Uzin Utz ist ein börsennotiertes Familienunternehmen mit Sitz im Ulmer Industriegebiet Donautal. Foto: grandel-werbefotografie

Das Ulmer Familienunternehmen Uzin Utz ist in Europa und den USA erfolgreich. Mithilfe künstlicher Intelligenz werden Kosten gespart und neue Kundenkreise erschlossen.

Uzin Utz, das ist einer der so genannten Hidden Champions, wie es sie viele in Baden-Württemberg gibt. Das börsennotierte Familienunternehmen mit Sitz im Ulmer Industriegebiet Donautal arbeitet überwiegend still, aber erfolgreich: knapp 1500 Mitarbeiter weltweit, 476 Millionen Euro Umsatz, 43 Millionen Euro Gewinn (Ebit), so ist das vergangene Geschäftsjahr abgeschlossen worden. Im Zweischichtbetrieb entstehen in den Ulmer Werkshallen Spezialkleber für Bodenbeläge aller Art, in Pulverform in Papiersäcke abgefüllt oder als fertige Flüssigware, die in Blechdosen versandt wird. In einem Großlabor werden neue Produkte mit neuen chemischen Verbindungen erdacht und erprobt. Kunden sind überwiegend Handwerksbetriebe.

 

Ein konservatives Geschäft

Ein schon Jahrzehnte währendes, konservatives Geschäft. Und doch eines, das nicht so bleiben kann, sagt Vorstand Philipp Utz. „Wir müssen unsere Wachstumsgeschwindigkeit erhöhen. Je höher der Umsatz, desto höher die Ebit-Marge.“ Werde das nicht geschafft, drohe die teilweise größere internationale Konkurrenz zu enteilen. Zentrale Maßnahmen sind derzeit der Aufbau einer Matrixorganisation, die Reibungsverluste zwischen den weltweit 39 Standorten – darunter drei in den USA – minimieren und das Leitungspersonal auf präzisierte, gemeinsame Wachstumsziele einschwören soll. Und der weitere Ausbau einer KI-Strategie, die 2023 begonnen hat und von Vorstand Christian Richter verantwortet wird. Zwei Vollzeitkräfte, so Richter, beschäftigten sich mittlerweile ausschließlich mit Themen der künstlichen Intelligenz. Aber die Impulse müssten von oben kommen. „Das ist Vorstandsaufgabe, das einzufordern.“

Philipp Utz ist seit 2018 Mitglied des Vorstands bei Uzin Utz. Foto: Uzin Utz

Erste Etappen sind geschafft. So hat Uzin Utz mithilfe einer lokalen Start-up-Firma ein „AI Cockpit“ entwickelt, aufrufbar an jedem Firmencomputer und, so das Ziel, bald von jedem Mitarbeiter nutzbar. Die Plattform versammle bereits mehr als 130 individuelle KI-Modelle, beispielsweise zur Bildgestaltung, Materialforschung oder Videonutzung. Die Uzin-Produkte sind schulungsbedürftig, die Übersetzung auf Baustellen in aller Welt aber aufwändig. Demnächst soll die KI zentral produzierte Schulungsvideos lippensynchron in relevante Weltsprachen übersetzen können. Ein Vorteil nebenbei, so Vorstand Richter: Indem sich das Unternehmen auf allen Ebenen für KI-Anwendungen öffne, werde es auch für technikaffine, junge Stellenbewerber attraktiver.

Wetter-Bot als großer Wurf

Als einen großen Wurf betrachtet das Unternehmen ein Tool, das die hohen Kosten für Thermo-Transporte minimieren kann. Die Bauchemie-Produkte, ohnehin mit natürlichen Verfallsdaten behaftet, sind empfindlich gegenüber extremen Temperaturen. Auf einem Transportweg von einem Werk in Texas bis ins nördliche Kanada oder auch von Ulm nach Skandinavien kann ein Lkw leicht Temperaturunterschiede von 20 Grad Celsius durchfahren. Deswegen buchte Uzin Utz bisher in den Wintermonaten für seine Flüssigprodukte generell Thermotransporte. Ein neuer Chatbot, intern versorgt mit Liefer- und Wetterdaten, ermittelt nun, ob das wirklich immer nötig ist – und gibt Alternativempfehlungen zur Aufteilung der Ware. Am Ende müsse nur noch der Kunde einverstanden sein, dass seine Bestellungen unter Umständen in Tranchen geliefert werden, sagt Philipp Utz.

Kreativ werden die Ulmer auch bei der Hardware des Bodenverlegergeschäfts. Weltweit wachse der Fachkräftemangel im Handwerk, sogar in China, das drohe zum limitierenden Faktor für den Absatz zu werden, so Vorstand Utz. Die Lösung: Zusammen mit einem industriellen Partner sind die Ulmer dabei, KI-gesteuerte Robotiklösungen zu entwickeln. Das sind mit Sensoren bestückte, akkubetriebene, kompakte, leicht über Etagen zu transportierende Geräte, in deren Prozessoren Gebäude-Grundrisse gespeichert sind und die selbsttätig beispielsweise alte Bodenbeläge abschleifen oder -fräsen können. „Und der Handwerker konzentriert sich dann nur noch auf die Spezialbereiche“, so Utz. Einen Maler-Roboter dieser Art, geeignet für große Flächen, gibt es bereits.

Ulrich Faisst ist Chief Technology Officer (CTO) der All for One Group mit Sitz in Filderstadt-Bernhausen, einem führenden Beratungsunternehmen für SAP-Anwendungen. Foto: All for One Group/Luis Klink

Für Thomas Fischer, CEO des Management-Beratungsunternehmens Allfoye mit Sitz in Düsseldorf, ist das, was Uzin Utz eingeleitet hat, beispielgebend. Zwar müssten gerade auch Familienunternehmen in einer permanent durchgerüttelten Welt lernen, „das Management von Unschärfe zu beherrschen“. Klar sei aber: „Die Zukunft spielt in der Cloud.“ Ulrich Faisst ist Chief Technology Officer (CTO) der All for One Group mit Sitz in Filderstadt-Bernhausen, einem führenden Beratungsunternehmen für SAP-Anwendungen. Er kennt Uzin Utz ebenfalls gut. Seine Warnung an alle Familienunternehmen, die mit KI noch warten wollen, ist einem Satz des taiwanesischen Informatikers, Unternehmers und Autors Kai-Fu Lee entlehnt: „Künstliche Intelligenz wird den Menschen nicht ersetzen. Aber Menschen, die KI nutzen, werden jene ersetzen, die es nicht tun.“