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Etwa 40 Prozent der Väter nehmen Elternzeit, Tendenz steigend. Warum das nicht zwingend zu mehr Gleichberechtigung in Familien führt.

Am Samstag auf dem Spielplatz oder am Morgen in der Kita geht es noch sehr ausgeglichen zu. Wer sich allerdings mittwochvormittags in eine volle Kinderarztpraxis traut, der sieht hauptsächlich Mütter im Wartezimmer sitzen. Dabei gibt es doch seit der Einführung des Elterngeldes 2007 Unterstützung für Väter, um sich gleichberechtigt ins Familienleben einzubringen. Mit Erfolg: Hatten vor der Einführung des Elterngeldes gerade einmal drei Prozent der Väter Elternzeit genommen, sind es heute rund 40 Prozent. Tendenz steigend.

 

Jetzt das große Aber: „Über drei Viertel der 40 Prozent nehmen nur die zwei Monate Elternzeit, die ansonsten verfallen“, sagt Katharina Wrohlich, Professorin für Öffentliche Finanzen, Gender- und Familienökonomie und Leiterin der Forschungsgruppe Gender Economics am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). „Auch unterscheiden sich die Zahlen sehr stark nach Branchen“, so Wrohlich. Je männlicher ein Berufsfeld dominiert ist, desto weniger Elternzeit wird genommen.

Kein Einfluss auf die langfristige Aufteilung der Sorgearbeit

Auch gibt es große Unterschiede beim Gehaltsgefüge. „Die Elternzeitmonate werden vor allem in der gehobenen Mittelschicht voll ausgeschöpft“, sagt Wrohlich. Hier könne man einige Monate mit „nur“ maximal 1800 Euro netto gut überbrücken. „Um im niedrigeren Lohnsektor ein Vollzeitgehalt zu ersetzen, reichen 67 Prozent des Nettogehalts normalerweise nicht aus“, sagt die Forscherin.

Ist der Traum von mehr Gleichberechtigung in Berufs- und Familienleben nur eine Seifenblase? Weitere Zahlen weisen darauf hin: zum Beispiel, wenn man sich die langfristige Aufteilung der Sorgearbeit, also auch der Kinderbetreuung, anschaut. Diese lässt sich unter anderem bei der Entwicklung der sogenannten Gender-Pay-Gap herauslesen. „Die Lohnschere zwischen Frauen und Männern weitet sich ab der Familiengründung – und schließt sich in höherem Alter nicht mehr“, sagt Wrohlich. In Zahlen heißt das: Bei den unter 30-Jährigen ist der Lohnunterschied von den 90er Jahren bis heute von 15 auf acht Prozent gesunken. In den höheren Altersgruppen verharrt er bei deutlich über 20 Prozent.

Schrittweise Erhöhung der Partnermonate

„Um dies zu ändern, braucht es Anreize für eine gleichmäßigere Aufteilung der Sorgearbeit in der kritischen Phase der Familiengründung“, sagt Wrohlich. Und hier sei das Elterngeld eine wichtige Stellschraube. In die gleiche Kerbe schlägt auch Thordis Reimer. Sie forscht an der Universität Hamburg zum Thema Väter und Kinderbetreuung. „Studien zeigen, dass für eine gleichberechtigte spätere Aufteilung der Sorgearbeit ausschlaggebend ist, ob die Väter alleine Elternzeit genommen haben oder parallel mit der Mutter“, so Reimer. Wer sich schon früh allein ums Kind kümmert, beteiligt sich später auch verstärkt an der Sorgearbeit. Zwei Monate „Väterzeit“ parallel zur Mutter helfen wenig.

Trotzdem sehen die beiden Forscherinnen die Pläne der Bundesregierung, einen zusätzlichen Partnermonat sowie eine zweiwöchige vergütete Freistellung für den Partner oder die Partnerin nach der Geburt einzuführen, positiv. „Das geht in die richtige Richtung“, sagt Reimer. Wrohlich schlägt vor, die Partnermonate schrittweise auf sieben von 14 Monaten zu erhöhen. Gleichzeitig sollte die Lohnersatzrate angehoben werden, um das Elterngeld für Väter attraktiver zu machen.

Besonders familienfreundliche Firma

Dass der gesetzliche Rahmen entscheidend sein kann, hat Reimer in ihrer Forschungsarbeit vielfach gesehen: „Manchen Vätern wurde erst durch die Einführung des Elterngeldes bewusst, dass sie das Bedürfnis haben, sich im Rahmen von Elternzeiten um ihr Kind zu kümmern.“ Entsprechend wäre es jetzt an der Zeit für weitere Anreize, obwohl die Regeln bereits hergeben, dass man als Vater länger in Elternzeit geht.

Johannes von Recum hat gerade sechs Monate Elternzeit hinter sich. Probleme an seiner Arbeitsstelle bei Janssen Deutschland, Teil des Gesundheitsunternehmens Johnson & Johnson, gab es nicht. Im Gegenteil: „Mein Arbeitgeber hat sich die Familienfreundlichkeit auf die Fahne geschrieben“, sagt von Recum. Und setzt das auch um: Für zwei Monate übernimmt die Firma sogar die Differenz, die durch das Elterngeld entsteht.

Manche Firma stellt sich quer

Ist es gar nicht so kompliziert, länger in Elternzeit zu gehen, wie Väter manchmal glauben? „Das kann ganz unterschiedlich sein“, sagt Reimer. „Klar, an erster Stelle muss der Vater es selbst auch wollen“, so Reimer. Aber längst nicht alle Väter machen positive Erfahrungen: In ihren Forschungsinterviews wurde deutlich, dass sich bei mehr als zwei Monaten manche Firmen querstellen oder den Vätern gar die konkreten Monate vorschreiben wollen, wann Elternzeit genommen werden könne.

Von Recum hat schon früh kommuniziert, dass er etwas länger in Elternzeit gehen möchte. Für Volker Baisch ein entscheidender Punkt. Er ist Gründer der Väter gGmbH, eine gemeinnützige Unternehmensberatung, spezialisiert auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowohl aus Väter- als auch aus Unternehmensperspektive. „Mangelnde Kommunikation zwischen Führungskräften und Mitarbeitern ist eines der Hauptprobleme“, sagt Baisch. Das bestätigt auch Reimer: „Viele Väter schieben es ganz lange vor sich her, mit Vorgesetzten darüber zu sprechen, weil sie sich nicht trauen.“

Andere Väter ermutigen

Oftmals wissen Führungskräfte erst gar nicht, dass ihre Mitarbeiter Väter werden. Um eine Veränderung zu erzielen, müssen vor allem die Unternehmen reagieren. „Sie müssen sichtbarer machen, dass bei ihnen auch Väter in Elternzeit gehen, um so andere Väter zu ermutigen. Das muss von den Führungskräften ausgehen und Teil der Unternehmenskultur werden“, sagt Baisch. „Trotzdem muss der Rahmen von der Politik gesetzt werden.“ Baisch wünscht sich vor allem eine frühe Ansprache von jungen Männern, damit sie sich schon in ihrer Berufsplanung mit dem Gedanken befassen, später mal längere Zeit auszusteigen oder in Teilzeit zu arbeiten.

Die trifft man dann nämlich nicht nur auf den Spielplätzen an, sondern auch in der Kinderarztpraxis. Mitten unter der Woche, an einem Vormittag, wenn die Partnerin eben arbeiten ist.