Die US-Regierung hat Visa-Verfahren von Studenten gestoppt. Drei Stuttgarter Studenten, die ein Auslandssemester in den USA planen, erzählen, was die Hängepartie mit ihnen macht.
Manuel (Name von der Redaktion geändert), träumt schon lange von einem Auslandssemester in den USA. Seit er mit zehn Jahren das erste Mal dort war, begeistert er sich für das Land. „Ich mag die offene Kultur sehr und man kann dort viel erreichen und sich ziemlich frei entfalten“, erzählt der junge Mann, der in Stuttgart studiert. Ende August soll nun sein Auslandssemester beginnen.
Doch Manuels Traum droht zu platzen. Denn die US-Regierung hat vor zwei Wochen die Visa-Verfahren für Studenten, Schüler und Au-pairs gestoppt. Laut Medienberichten wies das Außenministerium in einer internen Mitteilung Botschaften und Konsulate der USA dazu an, bis auf weiteres keine Termine für Studenten- oder Austauschvisa zu vergeben. Grund ist offenbar, dass die Verfahren zur Überprüfung von Visa-Bewerbern überarbeitet werden sollen. In Zukunft soll es wohl umfassendere Social Media Kontrollen geben. Wie lange die Vergabe von Terminen gestoppt ist, ist bislang nicht abzusehen.
Die US-Regierung unter Donald Trump greift derzeit stark in die Hochschulpolitik ein. Die Trump-Regierung begründet ihr Vorgehen gegen Universitäten wie Harvard mit Fällen von Antisemitismus und propalästinensischen Protesten. Besonders im Fokus stehen dabei immer wieder ausländische Studierende.
Visastopp betrifft Stuttgarter Studenten
Der aktuelle Visastopp trifft auch junge Menschen in Stuttgart wie Manuel, die ein Auslandssemester in den USA planen. Er möchte anonym bleiben, um zu verhindern, dass seine Äußerungen negative Konsequenzen für sein Visum haben könnten. Manuel hat bisher keinen Termin. Als er von dem Stopp erfuhr, habe ihn das verunsichert, erinnert er sich. „Wenn man mehrere Jahre darauf hin spart, weil das dein großer Traum ist, dann bekommt man jetzt schon große Angst, dass er platzen könnte.“
Manuel hat viel Zeit und Geld in den Bewerbungsprozess gesteckt. Wenn er das halbe Jahr zu Hause bleiben müsste, wäre das eine schwierige Zeit, sagt er. Auch, weil er fest mit dem Auslandsaufenthalt gerechnet und keine Pläne in Deutschland gemacht hat.
Vor allem die Unsicherheit, wie es nun weitergeht, sei schwierig. „Das ist das, was einen auch ein bisschen schlaflos zurücklässt, weil man einfach nicht weiß, ob man noch eine Chance hat.“ Und gleichzeitig wird die Zeit immer knapper. „Dadurch, dass ich jetzt kein Visum habe, schiebt sich auch die Wohnungssuche weiter nach hinten“, erklärt Manuel. Mehrmals täglich prüft er, ob es neue Informationen gibt. Die Angst, dass es mit dem Auslandssemester nicht klappen könnte, sei immer da. Er versuche aber, positiv zu bleiben. Schließlich könne er die Situation nicht beeinflussen, sagt er. Er sei „vorsichtig optimistisch“, dass er noch ein Visum bekommt.
Wieviele Studente an den Hochschulen sind betroffen?
Die Hochschulen in Stuttgart beobachten die aktuelle Lage. Von den 16 Studierenden der Universität Hohenheim, die in die USA wollen, haben die meisten laut dem Leiter des Akademischen Auslandsamtes Benjamin Gehring bereits ein Visum oder einen Termin. Die Visa-Gespräche in den vergangenen Wochen seien ereignislos verlaufen. Große Sorge nimmt er unter den Studierenden nicht wahr, bisher habe auch niemand vom Auslandssemester zurücktreten wollen. „Nordamerika ist schon immer ein beliebtes Ziel bei Studierenden gewesen. Dass man das aufgibt, bevor man nicht genau weiß, was passieren wird, haben wir bisher nicht erlebt.“
An der Universität Stuttgart planen 19 Studierende ein Wintersemester in den USA über das Austauschprogramm, zwölf Studierende wollen im Sommersemester dorthin. Bisher sei niemand davon zurückgetreten, heißt es von Seiten der Universität. Ein Drittel der Studierenden warte derzeit noch auf einen Visum-Termin.
