Jahrhundertelang hieß es: Wer grundlos schreit oder um sich schlägt, ist vom Teufel besessen. Die Kirche reagierte mit drastischen Methoden.
Am ersten Tag des Jahres 1600 sollten die Leiden der Katharina Herbst ein Ende nehmen. Die 23 Jahre alte Grazer Magd lag gefesselt auf dem Erdboden, umgeben von brennenden Kerzen, Kruzifixen und Gefäßen mit Weihwasser. Seit Monaten hatten Exorzisten versucht, die Dämonen auszutreiben, die offenbar von Herbst Besitz ergriffen hatten. Sie hatten Psalmen und Litaneien gebetet oder ihr die knöcherne Hand eines Toten aufgelegt. Doch die Geister wollten nicht aus Herbsts Körper ausfahren. Die junge Frau schrie, verhöhnte die Priester und spuckte nach ihnen.
Der Teufel ist an allem schuld
Am Neujahrstag hoffte der Exorzist, die Dämonen endgültig aus ihrem Körper zu vertreiben. Als die Zeremonie begonnen hatte, so notierte der Priester, „erzeigten die Teüfl ire Krafft, zerzerten der Besessnen das Gesicht“. Die Haut der Frau habe sich schwarz verfärbt, Augen und Nase seien „einwerts getruckt“ worden, ihr Mund habe sich grotesk aufgerissen, schließlich „schrie einer nach dem andern der Teufln“. Doch der finale Exorzismus wirkte – wenn auch nicht sofort. Erst nach einigen Tagen zeigte Herbst keine Zeichen von Besessenheit mehr.
Der Fall Katharina Herbst war Höhepunkt einer Entwicklung, die bis heute andauert. Schon im Alten Testament treten Dämonen auf. Bis zum späten Mittelalter bündelte sich die Vorstellung, Gott habe übernatürliche Widersacher, in der Figur des Teufels. Die Pest, Missernten und Bauernaufstände verstärkten diesen Eindruck.
„Die Menschen hatten Angst“, sagt die Religionswissenschaftlerin Nicole Bauer. „Sie machten den Teufel und seine Handlanger für ihr Leid verantwortlich.“ Man nahm dämonischen Einfluss an, wenn das Verhalten von Menschen deutlich von der Norm abwich. Denn dass sich alles mit dem Wirken übernatürlicher Mächte erklären ließ, daran zweifelte um 1600 kaum jemand. Wissenschaft im heutigen Sinn existierte nicht, Entstehung und Symptome vieler Erkrankungen waren schlicht nicht bekannt.
„Wenn in einem Dorf ein Mensch einen epileptischen Anfall hatte, war der Pfarrer oft der erste Ansprechpartner – nicht nur als Seelsorger, sondern auch als einziger Studierter vor Ort“, sagt der evangelische Theologe Manuel Stübecke, Autor eines kulturgeschichtlichen Überblickswerks zum Exorzismus. „Und der deutete das Geschehen eben mit den Werkzeugen, die ihm zur Verfügung standen. Das konnte durchaus ein ehrlicher Versuch sein, dem Menschen zu helfen.“
Handbuch der Teufelsaustreibung
Die Nervenkrankheit Epilepsie ist eines der Leiden, mit der die heutige Medizin frühere Fälle von Besessenheit erklärt: Die Anfälle gehen mit Zuckungen und Lähmungen einher, die Gesichtsmuskeln können verkrampfen. Es liegt nahe, diese Symptome als das Wirken von Dämonen zu deuten. Wer etwa an Schizophrenie leidet, kann sich einbilden, Stimmen zu hören oder von außen gesteuert zu werden.
1614 ließ Papst Paul V. in dem Handbuch „Rituale Romanum“ vorschreiben, wie genau ein Exorzismus abzulaufen hatte: Bevor ein Priester mit der Austreibung begann, musste er fasten und die Messe feiern. Unmittelbar vor der Zeremonie musste er die Anwesenden mit Weihwasser segnen. Das Handbuch benannte auch die Hilfsmittel: Kruzifixe, Reliquien, Hostien und Weihwasser. Die ebenfalls häufig eingesetzten Geißeln, Kerzen oder Kräuter wurden dagegen verboten. Der Priester musste die besessene Person fragen, wie viele Dämonen von ihr Besitz ergriffen hatten und wie diese hießen. Er sollte zweifelsfrei ermitteln, dass sein Gegenüber nach dem Verständnis der Kirche tatsächlich besessen war. Andernfalls sollte ein Arzt den Fall übernehmen. Als Beweis genügte, wenn eine Person Worte in einer Sprache beherrschte, die sie nie gelernt hatte, in die Zukunft schauen konnte oder unnatürliche Kraft entfaltete.
