Foto: Jacobs

Lisette Siek-Wattel, die langjährige Leiterin des Kleinen Kindergartens, hat ihren Ruhestand unterbrochen. Seitdem arbeiten drei Erzieherinnen in der Einrichtung.

Vaihingen - „Heute beginnt mein letztes Jahr im Kindergarten.“ Dies ist einer der ersten Sätze in „Lisette und ihre Kinder“. Lisette Siek-Wattel, die Protagonistin des Dokumentarfilms, spricht ihn aus dem Off. Man sieht, wie sie des Morgens ihr Haus in Heslach verlässt, um zur Arbeit zu gehen, zum Kleinen Kindergarten an der Vaihinger Freibadstraße, den sie seit vielen Jahren leitet. „Das letzte Jahr von 33 Jahren, bevor ich für immer aufhöre“, sagt die damals 65-Jährige weiter. Aus ihrer Stimme ist Wehmut herauszuhören.

Das war im September 2007. Jetzt ist es September 2012. An einem sonnigen Morgen um 8.30 Uhr steht Lisette Siek-Wattel im Garten des Kleinen Kindergartens und versucht, die Schar der Ausflügler im Zaum zu halten. „Mert, lässt du die Frau bitte vorbei?“, ruft sie einem Jungen zu. Wie vor einem Rallyestart hat dieser auf seinem Roller die Pole Position vor dem Gartentor eingenommen. Doch Mert hat es eilig, schließlich geht es heute wieder in den Wald. Die Erzieherin muss noch einmal rufen, bis sie zu ihm durchgedrungen ist.

Lisette Siek-Wattel ist wieder bei ihren Kindern im Kleinen Kindergarten. Ungeplant, aber nicht ungewollt. 2008, als sie nach 33 Jahren als Erzieherin und Leiterin der Einrichtung in Ruhestand ging, hatte die Elterninitiative eine Nachfolgerin gefunden. Eine junge Frau, die bereits einige Jahre Berufserfahrung hatte. Lisette, wie sie die Kinder respektvoll rufen, hatte sich da bereits auf ihren Ruhestand vorbereitet: Sie war Lesepatin geworden. In ihrer Heimat, an der niederländischen Nordseeküste, arbeitete sie mit Asylkindern – alle vier Wochen fährt sie seitdem von Stuttgart aus für ein paar Tage dorthin.

Doch im Frühjahr 2009 gab ihre Nachfolgerin die Arbeit im Kleinen Kindergarten überraschend auf. Lisette sprang ein und leitete für ein halbes Jahr die Geschäfte interimsmäßig weiter. So lange, bis die Nachfolge des Kindergartens geregelt sein würde. Es habe damals schnell etwas geschehen müssen, schildert Siek-Wattel, gerade bei einer so kleinen Einrichtung. „Sonst melden sich Eltern ab und die ganze Initiative löst sich auf“, sagt sie.

Es war klar, dass diesmal nicht mehr die gesamte Verantwortung in der Hand einer einzigen Erzieherin liegen sollte. „Es ist sehr viel, was da auf einem lastet“, sagt sie. Wohl auch deswegen habe die neue Leiterin nach so kurzer Zeit ihre Stelle im Kleinen Kindergarten wieder aufgegeben. Siek-Wattel denkt dabei nicht alleine an die längeren Öffnungszeiten, sondern vor allem an die neuen Anforderungen, die seit einigen Jahren an die Erzieher gestellt werden. „Im Kleinen Kindergarten haben wir die Entwicklung der Kinder früher schon beobachtet und dokumentiert“, sagt sie. „Aber wir haben einen anderen Schwerpunkt gesetzt.“ Sie habe keine Lernbücher für jedes einzelne Kind angefertigt, sondern Erlebnisbücher: Mit wem hat das Kind gespielt? Worüber hat es sich gefreut?

Seit September 2009 arbeiten im Kleinen Kindergarten drei Erzieherinnen. Neu hinzu kam Meike Tutsch und frisch den Bachelortitel in „Erziehung und Bildung im Kindesalter“ in der Tasche. Die 28-Jährige übernimmt die Hauptarbeit. Jessica Melchinger hat bereits seit mehreren Jahren eine Teilzeitstelle – und Lisette Siek-Wattel entschied sich daraufhin, zu bleiben. „Es passt alles sehr gut zwischen uns Dreien“, sagt sie. Deswegen hat sie ihren Ruhestand bis auf Weiteres unterbrochen und kommt dreimal in der Woche morgens. „Hätte es mir keinen Spaß gemacht, hätte ich mich dagegen entschieden“, sagt Siek-Wattel.

Aber die Arbeit mit den Kindern macht ihr nach wie vor sehr viel Spaß. Lärm und Stress setzen Siek-Wattel trotz des Alters nicht zu. „Wir haben das Glück, dass wir ein sehr kleiner Kindergarten sind“, sagt sie. Seit jeher sind es zwölf Kinder, Platz für mehr gibt es nicht im Holzhaus an der Freibadstraße. Wie lange sie weitermachen will? „Da lege ich mich nicht so genau fest.“

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