Der umstrittene sächsische Kabarettist Uwe Steimle hat im Renitenztheater die oft sehr ambivalenten Nummern seines Programms „Feinkost“ präsentiert. Den einen gilt Steimle als Sprachrohr von Pegida, den anderen als Kämpfer für die Meinungsfreiheit.
Stuttgart - Manchen gilt er als der unerträglichste Kabarettist Deutschlands, als Propagandist der AfD, als Lautsprecher von Pegida, als Zersetzungsagent, der Reichsbürgerideen auf Kleinkunstbühnen hoffähig machen will: der Sachse Uwe Steimle, Jahrgang 1963. Er hetze, heißt es, in seinen Programmen und in Sendungen des Mitteldeutschen Rundfunks gegen Geflüchtete, verharmlose Nazis und sei folgerichtig auch Antisemit. Letzteres von Steimle zu behaupten, hat ein Gericht entschieden, sei durch die Meinungsfreiheit gedeckt.
Als Uwe Steimle am Freitagabend die Bühne des Renitenztheaters betritt und die vielen Ostdeutschen im Publikum mit einem kräftigen „fast wie daheeme“ begrüßt, antworten nicht nur Gelächter und Applaus, sondern ein inbrünstig anfeuernder „Uuuuuwe!!!“-Ruf aus der Tiefe des ausverkauften Saals. Eine fröhliche Welle des Gemeinschaftsgefühls reißt auch die anwesenden Schwaben mit, ein Grundton von Großfamilienfeier. Rasch tritt die eine Seite Steimles zutage, die des Heimatsuchers und Heimatstifters, die des Menschenverknüpfers und Wundenheilers.
Die Tricks des Zauberers
Eine dieser Wunden: der sächsische Dialekt. Der wird von Besserwessis eher als Makel denn als Eigenheit wahrgenommen. Steimle spricht stolz Sächsisch. Dialekte begreift er als Wurzelgrund für Menschen. Wie meist bei ihm gibt es aber eine scharfe Kante – die beinahe, aber dann doch nicht ausgesprochene Frage, ob jemand, der keinen deutschen Dialekt geerbt hat, je hier heimisch werden kann. Da ist die andere Seite Steimles, die des Provokateurs und Verunsicherers.
Ambivalente Gags will er nicht erklären. Einen Kabarettisten nach seiner Haltung zu fragen, sagt er, das sei so, als bitte man einen Zauberkünstler, seine Tricks zu verraten. Nach wie vor aber nennt er sich einen Unterstützer und Wähler der Linken, nicht der Rechten.
Eine Wahrnehmungsverschiebung
Seit 2013 reist er für die TV-Reihe „Steimles Welt“ durch Städte und Dörfer im Osten. Ganz normale Provinzler und auch mal etwas verschrobenere Zeitgenossen stellt er vor, immer auf Augenhöhe. Nie erhebt sich der Mann, der den Begriff Ostalgie erfunden und mit seinen Programmen definiert hat, über seine Gesprächspartner. Doch im Osten hat sich viel verändert, und Steimle macht diese Entwicklung mit.
Auf der Bühne spottet Steimle im Programm „Feinkost“ über Hysterisierung, über den Wahn, überall im Osten seien Nazis offen zugange. Wenn bei ihm der Kunde im Süßwarengeschäft Nazischokolade verlangt, greift die Verkäuferin kundig zur Tafel mit 88 Prozent Kakaoanteil. Steimle hat da vielleicht etwas am Wickel. Aber wie er den Gag aufbaut, schafft eine heikle Stimmung: Als sei alle Aufmerksamkeit gegenüber der braunen Vernetzung und Dreistheit Gespensterseherei.
Pauschalisierende Kritik an den Ossis führt zu Kränkung und zur Solidarisierung mit jenen, die ursächlich für die Kritik waren. Wird man selbst zu Unrecht beschuldigt, Nazi zu sein, scheinen einem auch die Nazis keine mehr zu sein. Dieser Prozess der Wahrnehmungsverschiebung spiegelt sich in Steimles Nummern.
Provoziertes Missverständnis
Viele haben ein irritierendes Quäntchen Zuviel oder Zuwenig. So kommt er selbst auf sein viel Empörung auslösendes T-Shirt mit der Aufschrift „Kraft durch Freunde“ zu sprechen. Man hat ihm unverantwortliches Zündeln mit der Nazi-Parole „Kraft durch Freude“ vorgeworfen. Steimle aber verblüfft und erheitert sein Publikum mit der Erklärung, die Verdrehung stamme nicht von ihm, sondern vom 1978 verstorbenen Kabarettisten Werner Finck, der von den Nazis ins KZ gesteckt wurde. Was Steimle auslässt: Er hat den Spruch in Fraktur drucken lassen, also in jener Schrift, die Rechtsradikale gerne verwenden. Weiß man das, erscheint das Missverständnis provoziert.
Man müsse miteinander reden, betont Steimle auf und hinter der Bühne oft und dringlich. Sein Spott auf der Bühne aber über Systempresse und „Volkswegtreter“ ist deckungsgleich mit Pegida-Parolen. Die Ostbürger, visioniert er, müssten das hiesige System so wegfegen wie einst die SED-Diktatur. Viel Diskussionsbereitschaft ist da nicht mehr herauszuhören.
Kernsätze der Ultrarechten
Dass er Kernsätze der Ultrarechten von sich gibt – „Deutschland ist ein besetztes Land“ – und mit gleicher Entschiedenheit betont, wie sehr er die gewaltbereite Rechte verabscheue, ist kein individueller Widerspruch. Er findet sich bei vielen, die einmal in einer konservativeren CDU und vitaleren SPD ein politisches Zuhause hatten und sich nun radikalisieren.
Die achten nicht nur auf das, was Steimle sagt, sondern darauf, wie mit und über Steimle gesprochen wird. In dessen Programm spielt das Geächtetwerden immer wieder eine Rolle: In Talkshows werde er seit zwei Jahren nicht mehr eingeladen, er warte nun darauf, dass man ihm auch noch seine Kabarettpreise aberkenne. Die aktuelle Forderung, der MDR solle ihn fallenlassen, wird seine Fans kaum davon überzeugen, einige von Steimles Ansichten seien falsch. Es wird sie überzeugen, es herrsche Gesinnungsterror. Gedankenfreiheit sei die Hauptschlagader der Demokratie, sagt Steimle vor einem Publikum, das einverständig nickt, als wisse es diese Freiheit in akuter Gefahr.