Tatsächlich beschreiben viele Protokolle zumindest eines dieser Merkmale. 1656 etwa sollen in Paderborn gleich mehrere Besessene nicht nur auf Fragen in Latein, Griechisch und Hebräisch geantwortet, sondern auch die Zukunft vorhergesagt haben.
In Augsburg genügten 1571 fünf Männer nicht, um eine Besessene festzuhalten. Abgesehen von dem Festhalten und Fixieren erlaubte das von Rom abgesegnete Ritual keine körperliche Gewalt. Diese Anweisung, sagt Religionswissenschaftlerin Bauer, wurde wohl meist befolgt: „Es war nicht die Regel, dass Exorzisten die Besessenen misshandelten.“
Der eigentliche Exorzismus bestand vor allem aus Gebeten. Nach einer ersten Beschwörung des Dämons sollte der Priester aus allen vier Evangelien lesen, zwei Gebete aufsagen und schließlich die folgenden Worte sprechen: „Exorcizo te, imundissime spiritus – Ich treibe dich aus, unreinster Geist.“ Es folgten erneut ein kurzes Gebet sowie weitere Austreibungsformeln.
Betroffene konnten gute Gründe haben, sich ihre bösen Geister einfach auszudenken. So zogen im 18. Jahrhundert Bettlergruppen von Tür zu Tür, präsentierten von Dämonen Geplagte und baten um Spenden. Noch 1768 versuchte ein armer Handwerker aus der Nähe von Berchtesgaden, seine Familie durchzubringen, indem er vortäuschte, ein Dämon habe von ihm Besitz ergriffen. Die Priester wurden skeptisch, da der vorgebliche böse Geist weder Latein noch eine andere Fremdsprache beherrschte.
Typische Zeichen von Besessenheit lassen sich rational erklären
Menschliches Verhalten mit übernatürlichem Wirken zu erklären, wurde allerdings umso schwieriger, je weiter die Aufklärung voranschritt. Mitte des 18. Jahrhunderts lehnten Aufklärer wie Voltaire oder Diderot jegliche übernatürliche Erklärung für weltliche Ereignisse als Aberglauben ab. Immer häufiger brachte man nun vorgeblich Besessene, statt ihre Dämonen zu exorzieren, in Nervenheilanstalten unter.
Als sich im 19. Jahrhundert die moderne Medizin und die Psychologie entwickelten, ließen sich typische Zeichen von Besessenheit zunehmend rational erklären. Dem Dämonenglauben waren die Grundlagen entzogen. Doch noch 1976 bezahlte eine junge Deutsche ihre vermeintliche Besessenheit mit dem Leben: Die Epileptikerin Anneliese Michel erklärte, Geisterstimmen zu hören. Katholische Geistliche versuchten 67-mal, ihre Dämonen auszutreiben. Nach dem letzten Ritual am 30. Juni war Michel derart geschwächt, dass sie tags darauf an Unterernährung starb.
Die Aufregung war groß nach ihrem Tod. Bald sprach sich die Deutsche Bischofskonferenz gegen die Praxis des Exorzismus aus. Doch Rom hielt an dem Ritual fest, gab 1998 sogar eine neue Anleitung heraus, die das „Rituale Romanum“ ergänzte. Unter anderem fordert das neue Protokoll, dass die betroffene Person der Austreibung zustimmt. Allerdings bleibt es den Priestern überlassen, welchem Handbuch sie folgen: dem von 1998 oder dem von 1614.
Auch im 21. Jahrhundert fördert der Vatikan Teufelsaustreibungen – etwa, indem er 2014 die „Internationale Vereinigung der Exorzisten“ kirchenrechtlich anerkannte. Inzwischen zählt die Vereinigung 800 Mitglieder (die zahlreichen dämonengläubigen Geistlichen der evangelikalen Freikirchen erfasst diese Zahl nicht). Ihr wohl bekanntestes Mitglied war der 2016 verstorbene Italiener Gabriele Amorth, der nach eigenen Angaben 70 000 Dämonen austrieb. Amorth pflegte nicht etwa eine entschärfte, gewissermaßen abstrakte Form des Exorzismus. Seine Dämonen, gab er einmal zu Protokoll, seien durchaus real, könnten etwa spucken und Nägel speien.
Der Vatikan bietet Exorzismus-Seminare an
Heute ist Italien das Land mit den meisten Exorzisten, aber auch im streng katholischen Polen ist das Ritual weiterhin beliebt. Der Vatikan ermuntert seine Teufelsaustreiber übrigens aktiv, ihre Kenntnisse zu vertiefen: Jedes Jahr bietet er ein fünftägiges Exorzismus-Seminar an.
Dieses Seminar, so Religionswissenschaftlerin Bauer, diene nicht nur der Fortbildung. „Teufelsaustreibungen wirken so auch wissenschaftlicher und sollen dadurch legitimiert werden.“