Die zierliche Stuttgarterin Vasiliki Roussi ist der Original-Piaf auch von der Statur her ähnlich Foto: Lichtgut/Verena Ecker

Das Publikum applaudiert begeistert: Die Schauspielerin verkörpert die Chanson-Legende perfekt. Sie habe, meint Roussi, mit der französischen Sängerin die Leidenschaft gemeinsam.

Stuttgart -

Im Theatersaal des Alten Schauspiel­hauses jubelt das Premierenpublikum. Auf der Bühne kullern Glückstränen. Vasiliki Roussi, die eben noch in der Rolle der Edith Piaf die Zuschauer zutiefst berührt hat, dämpft den Beifall mit ihren Händen und ruft: „Das ist für mich ein ganz besonderer Abend. Hier in Stuttgart im ‚Bezirk’ Hallschlag bin ich aufgewachsen und stehe heute zum ersten Mal in dieser Stadt auf der Bühne.“ Wenige Tage später sitzt Vasiliki Roussi im Foyer des Alten Schauspielhauses, erinnert sich an diesen besonderen Moment und sagt: „Ich musste das sagen. Ich kann doch nicht die Rolle der Piaf singen und spielen, ohne zu sagen, dass ich es aus eigenem Er­leben kenne, das ‚Milieu’.“

Als die Eltern der kleinen Vasiliki nach Deutschland kamen, weil der Vater als Sozialist vor dem griechischen Obristen­regime Georgios Papadopoulos’, „der Junta“, fliehen musste, kamen sie nach Stuttgart. Sie lebten in verschiedenen Bezirken der Stadt und landeten zuletzt im Hallschlag . Das war damals keine attraktive Adresse. Doch die Eltern trotzten den Verhältnissen. Sie fanden Arbeit, holten nach zwei Jahren die kleine Tochter zu sich, und die erinnert sich: „Im Hallschlag war es gruselig, ich fühlte mich dort nie wohl.“ Ihre dunklen Augen funkeln, die Hände gestikulieren, eine Szene aus der Inszenierung der „Piaf“ wird wachgerufen.

Edith Piaf lebt mit ihrer Freundin, die anschaffen geht, ohne festen Wohnsitz auf der Straße, schnoddert im Slang und gibt sich rotzig, frech, dominant. „Sie hat sich auch später alles rausgenommen, doch man hat ihr alles verziehen, weil sie sich für die Liebe, die Wahrheit und ihre Musik einsetzte, es war ihre Berufung“, sagt Vasiliki Roussi. Sie liebt diese Rolle, hat sich ihr über Dokumentationen, Musik und Filme angenähert und sagt: „Die Piaf ist eine Legende, ich spiele sie, ich bin sie nicht.“

Der Lateinlehrer hat sie entdeckt

Es ist in Stuttgart nicht das erste Mal, dass die Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin Roussi den „Spatz von Paris“ auf der Bühne spielt. Parallelen zwischen der Französin und sich sieht sie durchaus – einen Beruf als Berufung zu empfinden. „Entdeckt“ wurde die heute 46-Jährige von dem Latein-, Politik- und Geschichtslehrer Michael Schlenker am Gottlieb-Daimler-Gymnasium. „Er hat mein musisches Talent gesehen und hat zugleich auch meine Not erkannt. Meine Eltern konnten mich finanziell nicht unterstützen, und sie verstanden auch nicht, dass es für mich nur den einen Weg gab, zur Musik und zum Theater, und kein Studium mit dem Ziel wieder nach Griechenland zu ziehen“, sagt Vasiliki Roussi.

Sie durfte die von Ray Lynch gegründete New York City Dance School besuchen, fand in ihm und dem Choreografen Steven Mitchell weitere Förderer. „Und auch ich hab schnell gemerkt, das ist es, was ich kann – tanzen, singen, schauspielen“, sagt Vasiliki Roussi. Sie schmiss die Schule („ich meldete mich beim Direktor ab“), ging für eine Weile nach New York („dort sagten sie, ich sei talentiertes Rohmaterial“), dann – mit einem halben Stipendium – an das Studio Theater an der Wien zu Peter Weck. „Ich habe mich von allem losgerissen, um meine Chance zu leben“, sagt sie. „Es war das Glück des Anfängers, denn das Glück ist mit einem, wenn man weiß, dass man keine andere Wahl hat.“

An der Donau spielte sie in zwei Groß­produktionen der Vereinigten Bühnen Wiens und lernte in der Uraufführung „Freudiana“ Ulrich Tukur kennen – auch er bemerkte ihr Talent. Er besetzte sie in der Rolle der Marie in seiner Revue „Blaubarts Orchester“. „Ein Jahr sind wir durch Deutschland getourt, das war eine wahnsinnige Erfahrung“, erinnert sich Vasiliki. Ein festes Engagement als Schauspielerin am Theater Basel lehrte sie, dass Musical- und Operettenproduktionen gegenüber dem Theater ihre eigenen Regeln und stringentere Vorgaben haben. „Im Sprechtheater kannst du dich während der Proben länger frei bewegen. Das Suchen und Improvisieren ist ein großer Bestandteil dieser Theaterform. Für mich sind beide Theaterformen gleichwertig attraktiv, und ich genieße den Status ohne Schubladendenken alles machen zu dürfen“, sagt sie.

Die Söhne warten daheim in Berlin

In der Stuttgarter Inszenierung spielt Roussi die Edith Piaf über mehrere Jahrzehnte Lebenszeit. Die Zuschauer erleben nicht nur eine großartige Chanson-Interpretin, sondern auch eine überzeugende Schauspielerin. Derzeit ist die Wahl-Berlinerin an drei Bühnen zugleich zu erleben, in Lübeck, Gera und Stuttgart. Ihre Familie in Berlin, vor allem die beiden Söhne, erwarten mit Sehnsucht die nächsten Monate. „Ich werde ein halbes Jahr lang für sie da sein“, verspricht Vasiliki Roussi.

Was aber ist für sie Erfolg? „Erfolg ist, wenn man durch gute Arbeit Gesprächsstoff wird und das Haus, in dem man spielt, voll ist“, sagt sie. Und dann sei da noch etwas anderes. Sie erinnert sich an ein Engagement an der Staatsoperette Dresden in der Produktion von Stephen Sondheims Musical „Passion“. Es sei für sie persönlich sehr beeindruckend gewesen, denn diese Geschichte war nicht nach jedermanns Geschmack, aber für das Team ein unglaublicher Erfolg.

Mit der Rolle der Edith Piaf ist sie für eine Weile in ihre Heimatstadt Stuttgart zurückgekehrt. Zum Premierenabend war ihre Mutter aus Griechenland angereist und „überwältigt“ von der Aufführung, wie ihre Tochter sagt. Fit für den dreistündigen ­„Piaf“-Bühnenmarathon macht sich Roussi, mit einem Dauerlauf vor jeder Vorstellung vom Theater bis zum Leuze und wieder zurück. „Das hält mich fit“, sagt die Schauspielerin, die im Sport einen Ausgleich zum Bühnenleben gefunden hat. „Ich erlebe Stuttgart sehr positiv, es macht mich sehr glücklich hier zu spielen, für mich hat sich alles, was diese Generation der Gastarbeiter auf sich nahm, absolut gelohnt“, sagt die Künstlerin.

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