An der Hochschule der Medien wollen im August elf Studierende in die USA starten, auch hier haben einige noch keinen Visum-Termin. Die Studierenden seien verunsichert, sagt Martina Schumacher, Leiterin des Akademischen Auslandsamtes. Die meisten hätten aber schon ein Visum oder einen Termin und könnten ihren Aufenthalt normal durchziehen. Abgesagt habe bisher niemand sein Auslandssemester. Schuhmacher geht davon aus, dass der Visastopp neben den hohen Lebenshaltungskosten in den USA und der Wiederwahl von Donald Trump dazu führen wird, dass weniger Studenten dorthin reisen wollen. „Aber Studenten, die unbedingt in die USA wollen, lassen sich davon nicht beeinflussen.“
Manuel würde sich immer wieder für ein Auslandssemester in dem Land entscheiden. „Es war mein absoluter Traum und ich würde es immer wieder versuchen.“ Sorgen darüber, dass für sein Visum seine Social Media Accounts genauer überprüft werden, macht er sich wenig. „Ich bin sehr präsent auf Social Media, aber ziemlich unpolitisch. Das dürfte kein Problem sein.“
Stärkere Kontrollen bereiten Sorgen
Lynn (Name von der Redaktion geändert) würde sich heute nicht mehr für ein Auslandssemester in den USA entscheiden. Die Stuttgarter Studentin wartet ebenfalls seit zwei Wochen darauf, dass die Visum-Termine wieder freigegeben werden. „Dadurch, dass ich dort hingehe, habe ich das Gefühl, dass ich die Regierung und die Unterdrückung von Meinungsfreiheit und von Minderheiten unterstützen“, erklärt sie. Auch, dass internationale Studenten künftig stärker durchleuchtet werden sollen, macht ihr Sorgen.
Wenn sie ihr Visum bekommt, möchte sie trotzdem in die USA reisen, ihr Semester dort plant sie bereits seit einigen Monaten. Es sei ihre letzte Chance, im Ausland zu studieren, sagt Lynn.
Visastopp ist ein Schock
Als sie im Urlaub von dem Visastopp erfährt, ist das für sie ein Schock. „Ich dachte erst, das betrifft mich nicht. Als ich dann gesehen habe, dass es doch so ist, war das einfach beängstigend“, sagt sie. Auch sie hat schon viel Zeit und Geld in das Auslandssemester investiert, ihre jetzige Wohnung in Deutschland hat sie schon gekündigt.
Lynn prüft ständig, ob wieder Termine möglich sind, ihre Gedanken kreisen in ihrem Alltag oft darum. Das Warten macht sie nervös, sie ist angespannt. „Das ist der letzte Schritt, ich muss nur noch diesen Termin machen, aber jetzt muss ich warten“, erklärt Lynn. Sie ist optimistisch, dass sie ihr Visum noch bekommen wird. Mit jedem Tag, an dem die Termine nicht wieder freigegeben werden, nehme das allerdings ein kleines bisschen ab. „Ich gehe aber nicht davon aus, dass es keine Visa mehr geben wird.“
Lynn achtet darauf, was sie auf Instagram liked
Mit Blick auf mögliche strengere Kontrollen ist Lynn jetzt vorsichtig, was sie in den Sozialen Medien macht. Alte Instagram-Storys, in denen es um Palästina ging, hat sie aus ihrem Instagram-Archiv gelöscht, sie liked und teilt lieber nichts mehr, was kritisch aufgefasst werden könnte.
Auch die Stuttgarter Studentin Alena (Name von der Redaktion geändert) liked momentan nichts mehr auf Social Media, das kontrovers sein könnte. Die junge Frau möchte eigentlich zwei Semester in den USA studieren und hat ebenfalls noch keinen Visum-Termin bekommen. „Mir ist es nicht so wichtig, dass ich auf Social Media Sachen like, aber es ist krass, dass mich das so sehr kontrolliert.“
Anfang August soll es für sie in die USA gehen, der Flug ist schon gebucht, ihr WG-Zimmer gekündigt. Der Visastopp ist für Alena ein Schock und sorgt für viel Unsicherheit. „Die Nachricht, dass es keine neuen Termine mehr gibt, hat mich ziemlich traurig gemacht. Ich habe jetzt sehr lange darauf hingeplant“, sagt Alena. „Ich hab noch ein bisschen Hoffnung, dass es irgendwie funktioniert, aber ich habe schon auch einfach Angst, dass es nicht klappt.“
Die Ungewissheit, wie es weiter geht, ist schwer für sie. „Ein klares Nein wäre mir im Moment fast lieber, weil ich dann wüsste, dass ich umplanen muss“, erläutert die Studentin. „Alles kann sich im Moment super spontan ändern. Und selbst wenn ich jetzt einen Termin bekommen würde, würde ich nicht mehr darauf vertrauen, dass ich wirklich das Visum bekomme oder einreisen kann.“
„Nicht das beste Land als internationale Studentin “
Kurz habe sie darüber nachgedacht, ihr Auslandssemester abzusagen – als die Trump-Regierung immer massiver gegen die Harvard-Universität vorging, und als Alena mitbekam, dass bei der Einreise teilweise Handys kontrolliert werden. „Da habe ich überlegt, ob ich das wirklich möchte. Aber die USA ist nicht nur ihre Politik. Und ich bin schon so weit in dem Prozess rund um mein Auslandssemester, da finde ich es schwierig, jetzt auszusteigen.“ Heute würde sie sich nicht noch einmal für ein Auslandssemester dort bewerben. Vor allem die politische Situation und wie mit internationalen Studenten umgegangen werde machen ihr Sorgen. „Ich glaub, die USA sind gerade nicht das beste Land, in das man als internationale Studentin gehen kann.“