Eine Fahrt durch die USA mit der Bahngesellschaft Amtrak kann die reinste Augenweide sein - hier geht es über den Columbia River in Oregon. Foto: Amtrak

Bahnfahren im Land der Vielflieger? Mit dem Amtrak-Zug vorbei an grandiosen Landschaften.

Bahnfahren im Land der Vielflieger? Aber ja. Die Trasse des Sunset Limited führt zwischen New Orleans und Los Angeles durch grandiose Landschaften.

Eisenbahnreisen in den USA beginnen immer an einer Absperrung und einem Schaffner, der die Fahrgäste zu ihrem Zug bringt. Mit einem Ruf wie: "The Sunset Limited! Houston, St. Austin, El Paso, Los Angeles!" versammelt er die Passagiere um sich, um sie zu ihren Wagen im Zug zu begleiten. Er allein weiß, wo der Zug abfährt. Fahrpläne mit Gleisangaben wie in Deutschland gibt es in den USA nicht.

Seit 1904 fährt der Sunset Limited von New Orleans auf der einen Seite der USA nach Los Angeles auf der anderen Seite. "Limited" kennzeichnet hier die Expresszüge mit "limitierten" Stopps. Der Sunset Limited hält auf seiner Fahrt genau 21-mal. Nicht viel für eine Reise einmal quer durch Nordamerika. Bevor die Verkehrsflieger übernahmen, gab es eine tägliche Atlantik-Pazifik-Verbindung. Heute müssen drei Abfahrten pro Woche genügen.

Das Fahrpensum des Sunset Limited ist gewaltig. Es geht 3211 Kilometer weit durch sechs Staaten und vier Zeitzonen. Er hat eine Strecke die der von Dänemark bis nach Ägypten entspricht. Nach Plan soll er in 48 Stunden und 15 Minuten in der Union Station von Los Angeles einlaufen. Es kann aber länger dauern. Regelmäßige Sunset-Nutzer erzählen von Unwettern unterwegs, Erdbeben oder sonstigen Störungen und Verspätungen bis zu 11 Stunden. Doch US-Bahnfahrer sind geduldig. "Ist ja einmal quer durch die USA", entschuldigen sie ihre Bahngesellschaft, die Amtrak.

Die zweistöckigen Superliner-Waggons sind höher und breiter als europäische Eisenbahnwagen, und die Züge sind länger. Amerikaner erwarten, dass sie in den Zügen bestens betreut werden. Dafür ist im Sunset-Zug zum Beispiel Julie verantwortlich. Ihr "Sleeper" – der Schlafwagen – ist 26 Meter lang, drei Meter breit und fünf Meter hoch. Das erfordert von ihr ein großes Laufpensum. Mal wird nach einem weiteren Handtuch verlangt, dann müssen Zeitungen verteilt werden. Julie hat ihr eigenes Abteil im Personalschlafwagen. Nachts muss sie oft raus. Denn jeder Passagier wird, wenn das Reiseziel erreicht ist, vom zuständigen Schaffner persönlich verabschiedet. "Jetzt geht es gleich über den Mississippi", kündigt sie die erste Attraktion der Reise an. Die Hobbyfotografen beeilen sich, um sich einen Platz im Panoramawagen des Zuges zu sichern. Den Ausblick auf die 41 Meter hohe und 7 200 Meter lange Huey P. Long Bridge und anschließend von ihr hinunter auf den Fluss will niemand versäumen. "Dies ist die längste Eisenbahnbrücke der USA", heißt es – Amerikaner sind gierig nach Rekorden, entsprechend wird die Überfahrt gewürdigt.

Das Land hinter New Orleans ist nass. Die Bahningenieure haben hier Pfähle, die die Schienen tragen, so tief in den Sumpf gerammt, dass es vom Zugfenster aussieht, als führe der Sunset-Express auf dem Wasser. Einige Wasservögel fliegen auf, hier und da scheinen Baumstämme in den Sumpfteichen zu schwimmen. Es sind Alligatoren, die auf Beute lauern. Danach geht es entlang endloser Soja-, Mais- und Zuckerrohräckern weiter Richtung Westen. New Orleans liegt jetzt schon 400 Kilometer zurück.

Während Julie im Schlafwagen die Betten ausklappt, entspannen ihre Fahrgäste im Panoramawagen. "Warum Zug?" fragt jemand. "Flugangst" ist eine Antwort. "Lordsburg, New Mexico" eine andere. "Da kommst du nur mit dem Zug hin." Mennoniten erklären, Zugfahren sei mit ihrem Glauben zu vereinbaren, Fliegen hingegen nicht. Andere zeigen einfach ihre Tickets vor: "Preiswerter kommst du nicht ans Ziel."

