Vanessa Hönemann verliert erst ihren Vater, dann ihren Bruder und schließlich ihre Mutter. Mit nur 24 ist sie auf sich allein gestellt. Wie lebt man nach dem Verlust der Familie weiter?
Ob nach dem Tod noch etwas kommt? Ob es irgendwie weitergeht? Den Gedanken findet sie schön, sagt Vanessa Hönemann. „Aber ich kann es mir nur schwer vorstellen.“ Über diese Frage nachgedacht hat sie schon oft. Sie kam gar nicht darum herum.
Vanessa Hönemann ist acht Jahre alt, als ihr Vater bei einem Skiunfall ums Leben kommt. Sie ist 19, als ihr Bruder nach einer Serie von epileptischen Anfällen für tot erklärt wird. Und sie ist 24, als ihre Mutter beim Absturz mit einem Ultraleichtflugzeug stirbt.
Drei Leben, drei unabhängige Ereignisse mit maximal tragischem Ausgang. Vanessa Hönemanns gesamte Familie – ausgelöscht, als sie gerade noch ins Erwachsensein findet. „Warum ich?“ – eine Frage, die sie sich oft stellt. „Und dann auch noch so oft?“ Wer könnte es ihr verdenken.
Oktober 2025. Vanessa Hönemann, lange blonde Haare, hat ihre kleine Tochter gerade in die Kita gebracht. Jetzt sitzt sie im warmen Strickpulli vor ihrem Computer in ihrer Wohnung in der Nähe von Freiburg, bereit für das Video-Telefonat. Eine freundliche junge Frau, die auf ihrem Instagram-Profil vor allem Fotos ihrer vielen Reisen postet, zurückhaltend in die Kamera lächelt. Zwischendrin alte Familienbilder. Ihre Eltern, eng umschlungen beim Tanzen. Ein Schnappschuss ihrer Mutter, von der sie die Locken geerbt haben muss. Sie als Mädchen mit ihrem Bruder beim Spielen am Esstisch.
Zeugnisse einer Zeit, von der sie sagt, sie fühle sich ihr nicht mehr richtig zugehörig. „Es ist, als ob der Tod meiner Mutter mein Leben in eine Zeit davor und eine danach geteilt hat.“ Eine Zeit mit Familie – und eine ohne. Sie spüre eine Distanz zu diesem alten Leben. „Ich denke, das ist ein Schutzmechanismus. Sonst würde man das ja alles gar nicht aushalten.“
Tod eines geliebten Menschen ist die „größte aller Katastrophen“
Bei einer repräsentativen Studie des Unternehmens FriedWald gaben 62 Prozent der Befragten an, dass der Tod eines nahestehenden Menschen für sie die größte aller Katastrophen darstellen würde. Gleichzeitig erleben genau dieses Szenario pro Jahr mehrere Millionen Menschen in Deutschland. In den vergangenen beiden Jahren starben hierzulande jeweils rund eine Million Personen. Schätzungen zufolge kommen auf einen Toten mindestens fünf Trauernde.
Vanessa Hönemann ist eine von ihnen und trotzdem auch irgendwie ein Sonderfall. Schließlich hat sie diese „größte aller Katastrophen“ schon mehrfach verwinden müssen. Wie aber überlebt man, wenn alle um einen herum sterben? Die junge Frau, die als Angestellte im öffentlichen Dienst arbeitet, hat dafür kein Patentrezept. Sie hat nur ihre Geschichte. Die hat sie aufgeschrieben. Nicht mehr nur in ihr Tagebuch, sondern richtig, auf 251 Seiten.
Das Buch trägt den Titel „Ein Funke im Sturm“. Es ist pünktlich zum „Totenmonat“ November im Selbstverlag erschienen. Dass auch andere es lesen, war zunächst nicht ihr Ziel. Sie habe es vor allem für ihre Tochter geschrieben. „Ich wollte ihr meine Geschichte, aber auch die ihrer Großeltern und ihres Onkels erzählen.“ Irgendwann entschied sie dann doch, das Buch zu veröffentlichen. Wenn es nur einer lese, dem es helfe, sei der Zweck schon erfüllt, sagt die 31-Jährige, die in Bietigheim-Bissingen geboren wurde und in Villingen-Schwenningen aufgewachsen ist.
„Mein Vater lachte so laut, dass der ganze Raum vibrierte“
Schildert Vanessa Hönemann ihr Leben, bevor mit dem Tod des Vaters der erste harte Einschlag kam, ist da im Rückblick viel Bullerbü und heile Welt. Sie beschreibt „endlose Sommertage“, einen Vater, der ihr Held, ihr Beschützer gewesen sei. „Er lachte so laut, dass der ganze Raum vibrierte.“ In seinen Armen habe sie sich leicht wie eine Feder gefühlt.
Die Mutter sei das Herz der Familie gewesen. „Geduldig, mit einem Lächeln, das so warm war, dass man sich darin verlieren konnte.“ Den großen Bruder empfand sie als Vertrauten. Ein Spielkamerad, mit dem sie stundenlang in einem Sammelkartenspiel festhing, ein Partner zum Streiten und Versöhnen, ein Kompagnon zum Weltentdecken. Dass die Epilepsie sein Gehirn Stück für Stück zerstören, sein Wesen immer mehr verändern würde, daran war damals noch nicht zu denken.
