US-Präsident Donald Trump und sein Handelsminister Howard Lutnick (li.), Mercedes-Chef Ola Källenius (re.) Foto: dpa

Die USA werben aggressiv um deutsche Auto-Jobs. Mercedes-Chef Källenius berichtet nun von einem beispiellosen Angebot. Wie sicher sind die Arbeitsplätze vor Trumps nächsten Deals?

Es ist eine prominente Runde, die sich zwei Wochen vor Weihnachten im Ballhaus in Osnabrück beim Moderator Markus Lanz zum „Zukunftsdialog Mittelstand“ versammelte. Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing gehörte dazu, ebenso der Ökonom Hans-Werner Sinn, Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger und Mercedes-Chef Ola Källenius.

 

Dulger und Sinn waren sich einig, woran es in Deutschland unter anderem fehlt: vor allem an einer tiefgreifenden Reform des Sozialstaats. Sewing hob die hohe Zahl krankheitsbedingter Fehltage hervor und plädierte für eine veränderte Einstellung zur Arbeit – eine Forderung, die Källenius seit Längerem teilt.

Bremerhaven ist eine Drehscheibe für den Export deutscher Autos. Dieser wird durch Zölle in den USA erschwert. Foto: Ingo Wagner/dpa

Über diese Debatte berichtet die Heristo AG, ein mittelständischer Lebensmittel- und Tiernahrungshersteller aus dem Landkreis Osnabrück und Namensgeber des Zukunftsdialogs, ausführlich in einer Pressemitteilung. Kaum öffentliche Beachtung fand bislang jedoch eine andere Aussage von Källenius, die vielen Beschäftigten in Deutschland das Blut in den Adern gefrieren lassen dürfte.

Mercedes-Chef wollte über Autozölle sprechen

Demnach traf sich Källenius im Januar 2025 mit Howard Lutnick, dem heutigen amerikanischen Handelsminister, zum Frühstück. Lutnick stand damals kurz davor, in diesem Amt bestätigt zu werden. Källenius habe – so berichtet das digitale Berliner Wirtschaftsmedium „The Pioneer“ – nach eigenem Bekunden versucht, seinem Gesprächspartner die geplanten Autozölle auszureden.

Doch Lutnick, Milliardär aus der Finanzindustrie und als loyaler Trump-Gefolgsmann bekannt, habe laut Källenius das Treffen „in ein Verkaufsgespräch mit dem Ziel verwandelt, Mercedes in die USA umzuziehen“. Lutnick, so der Mercedes-Chef, habe ihm „fast jede Standortbedingung geboten, von der mein Finanzchef nur träumen kann“. Källenius‘ Fazit: „So ein Gespräch habe ich noch gar nie mit einem Politiker geführt.“

Mercedes: Sind einer der größten Exporteure der USA

Am Dienstag konkretisierte Källenius bei einer „Pioneer“-Veranstaltung in Berlin, wie das Treffen verlaufen war. „Ich wollte die Auswirkungen der Zölle erklären und darauf hinwirken, dass man nicht nur in eine Richtung denkt”, so der Mercedes-Chef. Außer den Importen von Autos in die USA müsse man auch die Exporte in den Blick nehmen, da Mercedes ja einer der größten industriellen Exporteure aus den USA heraus sei.

Lutnick habe darauf geantwortet, Geschäfte in den USA zu betreiben sei schon jetzt eine gute Sache, und die neue Administration werde die Voraussetzungen für Unternehmertum in alle Richtungen – von Energiekosten über Steuerung bis zur Regulierung – verbessern. Angesichts einer solchen Verbesserung der Rahmenbedingungen, so gibt Källenius die Aussage von Trumps Handelsminister wieder, könne es „ja nur ein Ziel geben: zieh um nach Amerika”.

„Mercedes ist global und schwäbisch verwurzelt“

Was Källenius dem US-Minister antwortete, sagte er nicht – bei der Veranstaltung in Berlin erklärte er aber, der Stern sei zwar seit über 100 Jahren „ein globales Unternehmen, aber wir sind schwäbisch verwurzelt”. Die Wurzeln „kann und will man auch nicht aus dem Boden herausziehen”. Man werde zwar „jederzeit in den USA investieren, das ist ja die größte Volkswirtschaft der Welt”. Aber die Hauptquartiere in die USA zu verlegen, „das wäre vielleicht ein bisschen zu viel des Guten”.

Der Källenius-Auftritt in Osnabrück ist nicht der einzige, bei dem er sich im Kreis von Unternehmern – je nach Interpretation – erstaunt, fasziniert oder entgeistert über die amerikanischen Avancen äußerte. Bereits im Mai vergangenen Jahres hatte er in Stuttgart vor Unternehmern des Arbeitgeberverbands Südwestmetall erklärt, es sei „unglaublich“, welche Anreize US-Politiker böten, um Unternehmen etwa nach Texas zu holen.

Källenius freut sich über Interesse der US-Administration

Kurz zuvor hatte er in den USA an einer Veranstaltung des Programms „Select USA“ teilgenommen, mit dem amerikanische Regierungen seit George W. Bush ausländische Unternehmen bei Ansiedlungen unterstützen. Auch damals berief sich Källenius auf seinen Finanzchef Harald Wilhelm: „Wenn sich unser Finanzchef eine Wunschliste hätte zusammenstellen können, auf so etwas wäre er gar nicht gekommen.“

Dieses intensive Werben um deutsche Autobauer entspricht ganz der Linie des US-Präsidenten, der seit Langem erklärt, er wolle deutsche Autokonzerne zu amerikanischen machen: Fabriken in den USA, Arbeitsplätze für amerikanische Beschäftigte. Dafür stellt er Unternehmen niedrige Steuern, die günstigsten Energiepreise und die geringste Regulierung in Aussicht.

Mercedes erhöht Produktion in den USA

Der Lockruf aus den USA verfängt bei Mercedes durchaus – auch weil Washington mit massiv erhöhten Einfuhrzöllen den Import von Autos aus deutscher Produktion verteuert. In diesem Zusammenhang hat Mercedes bereits angekündigt, Teile der Produktion des volumenstarken Modells GLC in die USA zu verlagern. Unterhalb des Umzugs ist auch für Källenius einiges vorstellbar.

Nopper: Müssen den Industriestandort verbessern

Für Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) muss das Werben um die Ansiedlung von Mercedes auch Anlass sein, den Industriestandort Deutschland in den Blick zu nehmen. Källenius habe „das Richtige gesagt. Mercedes-Benz gehört zu Stuttgart wie die Freiheitsstatue zu New York“, erklärt er. Die Brautwerbung des US-Präsidenten zeige aber auch, „dass wir in Deutschland alles dafür tun müssen, um die Wettbewerbsfähigkeit unserer global agierenden Automobilwirtschaft zu verbessern“.

VW-Chef Blume dreht den Spieß um

Nicht alle Chefs deutscher Autokonzerne reagieren jedoch ähnlich auf die amerikanische Politik von Zuckerbrot und Peitsche. VW-Chef Oliver Blume drehte kürzlich den Spieß um und stellte seinerseits Bedingungen für neue US-Investitionen. „Bei einer unveränderten Belastung durch die Zölle ist eine große zusätzliche Investition nicht finanzierbar“, sagte er. Sein Faustpfand gegenüber den USA ist allerdings um einiges größer als – bisher jedenfalls – das von Källenius: Blume stellt den Amerikanern den Bau einer komplett neuen Fabrik in Aussicht.