Die Sängerin Juli (Vanessa Mai) braucht dringend die Hilfe ihres Vaters Wim (Axel Prahl). Foto: ARD Degeto/Hendrik Heiden

Vanessa Mai hat nicht nur ein neues Album – sie tritt in „Nur mit Dir zusammen“ als Schauspielerin an. In dem ARD-Film spielt sie an der Seite von „Tatort“-Superstar Axel Prahl eine schwer kranke Sängerin. Mai-Verächter müssen jetzt ganz stark sein: Es ist gut geworden.

Stuttgart - Das donnernde Blitzlichtgewitter nach ihrem Auftritt haut sie um. Das Gesicht der Sängerin, zugekleistert aus dem dicksten Tuschkasten, sinkt zu Boden. Vanessa Mai kann nicht mehr. Ihre Niere will nicht mehr. Eine neue muss her. Am besten die von ihrem Papa. Also von – was ist denn jetzt bitte los? - „Tatort“-Kommissar Thiel.

Was so unglaublich klingt, stimmt natürlich nur bedingt. Die da am Boden liegt, heißt Juli und wird von Vanessa Mai im ARD-Drama „Nur mit Dir zusammen“ bloß gespielt. Und der Vater, von dem sie eigentlich nichts will, nun aber doch ganz dringend ein Organ, heißt Wim und wird verkörpert von Axel Prahl. Der lässt sein anderes Ego Thiel auch schnell verblassen: als fast taube 80er-Jahre-Rock-Legende mit Bandkollegen wie Jojo (typisch: Michael Gaedt), herrlich-blöde Sprüche klopfend und in seinem ansehnlich gediegenen Anwesen umgeben von Instrumenten wie Gitarre, Schlagzeug, Hörgerät, Saug- und Mähroboter.

Bauch-weg-Pose

Wie die gebürtige Aspacherin Vanessa Mai alias Juli durch die Handlung singt, tanzt und leidet, mischen sich nicht nur wegen des Tändelns mit den Monatsnamen Realität und Fiktion so untrennbar wie die Zutaten von Bohnensuppe. Juli wird im Popbusiness von ihrer Managerin (volle Kanne klischeemäßig: Elena Uhlig) zerrieben zwischen künstlichen Perücken, Fingernägeln aus Plastik und scheinheiliger Bauch-weg-Pose. Sie lächelt dabei aber so tapfer, dass im Zuschauer das mulmige Gefühl bis zum Halse steigt, Vanessa Mai müsse hier gar nicht so viel schauspielern. Auch eine Tour-Absage kennt sie in echt. Vor nicht allzu langer Zeit hat Mai zur Abwechslung mal kein neues Album veröffentlicht, sondern das Bekenntnis, dass sie unter dem Druck des Jobs so sehr gelitten hat, dass 2019 eine Auszeit sein musste.

Aber die 27-jährige Chartstürmerin ist hart wie ihr Sixpack. Sie ist zurück. Am Freitag ist ihr neues Album erschienen, an diesem Samstag läuft ihr Schauspieldebüt im Ersten. Und damit das möglichst viele mitbekommen, plaudert sie zurzeit in möglichst viele Mikrofone über ihre Krise, über ihren Kampf um die Liebe und über den Putzteufel in sich.

Kraut und Rüben

Ganz wie im Drama „Nur mit Dir zusammen“. Aber so viel Fiktion muss dann doch sein: Im Film wird Mai von ihrer Managerin fertiggemacht. Im echten Leben wird sie von ihrem Manager Andreas Ferber geliebt – denn der ist auch ihr Ehemann und nebenbei noch der Stiefsohn von Schlagerqueen Andrea Berg. Auch das klingt ziemlich filmreif, ist aber pure Wirklichkeit. Julis Liebe (Ferdinand Seebacher) im Film ist aber auch ein netter Kerl. Sogar richtig niedlich, dieser Herr Doktor, der in seiner Freizeit ehrenamtlicher Hundeausführer ist und bei Juli aufgelegt für richtig gute Was-sich-liebt-das-neckt-sich-Dialoge: obwohl er doch sonst immer zu seinen Patientinnen prophylaktisch auf Abstand geht.

Das Vater-Tochter-Gespann Wim-Juli findet langsamer zueinander. Immerhin gibt Wim seine Niere her – gegen Hilfe beim Hochbeetbau. Bis dort aber Kraut und Rüben schießen, buddeln der Rocker und die Schlagersängerin noch ganz andere Dinge als ein wenig Unkraut aus - und müssen einiges begraben, auch völlig Unerwartbares, das hier noch auf sie zukommen wird. Prahl - der im echten Leben ja auch als Musiker unterwegs ist - spielt den patzigen und zärtlichen Vater so gut, dass man ihn vielen echten Männern als Rollencoach dringlich empfehlen möchte.

Läuterung und Häutung

Dieser einfühlsame Film von Stefan Bühling kann und will keine Biografie von Vanessa Mai sein. Die Schlagersängerin ist weder todkrank noch hat sie Probleme mit ihrer Niere, geschweige denn mit ihren Eltern. Aber es wird auch kaum Zufall sein, dass der Film von Läuterung und vom Häuten erzählt, bis endlich Authentizität hervorschimmern kann, bis Juli am Ende ohne den vorigen Plastikpomp ihren Song „Spiegel, Spiegel“ singen kann, der auch auf Mais neuem Album zu hören ist.

Auch die Vanessa Mai der Realität ist nun eine andere. Diese Zeilen aus ihrem Song geben die beste Anleitung zur Reimdrauf-Macherei: „Spiegel, Spiegel an der Wand/Lüg’ mich bitte nicht so an/Zeig’ mir, wer ich wirklich bin/Ich kann mich nicht mehr sehen…Es spielt keine Rolle, wer ich gestern war/Denn ab heute seh’ ich klar, aha/Ich seh’ klar“.

Ausstrahlung: ARD, Samstag, 25. Januar 2020, 20.15 Uhr

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