Der Tag, als Vanessa Hönemanns Vater in den österreichischen Bergen von einer blauen Piste abkommt, gegen einen Baum prallt und sich das Genick bricht, markiert im Leben der Familie den Wendepunkt. „Mit seinem Tod begann eine neue Zeitrechnung.“ Die Mutter trauert – im Grunde bis zu ihrem eigenen Tod. Die Eltern hätten sich sehr geliebt. War sie bis dahin Hausfrau, muss sie jetzt das Geld verdienen und sich gleichzeitig um den kränker werdenden Sohn kümmern. Der entwickelt durch die Medikamente, die er einnehmen muss, Psychosen, bedroht Mutter und Schwester. Er sei ihr damals fremd geworden, sagt Vanessa Hönemann.
Schulden häufen sich, Mahnbescheide auch. Umzüge und Schulwechsel folgen, auch wechselnde Partner der Mutter, mit denen es immer wieder schiefgeht. Die heile Bullerbü-Blase zerplatzt.
Elf Jahre, nachdem sie ihren Vater beerdigt hat, beerdigt Vanessa Hönemann auch ihren Bruder. Die letzte Serie von Anfällen war zu viel für sein Gehirn. Bis heute fühlt sie sich schuldig, weil sie nicht mehr für ihn da gewesen sei, sich vor ihm manchmal auch gefürchtet habe. Dieses Schuldgefühl gehöre jetzt zu ihrem Leben, sagt sie.
Als die Mutter stirbt, feiert sie gerade die Hochzeit von Freunden
Als ihre Mutter fünf Jahre später zu ihrem damaligen Lebensgefährten ins Flugzeug steigt, feiert Vanessa Hönemann auf einer Hochzeit. Der Freund hat seinen Flugschein gerade erst gemacht. In der Luft wird er zweimal ohnmächtig. Die Maschine zerschellt. Er überlebt, sie ist sofort tot.
„Trauer legt sich auf die Schultern wie nasser Sand“, schreibt Vanessa Hönemann in ihrem Lebensbericht. Was bleibe, sei die Gewissheit, dass das Leben grausam sei. Mit jedem Trauerfall werden ihre Wunden tiefer. Gleichzeitig funktioniert der Körper auf wundersame Weise weiter. Er steht auf, er putzt sich die Zähne, er zieht sich an. Doch der Geist will fliehen. „Ich wollte einfach nur, dass die Zeit umgeht, ohne groß dabei anwesend zu sein.“
Nachdem ihre Mutter gestorben ist, trifft sie sie in ihren Träumen. Wenn dann der Morgen kommt, die Augen im dunklen Raum Orientierung suchen, dann kommt auch die grausame Gewissheit wie ein Hammerschlag. Alle tot. Immer wieder aufs Neue.
Die Zeit heilt alle Wunden – diesen Satz kann Vanessa Hönemann wohl nicht unterschreiben. Denn die Wunden bleiben. „Aber irgendwann gewöhnt man sich an den Schmerz“, sagt sie. Trauern heißt auch, Geduld zu haben – so profan das klingt. Und irgendwann ist da der Entschluss, weiterzumachen. „Trauer kann man nicht besiegen. Ich kann nur sagen, was mir geholfen hat. Und das war, dass ich irgendwann beschlossen habe, mich auf die positiven Dinge zu konzentrieren.“ Sie sei von ihrer Familie sehr geliebt worden und habe das immer gespürt. „Dieses Gefühl bleibt, auch wenn die Menschen nicht mehr da sind. Die Liebe trägt mich bis heute.“ Bei aller Tragik fühle sie sich deshalb heute auch gesegnet. Nicht jeder erfahre in seinem Leben eine solche Liebe.
Ihr Anker ist heute ihre eigene kleine Familie, ihr Mann Peter, die fast zweijährige Tochter. In ihrer Wohnung steht eine Vitrine mit kleinen Mitbringseln aus Urlauben – eine Tradition, die ursprünglich ihr Vater eingeführt hatte. Ihre Familie sei heute aber nicht mehr ständig in ihren Gedanken. „Ich blicke nach vorn.“ Das Buch zu schreiben, habe dabei geholfen.
Ein Happy End also? „Nein“, sagt Vanessa Hönemann. „Das kann es auch nicht geben. Meine Familie ist tot und sie wird immer fehlen.“ Aber man könne ins Leben zurückfinden. „Es hat nicht aufgehört, obwohl ich das ganz lange dachte.“
Wäre ihr Leben anders verlaufen, wenn ihre Familie nicht gestorben wäre? Sicher. „Dann hätte ich meinen Mann Peter wohl nicht kennengelernt, meine Tochter wäre nie entstanden.“ Vanessa Hönemann will ehrlich sein: „Ich könnte mich nicht zwischen beiden Leben entscheiden.“ Sie sagt aber auch: „Ich bin heute wieder glücklich.“
Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst in der Südwest Presse.