Seine Musik ist heftig, mitunter blutig. Der Metal-Musiker Mille Petrozza von Kreator erzählt, wie leicht es heutzutage ist, sich tierfrei zu ernähren. Seit über 30 Jahren verzichtet er auf Fleisch, seit 2009 lebt er vegan.
Stuttgart - Da war man sehr alleine“, sagt Mille Petrozza über seine Anfänge als Vegetarier Ende der 80er Jahre. In den USA fing für den Heavy-Metal-Musiker alles an. Mit seiner Band Kreator tourte er 1988 durch die USA und wie echte Touristen verbrachten sie einen freien Tag im Disneyland Los Angeles. „Ja, klingt lustiger, als es war“, erzählt der heute 53-Jährige Musiker aus Essen. „Wir hatten uns den ganzen Tag nur von McDonalds ernährt. Abends habe ich mich im Hotelzimmer nur noch übergeben. Ein leichte Lebensmittelvergiftung.“
Mit vegetarischer Ernährung hatte Petrozza länger schon geliebäugelt, auch weil in der Hardcore-Punk-Subkultur einige Bands wie Youth of Today offensiv für einen fleischfreien Lebensstil warben. Der Zeitpunkt, es selbst zu versuchen schien ihm nun günstig. Doch während sich Menschen und Informationen heute im Handumdrehen vernetzen lassen, war es Ende der 80er Jahre ohne Internet eher mühselig, sich mit Gleichgesinnten sinnvoll auszutauschen. Selbst die simple Informationsbeschaffung über eine ausgewogene vegetarische Ernährung gestaltete sich damals noch als Aufwand.
Gelegentliche Fischanfälle
Durchgezogen hat er es trotzdem als „Vegetarier mit gelegentlichen Fischanfällen“, sagt Mille. Dass er nicht alleine war, merkte er im Laufe der Jahre. Und kaum war vegetarische Ernährung einigermaßen salonfähig, ging Petrozza 2009 einen Schritt weiter und wurde zum Veganer. Der Impuls: Wieder eine US-Tournee, dieses Mal war es die Sängerin der Gruppe Undying, die ihn auf den Verzicht auf tierische Produkte neugierig machte.
„Seit 2009 lebe ich komplett vegan. Auch das war anfangs holprig, weil man damals noch nicht so ohne Weiteres Lebensmittel bekommen hat“, erzählt Petrozza. „Da gab’s zum Glück die ersten Online-Versandhäuser für vegane Produkte. Dort habe ich mir dann einmal im Monat ein großes Paket bestellt.“
Die Auswahl wird besser
Auch in der veganen Sparte wurde das Lebensmittelangebot zunehmend besser und reichhaltiger. Mittlerweile locken gängige Super-, Biomärkte und Discounter mit veganen Produkten und nicht nur vollgestopfte kleine Reformhaus-Ketten, wie das in den 80er- und 90er-Jahren üblich war. „Von veganem Käse bin ich noch nicht hundertprozentig überzeugt, obwohl mir der Cashew-Camembert sehr gut schmeckt. Diese Alternative reicht mir aber aus“, sagt Petrozza.
An Grabenkämpfe oder Rechtfertigungen verschwendet Petrozza derweil keine Zeit mehr. „Natürlich bin ich der Meinung, dass jeder, der sich das aussuchen kann, und seinem Körper etwas Gutes tun will, auf Fleisch verzichten sollte. Massentierhaltung ist ein barbarischer Vorgang, das ist ein Verbrechen.“ Die Entscheidung, vegan zu leben, sieht er jedoch als eine Private an: „Es gibt Dinge, bei denen ich nicht mitmachen möchte. Ich stelle mich dabei nicht über andere und will auch nicht in den Diskurs gehen.“
Jeder kleine Schritt ist gut
Für groß angelegtes Missionieren fehlt es Petrozza an der Motivation: „Wir haben heutzutage die Informationen, was bei der Massentierhaltung passiert, wir wissen, was im Fischfang passiert und dass der Klimawandel mit Fleischkonsum zusammenhängt, ist ein Fakt, der sich nicht wegdiskutieren lässt. Wir können jeder Zeit auf diese Informationen zurückgreifen“, sagt Petrozza. „Es ist Deine Entscheidung, ob Du das wissen willst und auch deine Entscheidung, ob du mitmachen willst. Jeder kleine Schritt ist gut.“
Jeglicher Diskurs scheint eh vergiftet. Fleischesser fühlen sich von übereifrigen Veganern genervt, und Veganer kennen mittlerweile jeden doofen Witz über, höhö, Fruchtfleisch – und Mille kennt auch die Empörung, wenn er auf seinen Social-Media-Kanälen „irgendwas Veganes“ postet und dann angebrüllt wird, ob er sich für etwas Besseres halte.