Zum Frühstück am nächsten Morgen trifft man sich wieder. Die Landschaft draußen vor dem Zug erinnert an alte Wildwestfilme. "Texas" , sagt Julie. "Jetzt kommen die Felswüste und die Canyons." Nicht lange danach hält der Sunset in El Paso. 50 Minuten Aufenthalt – Gegenzüge müssen passieren. Das reicht, um von der Eingangshalle des Bahnhofs den Blick auf Ciudad Juárez, die mexikanische Parallelstadt jenseits des Rio Grande, zu genießen. Hinter El Paso wurde ein Metallgitterzaun entlang der Schienen gebaut. Davor zeugen viele Reifenspuren davon, dass US-Grenzer hier ständig unterwegs sind, um Mexikaner an der illegalen Einwanderung zu hindern.

Im Zug interessiert das weniger. Er fährt inzwischen 90 Minuten hinter dem Fahrplan her, einige Mitfahrer wollen auf extreme Verspätungen wetten. Es kommt anders. Am darauf folgenden Morgen weckt Julie ihre Passagiere unerwartet früh. Der Sunset Limited hat über Nacht Zeit gutgemacht und wird Los Angeles 40 Minuten früher als im Fahrplan steht erreichen. Während im Speisewagen noch das Frühstück aufgetragen wird, rollt der Zug bereits durch die ersten Vororte. Es ist 9.30 Uhr Pacific Time, und Julie verabschiedet sich in der Union Station von ihren Fahrgästen. Wieder folgen die Reisenden Amtrak-Schaffnern. Das Gepäck wird zum Ausgang des Bahnhofs gefahren – auch das gehört zum Service der US-Bahnen.

Mit dem Sunset Limited von New Orleans nach Los Angeles

Preise

1 Dollar = 0, 81 Euro
Kaffee ab 1,50 Euro
Sandwich ab 3 Euro
Bier 2,50 Euro
Frühstück ab 5 Euro

Wetter

Beste Reisezeit: Frühling und Herbst. Im Hochsommer kann es sehr heiß werden. Die beschriebene Tour eignet sich auch für Wintertermine.

Unterkunft

In New Orleans und Los Angeles gibt es jede Art von Hotel – einfache Motels ab 40 Euro/DZ und alle großen Hotelketten.

Fahrpreise

Die Fahrt in Coach (Liegesitz) kostet je nach Reisedatum zwischen 136 und 266 Dollar, Kinder (2 bis 15 Jahre) zahlen die Hälfte. Die einfache Schlafkabine (Roomette: 2 Betten) kostet je nach Termin 241 bis 573 Dollar, das Schlafabteil (Bedroom 2) mit Dusche und Toilette 522 bis 1281 Dollar – egal, ob für eine oder zwei Personen. Das Familienabteil (2 Erwachsenen- und 2 Kinderbetten) rangiert von 424 bis 1033 Dollar. In jedem Schlafwagen gibt es ein Behindertenabteil (2 Betten, Raum für Rollstuhl, großer Toilettenbereich): ab 325 Dollar. In diesen Preisen sind alle Mahlzeiten inbegriffen. Coach-Passagiere zahlen zwischen 13 und 23 Dollar für ein Essen. Senioren (ab 62 Jahre), Behinderte und Studenten (gegen ISIC-Ausweis) erhalten 15 Prozent Rabatt auf den Fahrpreis. Automobilclubmitglieder fragen bei ihrem Club an. Bis zu 10 Prozent Rabatt sind möglich.

Trinkgelder

1 Dollar pro Drink, 15 bis 20 Prozent für den Kellner und 10 Dollar pro Person für den Schlafwagenschaffner – das ist Teil der Entlohnung.

Reservierung

Alle Züge müssen im Voraus reserviert werden. Auf www.amtrak.com gibt es Sonderangebote. Pässe für das gesamte Netz sind für Zeiträume von 15 bis 45 Tagen erhältlich – sie können eine Alternative sein, falls schon per Zug etwa über New York angereist wird. Über das Internet können die Fahrten günstig gebucht werden, weil – anders als bei deutschen Vermittlern – keine Bearbeitungsgebühr anfällt. Die Seite www.deutsch.amtrak.com (deutschsprachig) mit Informationen zu den Zügen samt der Benutzerführung für Buchungen ist vorbildlich. Die Züge können erhebliche Verspätungen haben, , deshalb nicht für den jeweiligen Ankunftstag etwa den Heimflug einplanen.

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