der Stuttgarter Markthalle eröffnet. Camembert hat sie außerdem zu bieten, Spätzle, Chili sin Carne, gewürzte Butter, Linsenaufstrich, Trüffelbrotchips, Sekt und Wein.
Für den Veganuary, die jährliche Challenge, im Januar keine tierischen Produkte zu essen, gibt es in der Stadt mehr Anlaufpunkte als noch vor zwölf Monaten. Allein die Zahl der rein veganen Restaurants und Cafés hat sich seither verdreifacht. Aber mit der Kichererbse wird bald auch eine Institution schließen.
Der erste vegane Feinkoststand in der Republik
„Wir sind einmalig in Deutschland“, sagt Alexandra Donath. In ihrem schicken, in Weiß und Grün gehaltenen Stand können die Kunden an einem Stehtisch Produkte verkosten, Knuspermüsli namens Soul Wisdom im Regal finden oder sich eine Packung Rote-Bete-Hummus aus der Kühlvitrine holen. „Wir sind der erste vegane Feinkoststand“, erklärt die Unternehmerin, die in der Markthalle gemeinsame Sache mit dem Restaurant Vhy von Timo Hildebrand macht.
Ihr Ziel ist, das verstaubte Image der veganen Ernährung abzulegen und es aus der Ökoschublade zu holen. Denn sie findet den Lifestyle „cool und sexy“: Er „hat nichts mit Verzicht zu tun“, aber viele Vorteile für die Gesundheit, die Nachhaltigkeit und das Tierwohl. Sie selbst ist vor zweieinhalb Jahren umgestiegen, weil die Schulmedizin bei ihrem Rheuma an Grenzen stieß. Seither geht es ihr „supergut“. Statt weiter Reden zu schreiben, startete die Rhetorikerin 2021 den Foodblog „Veganes Gold“, bietet Kochkurse und Beratung an.
Der Markt boomt, obwohl der Kundenkreis zumindest laut Statistik im Vergleich klein ist. Einer Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach nach ordneten sich 2022 in Deutschland 1,58 Millionen Menschen als Veganer ein oder als Personen, die weitgehend auf tierische Produkte verzichten. Ihre Zahl hat sich seit 2016 verdoppelt. Die ein Jahr zuvor gestartete Kampagne Veganuary einer britischen Non-Profit-Organisation schaffte es, in den Wohlstandsnationen zu einem Begriff zu werden. Der Trend lässt sich auch an den Neueröffnung in der Gastronomie ablesen. Jüngster Zugang ist Vegalena im Stuttgarter Westen, wo Necati Aydin seit November Risotto mit Waldpilzen, Rotkohl in Tempura gebraten oder ein indisches Curry serviert. Heaven’s Kitchen an der Theodor-Heuss-Straße, Nic Burger im Milaneo, Jones Donuts bei der Calwer Straße und das Energetic Life Café in der Schulstraße sind weitere, dieses Jahr an den Start gegangene rein vegane Lokale.
An der Nachfrage mangelt es für die Kichererbse nicht
Dass Nora Hoffrichter und Helga Fink im Februar ihr Geschäft Kircherbse aufgeben, liegt auch nicht an der Nachfrage. Die Erbsis, wie die beiden Frauen liebevoll genannt werden, verspürten in den fast zehn Jahren, die es den Laden im Stuttgarter Süden gibt, nie Existenzängste. Aber sie haben hohe Ansprüche an ihr Sortiment, das nicht nur vegan sein muss, sondern auch ethisch korrekt – und die steigende Nachfrage verändert den Markt. Immer mehr „kleine, tolle Firmen lassen sich aufkaufen“, sagt Nora Hoffrichter. Denn um in die Supermärkte zu kommen, müssten sie größere Mengen produzieren können.
Das zunehmende Angebot finden die beiden Frauen gleichzeitig toll: „Endlich sind wir als Veganer nicht mehr die Spinner, die sich nicht aufs Ledersofa setzen wollen“, sagt Helga Fink. Veganismus sei mitten in der Gesellschaft angekommen, gelte als gesund, klimafreundlich und gut für die Welt – und sei ein Trend geworden, der nicht so schnell wieder verschwände. Sie begrüßen beispielsweise, dass das vegane Sortiment des Wurstherstellers Rügenwalder Mühle neue Kundenkreise erschließt – auch wenn sie es nie in ihrem Laden verkaufen würden.
Die Kircherbse geht nur mit den zwei Gründerinnen
Die größere Konkurrenz hat allerdings ihre Tücken, weil die Kichererbse natürlich nicht mit der Preisgestaltung der Handelsketten mithalten kann. Diese Entwicklung sowie steigende Energie- und Einkaufspreise hätten Nora Hoffrichter und Helga Fink in ein bis zwei Jahren sowieso gezwungen, den Laden zu überdenken. „Das ist kein Konzept für die Ewigkeit“, sagt Helga Fink. Eine vor zwei Jahren bei ihr diagnostizierte schwere neuromuskuläre Erkrankung hat das Ende der Kircherbse nun schneller herbeigeführt. Sie muss sich schonen, Nora Hoffrichter will nicht alleine weitermachen. „Die Kichererbse, das sind eben wir beide“, sagt sie.
Alexandra Donath kommt es in erster Linie auf den Geschmack an. Sie hat für ihren Stand nur „kleine Unternehmen, die ihre Produkte mit Liebe und Leidenschaft entwickeln“, im Programm. Für den Stand in der Markthalle war sie sofort „Feuer und Flamme“. Vegane Ernährung ist für die 36-Jährige ein Zukunftsthema. Bei ihr würden viele jüngere Menschen einkaufen, aber auch ältere, wie der Mann, der für seine Tochter Raclette-Käse suchte. „Man merkt, der Trend ist da“, sagt Alexandra Donath.