US-Wirtschaftskrise Amerikas Autostadt löst ihr Pfand aus

Von Siri Warrlich 

Pfandhaus-Betreiber Seth Gold kennt sich aus mit der Armut in Detroit. Foto: Siri Warrlich
Pfandhaus-Betreiber Seth Gold kennt sich aus mit der Armut in Detroit. Foto: Siri Warrlich

Plattenspieler, Perlenketten, Pelzmäntel: Rund 40 000 Kostbarkeiten hatte das größte Pfandhaus Detroits, Schauplatz einer Reality-TV-Sendung, in der Krise angesammelt. Jetzt holen die Leute ihre Habseligkeiten nach Hause. Die Geschichte einer Wiedergeburt, die im Pfandhaus beginnt.

Detroit - Cora guckte Fernsehen wie ein Uhrwerk. Am 15. jedes Monats, wenn der Frau  aus  Detroit  langsam  das  Geld für ihre Tabletten ausging, schleppte sie ihren 19-Zoll-Fernseher zu Seth Gold ins Pfandhaus und bekam 50 Dollar, umgerechnet ­etwa 46 Euro, dafür ausbezahlt. Am 1. des nächsten Monats, wenn ihr Gehalt kam,­ ­löste sie den Fernseher für 51,50 Dollar, rund 47,50 Euro, wieder ein. Etwa 3500 Darlehen, schätzt Pfandhausinhaber Gold, habe seine Familie der Frau im Laufe der Jahre gegeben. Der Mann mit den kurzen, gegelten Haaren dreht nachdenklich an seinem glänzenden Ring. „Die Erinnerung an Cora wird für immer in mein Hirn eingebrannt ­bleiben.“

Selbst Fernsehen war für die Frau ein ­rationiertes Gut. Das verdeutlicht, mit ­welcher Knappheit viele Detroiter in den letzten Jahren kämpften. Im Herbst 2008 hatte die Wirtschaftskrise die Arbeitslosenquote in der Stadt nach oben schießen lassen. Der Höhepunkt war im Juli 2009 erreicht: Fast ein Drittel aller Detroiter war damals ohne Arbeit. Landesweit waren es nur rund zehn Prozent. Detroit, die Autostadt Amerikas, verkam zum Symbol für den Niedergang der US-Wirtschaft.

Während dieser Talfahrt wurde das Pfandhaus der Familie Gold zu einer wichtigen Anlaufstelle für arme Detroiter, von denen viele nur schwer an eine Kreditkarte kamen. Fernsehgeräte, Motorräder oder Schmuck dagegen hatten sie aus besseren Tagen gebunkert. Diese Schätze liegen jetzt bei Seth Gold in der Lagerhalle. Im früheren Leben eine Bowlingbahn, erinnern die Räume heute an einen Gemischtwarenladen. Dessen Chef scheint nichts gegen eine Prise Chaos zu haben.

Jeder Gegenstand erzählt eine Geschichte

„Achtung“, ruft Gold gelegentlich, wenn einer der zig Dieselgeneratoren zu weit aus dem Regal herausragt oder ein sperriger Rasenmäher den Weg verstellt. In einer Ecke liegen zwei Puppen auf dem Boden. Neben den wuchtigen Generatoren wirken ihre Gesichter fragil und traurig – als könnten sie selbst nicht glauben, wie schnell das Schicksal sie von der weichen Kinderwiege in die kalte Lagerhalle bugsiert hat. Was nicht innerhalb von drei Monaten ausgelöst wird, verkaufen die Golds im vorderen Teil des Geschäfts. „Jeder der 40 000 Gegenstände, die wir einlagern, erzählt die Geschichte eines Menschen“, sagt Gold.

Die TV-Produktionsfirma truTV witterte, dass diese Schicksale wahres Fernsehgold liefern könnten – und machte das Pfandhaus zum Herzstück einer Reality-TV-Show. Im August 2010 wurde die erste Folge von „Hardcore Pawn“, auf Deutsch etwa „Harte Verpfändung“, ausgestrahlt. Nach Informationen des Internetportals „Deadline Hollywood“ sahen fast drei Millionen Amerikaner die Premiere. Mittlerweile wird die Serie auch in Deutschland gesendet (derzeit mittwochs von 20.15 Uhr bis 21.15 Uhr und samstags von 10.15 Uhr bis 12.15 Uhr auf dem Privatsender Dmax).

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