„Darfst du das essen?“
„Selbst wenn sich Veganer und Vegetarier unterhalten, sind sie in so einer Art Erklärungsmodus. Das ist ganz schlimm“, sagt der 53-Jährige. „Genau das hält andere im Prinzip davon ab, sich für diesen Lebensstil zu entscheiden. Viele denken, das sei so eine elitäre Gemeinschaft, die keinen reinlässt, der nicht zu 100 Prozent regelkonform lebt. Man muss auch vermitteln, dass das Spaß macht, sich so zu ernähren.“ Er sieht seine Art der Ernährung nicht als Verzicht, sondern im Gegenteil als eine Steigerung seiner Lebensqualität. Zumal es ihm nicht um das „Dürfen“, sondern ums „Wollen“ geht.
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„Du darfst alles“, erklärt Petrozza. „Wir sollten uns dabei auch nicht zu ernst nehmen. Ich bin konsequent, ja. Aber ich verurteile niemanden, der das nicht kann oder möchte. Du willst ab und zu Eier essen? Dann mach das doch.“ Seine Band Kreator beispielsweise – außer ihm selbst sind da alle Fleischesser. „Carnivoren“, sagt Petrozza.
Ernährung und Politik
Inwiefern der vegane oder vegetarische Lebensstil auch politisch ist, will sich Petrozza nicht festlegen: „In erster Linie ist es ein Statement. Politisch wird’s, glaube ich, erst, wenn man einen gewissen Konsum verweigert und dann Firmen wie beispielsweise Wiesenhof darauf reagieren.“
Denn vegane und vegetarische Lebensmittelalternativen haben in den vergangenen Jahren ausgerechnet bei traditionellen Fleischfabrikanten wie Wiesenhof oder Rügenwalder Mühle für stattliche Umsätze gesorgt. Illusionen macht sich Mille derweil keine: „Die bieten das ja nicht aus reiner Tier- und Menschenliebe an, sondern weil sie merken, dass andere Firmen mit etwas Profit machen, das sie selbst nicht im Angebot haben. Aber ich glaube: das ist trotzdem gut.“ Und sei’s nur, weil zum Beispiel seine Mutter, die sonst immer den Fleischaufschnitt von Wiesenhof kauft, mal die vegane Variante der Marke versucht.
Was ist extrem?
„Da kann man sich natürlich als Veganer echauffieren, weil solche Firmen nichts mit der Bewegung zu tun haben“, sagt Mille, es werde aber ein Angebot geschaffen, auf das eine breite Kundschaft zurückgreifen könne. „Die veganen Firmen, die meiner Meinung nach unterstützenswerter sind, gibt’s ja trotzdem noch.“ Mille Petrozza lacht und stellt fest: „Die Zeiten könnten doch kaum besser sein für Veganer – ich meine: es gibt vegane Müllermilch.“
Dann kratzt er sich am Kopf, grinst und sagt: „Es ist bescheuert, dass vegane Ernährung als extrem angesehen wird. Ein mit Antibiotikum vollgestopftes Tier zu essen, das drei Jahre leben darf und dann mechanisch geschlachtet wird – ich frage mich, was extremer ist.“