Kfor-Soldatinnen malen Tattoos auf dem Schulfest. Foto: z

Wolfgang Stierle hat im Kosovo eine Schule geleitet. Auch wenn er lange wieder hier ist – die Situation vor Ort interessiert ihn immer noch stark.

Er habe nie etwas von der Gewalt zwischen Kosovo-Albanern und Serben mitbekommen, sagt Wolfgang Stierle. Der 62-jährige Vaihinger war vier Jahre lang, von 2005 und 2008, Leiter des Loyola-Gymnasiums in Prizren, der zweitgrößten Stadt des Kosovo. Gemeinsam mit dem Jesuitenpater Walter Happel hat er die Schule aufgebaut und geleitet. Auch unter den Schülern sei nie etwas vom mörderischen Hass zwischen Serben und Kosovaren, der sich 1999 im Kosovokrieg entlud, zu spüren gewesen. Im Gegenteil.

„Wir wollen bald eine serbische Klasse aufmachen“, eröffnete Stierle eines Tages und war gespannt auf die Reaktion. Nicken unter den Schülern, allesamt muslimische und katholische Kosovo-Albaner. „In Ordnung. Die sind ja genauso alt wie wir, die sind ja auch nicht schuld an den Kämpfen“, lautete die Antwort der Schüler. Und das, so betont Stierle, obwohl viele von ihnen durch den Krieg schwer traumatisiert worden sind.

Keine Anmeldungen serbischer Schüler

Allein – der Wunsch nach Völkerverständigung im Loyola-Gymnasium trug bislang keine Früchte. Es haben sich noch keine serbischen Schüler angemeldet – trotz des ausgezeichneten Rufes, den die Schule im Kosovo genießt. Was zum einen daran liegen mag, dass in Prizren kaum noch Serben leben. Aber es steckte mehr dahinter, vermutet Stierle. „Pater Happel ist auch in die serbischen Enklaven gereist und hat dort geworben. Ohne Erfolg“, sagt Stierle. Er hofft sehr, dass der Hass zwischen den beiden Völkern eines Tages enden wird.

Doch derzeit sieht es nicht danach aus. Erst vor kurzem hat es anlässlich der Wahlen in Serbien wieder heftige Zusammenstöße zwischen Serben und Kosovo-Albanern gegeben. „Zum Glück nicht in Prizren selbst“, sagt Stierle. Aber der pensionierte Lehrer begrüßt es sehr, dass der Bundestag vor wenigen Tagen der Verlängerung des Kosovo-Mandats zugestimmt hat. Damit wird der Einsatz der Schutztruppe Kfor um ein weiteres Jahr verlängert. Im längsten Auslandseinsatz ihrer Geschichte werden deutsche Soldaten vor Ort präsent sein , um die Sicherheit der Zivilbevölkerung zu gewährleisten.

Oft hat Stierle Kfor-Soldaten auf dem Schulgelände gehabt – immer war der Anlass jedoch ein friedlicher. Solange die Schulküche noch nicht funktionierte, bekam die Schule ihr Mittagessen aus den Kasernen. Und auch auf den Schulfesten des Loyola-Gymnasiums sind immer Soldaten der Schutztruppe dabei: Einige teilen in der Feldküche das Mittagessen aus, Soldatinnen malen Tattoos auf Schülerarme und wer will, darf mit einem baggerähnlichen Panzer Cola-Kisten stapeln.

Ich wollte was Neues

„Ich wollte damals was Neues machen“, erklärt Stierle seine Gründe, 2004 den Aufbau der Schule zu übernehmen. Und noch etwas anderes reizte den Lehrer, der zu diesem Zeitpunkt Leiter des Landesinstitutes für Erziehung und Unterricht war: In Stuttgart hatte er oft für die Schublade gearbeitet. „In Prizren konnte ich mehr gestalten.“

Manchmal, zu Beginn, habe er sich gefragt, ob seine Entscheidung richtig war. Bekannte fragten, was er da unten im Kosovo wolle. Doch bereut habe er es nie. „Die Schüler dort machen genauso viel Blödsinn wie hier, aber sie sind oft lernbegieriger“, ist seine Erfahrung. Es ist schon ein paar Jahre her, dass Stierle selbst bei den Festen dabei war. Doch bald will er wieder runter fahren. Spätestens zum zehnjährigen Bestehen des Gymnasiums 2015. Am liebsten aber schon früher. Es werde sich bestimmt eine Gelegenheit ergeben, ist sich der Vaihinger sicher.

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