Kamela Harris betritt vietnamesischen Boden. Foto: AFP/EVELYN HOCKSTEIN

Die USA stehen vor einer völlig neuen Situation. Nun intensivieren die Suche nach Partnern in Asien. Doch China macht das schon lange, kommentiert Christian Gottschalk.

Stuttgart - Rush Doshi hat ein Buch fertig gestellt, kurz bevor er seinen neuen Job begonnen hat. Und weil Doshis Aufgabe nun darin besteht, den US-Präsidenten federführend in Fragen der Chinapolitik zu beraten, ist die darin verbreitete Analyse weit mehr, als nur das Ergebnis einer wissenschaftlicher Expertise. Der China-Experte hat Unmengen von offiziellen Dokumenten aus dem Reich der Mitte untersucht. Er kommt zu dem Schluss, dass China bereits Ende der 80er Jahre die USA als großen Rivalen der Zukunft erkannt hat. Zu einer Zeit, als die beiden Staaten als lose Verbündete galten, mit dem gemeinsamen Gegner Sowjetunion. Seit rund 40 Jahren also betreibe China eine Politik, die langfristig darauf ziele, die USA von der Spitze der Weltordnung zu verdrängen – und sich dort selbst zu platzieren.

 

Wettern gegen Chinas Ambitionen

Ganz unabhängig davon, ob Doshi mit all seinen Thesen richtig liegt oder nicht: da er zu denen gehört, die dem US-Präsidenten sagen, wie China funktioniert, hat seine Meinung Gewicht. Sowohl wenn es um die chinesische Langzeitstrategie geht, als auch bei Sicherheitsfragen im Pazifik. Und man darf davon ausgehen, dass Kamala Harris sehr ausführlich in diesem Sinne gebrieft wurde, bevor sie zu ihrer Reise in die Region aufgebrochen ist, die an diesem Donnerstag endete. Die Vizepräsidentin der USA hat dabei in Singapur und in Hanoi gegen die Machtambitionen Chinas im südchinesischen Meer gewettert – und ziemlich unverblümt Verbündete für die USA vor Ort gesucht.

Es ist keine Überraschung, dass Harris die Expansionspolitik Chinas in der Region in den Vordergrund gerückt hat. Peking hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Felsen, Riffe und Inseln im südchinesischen Meer zu heimischen Verwaltungsbezirken aufgebaut, eigene Postleitzahl inklusive. Wo einstmals Vögel und Fische unter sich waren, stehen nun Radarstationen und Hafenanlagen, zwischen denen große Kriegsschiffe liegen. Das stößt bei vielen Anrainerstaaten auf ein deutliches Missfallen. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille.

Keine zufällige Auswahl

Wirtschaftlich sind die Länder in Südostasien auf das engste mit Peking verflochten. Das Herz schlägt mal mehr und mal weniger im gleichen Takt. Singapur und Vietnam sind nicht zufällig für diese Reise gewählt worden: beide Staaten unterhalten solide Beziehungen zu beiden Großmächten. Und sie zeigen auch nach dem Harris-Besuch keine Ambitionen, daran etwas zu ändern. Die USA werden in Asien sehr dicke Bretter bohren müssen, um im Verhältnis zu den meisten Staaten zumindest den Status quo zu erreichen. China baut nicht nur Inseln aus, es schmiedet seit Jahren vermehrt Allianzen.

Und Peking ist auf der Hut. Der US-Versuch, mit einem Impfstoffgeschenk in Millionenhöhe zu punkten, ist umgehend gekontert worden. Noch unmittelbar vor der Landung der Vizepräsidentin in Hanoi bestand der chinesische Botschafter auf ein Gespräch mit dem vietnamesischen Premier – um seinerseits eine doppelt so großzügige Spende an Vakzinen zu versprechen. Manche sehen darin eine chinesische Angst vor der amerikanischen Charme-Offensive. Noch deutlicher wird aber der gewaltige Einfluss Chinas auf seinen Nachbarn, der den Gesprächswunsch sofort akzeptierte.

Spannungen sind zu befürchten

Für Washington ist das eine völlig neue Situation. Daran gewohnt, die globale Führungsmacht zu sein, muss sich die USA nun in einer Region um Partner bemühen, die von einer konkurrierenden Macht dominiert wird. Der Kampf um Herz und Hirn wird nicht ohne zunehmende Spannungen abgehen. Und mit geschicktem Lavieren wird manch eine eher kleine Nation versuchen, großes Kapital für sich herauszuschlagen.